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"Fast 80 Prozent der Leistung sind Psyche"

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Marcel Nguyen hatte Nerven wie Drahtseile © dapd

München - Olympia, das heißt für die Sportler auch: Psychodruck. Die tz hat darüber mit Mentalcoach Steffen Kirchner gesprochen, der auch die Turner um Silberheld Marcel Nguyen betreut.

Herr Kirchner, vor den Spielen waren alle deutschen Turner bei Ihnen im Seminar. Gab’s einen großen Sitzkreis, oder wie darf man sich das vorstellen?

Kirchner: So ähnlich, ich hab vor ihnen emotional präsentiert. Aber nicht, dass Sie jetzt an das „Tschaka-Prinzip“ denken, das Gegenteil ist der Fall. Die Jungs bekommen von mir klare Ideen und ein Konzept und werden emotional angesteuert. Danach reflektieren sie die neuen Erkenntnisse oder probieren Dinge selbst aus.

Gold, Silber, Bronze - die deutschen Medaillengewinner bei Olympia 2012

Mit Tschaka meinen Sie Kabinenansprachen à la Klinsmann im Polen-Spiel der WM 2006?

Kirchner: Ja, aber da distanziere ich mich davon. Das ist nicht meine Philosophie, ich versuche, langfristig etwas zu bewirken.

Wo liegt der Unterschied zwischen dem Coaching einer Mannschaft und eines Einzelsportlers?

Kirchner: Bei einem Team brauche ich einen systemischen Ansatz. Es ist komplexer, weil es Abhängigkeiten in der Gruppe gibt. Das Ziel ist, untereinander Verbindungen zu schaffen, die am Ende nützlich sind. Beim Einzelsportler geht es um die klassische Fokussierung auf sich selbst und die Frage: Wie kann ich meine Wettkampfspannung finden? Wie kann ich mir einen mentalen Werkzeugkoffer zusammenstellen? Beim Einzelsportler geht es darum, was in ihm passiert, bei der Mannschaft um die Interaktion.

Sieht dieser Werkzeugkoffer bei jedem Sportler gleich aus?

Kirchner: Nein, komplett unterschiedlich. Ich gehe von 16 Lebensmotiven nach Doktor Steven Reiss aus, auch Olympiasieger Matthias Steiner oder Jürgen Klopp arbeiten damit. Man geht davon aus, dass jeder etwas anderes braucht, um sich sicher und glücklich zu fühlen und dementsprechend Topleistung bringen zu können. Mögliche Motive sind das Streben nach Beziehungen, nach Macht oder Team-Orientierung. Je nach Ausprägung ergibt sich ein Charakter und dadurch verschiedene Werkzeuge. Das ist von Geschlecht und Sportart unabhängig.

Spontan hätte ich vermutet, dass Frauen emotionaler sind.

Kirchner: In der kompletten Gesamtheit muss ich Ihnen tendenziell recht geben. Frauen reagieren meist sensibler, sowohl positiv als auch negativ. Aber man darf das nicht pauschalisieren.

Und was gilt für alle Charaktere?

Kirchner: Jeder hat seine individuelle Zielorientierung. Aber alle müssen irgendwann komplett vom Zielgedanken weggehen und es schaffen, sich in den Flow zu begeben, sich im Tun zu verlieren. Athleten mit geringer Wettkampfzeit haben da einen Vorteil. Im Fußball oder im Tennis muss man diesen Fokus über Stunden aufrecht halten. Deswegen kippt dort das Blatt auch oft und man versteht von außen gar nicht, wieso.

Welche Ziele sollte man sich vor einem Großereignis setzen?

Kirchner: Das Ziel Olympiasieg streiche ich den meisten. Das darf nicht im Vordergrund stehen. Denn dann mache ich mich von anderen abhängig. Genau diese Sportler wackeln, wenn ein Konkurrent zu großer Form aufläuft, weil sie ihr eigenes Ziel gefährdet sehen. Alles Äußere lenkt nur ab, die innere Mischung muss stimmen. Das Schwierige ist nicht der Sport selbst, sondern die Einflüsse aus dem Umfeld. Die muss ich so kontrollieren, dass es meine Leistungsfähigkeit nicht mindert.

Wie viel ist denn eigentlich noch sportliche Leistung?

Kirchner: Ich würde sagen, 70 bis 80 Prozent ist beeinflusst von äußeren Dingen: Wie verstehe ich mich mit meinem Partner? Oder mit meinem Trainer? Es geht nicht um Abseitsfallen, Felgaufschwünge oder Sprünge, sondern um viel komplexere Dinge.

Interview: Mathias Müller

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