Sportreporter im Interview

Muhammad Ali ist tot: So erlebte Waldemar Hartmann den Champ

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Waldemar Hartmann hatte den Kampf von Muhammad Ali im Mai 1976 gegen Richard Dunn vermarktet

München - Waldemar Hartmann betreute Muhammad Ali 1976 bei dessen Besuch in München und Augsburg. Im tz-Interview erinnert sich die Sportreporter-Legende.

Update vom 4. Juni 2016: Boxlegende Muhammad Ali ist tot. Der frühere Weltmeister starb am Freitag im Alter von 74 Jahren in Phoenix im Staat Arizona. Wir haben einen Nachruf zum Tod von Muhammad Ali. Hier lesen Sie das tz-Interview mit Waldemar Hartmann zu Muhammad Ali aus dem Jahr 2012:

Wie sind Sie denn damals, mit 28, zu der Ehre gekommen, Muhammad Ali zu betreuen?

Waldemar Hartmann: Das war eine verrückte Geschichte. Ein Anwalt aus München sowie ein Gerichtsvollzieher und ein Geschäftsmann, beide aus Augsburg, hatten sich in den Kopf gesetzt, Ali zu einem WM-Kampf nach München in die Olympia-halle zu holen. Man kann sich vorstellen, wie die erst mal ausgelacht wurden. Aber die drei ließen sich davon nicht beeindrucken, gründeten eine Veranstalter-GmbH, und da der Sohn von einem mit mir gemeinsam Handball spielte, wurde ich gefragt, ob ich nicht die PR-Arbeit übernehmen wolle. Klar, dass ich wollte.

Was haben Sie damals ansonsten gemacht?

Hartmann: Ich betrieb meinen Pub in der Augsburger Innenstadt und arbeitete für die Sportredaktion der Augsburger Allgemeinen.

Sie waren ja dann ganz nah dran an Muhammad Ali. Wie entstand das?

Hartmann: Er trainierte stets im Münchner Circus Krone, und am ersten Tag befand ich mich in der Ringecke der Ali-Crew. Sein Manager Angelo Dundee beschwerte sich, dass die Ringseile zu locker gespannt seien und fragte mich, ob ich das ändern könne. Ich hab’s geändert, und von da an war ich drin. Und quasi sowas wie der Berater von Dundee.

Waldemar Hartmann: So trainierte Muhammad Ali in München

Wie waren die Trainingseinheiten in München?

Hartmann: Der Wahnsinn. Der Circus Krone war jeden Tag mit 1500 Leuten ausverkauft. Der Eintritt kostete zehn Mark. Einmal aber ist Ali zwölf Runden lang nur Seil gehüpft, und ich befürchtete, dass die Leute hinterher Rabatz machen würden und ihr Geld zurückhaben wollten. Aber nicht ein einziger hat sich beschwert…

Sein Gegner Richard Dunn, ein Brite, war damals eigentlich ziemlich unbekannt, oder?

Hartmann: Ja, den kannte eigentlich keiner. Ali aber nahm mich mal zur Seite und bat mich, dass ich Dunn als „baldigen Weltmeister“ verkaufen sollte. Kurz darauf sah er Dunn dann mal beim Sparring zu. Sein Gegner war ein baumlanger Schwarzer, der ihn auf die Bretter schickte. Da kam Ali wieder zu mir und sagte: „Forget it.“ Er meinte das mit dem baldigen Weltmeister…

So brachte Waldemar Hartmann den Moslem Muhammad Ali in eine Brauerei

Was gab es noch für lustige Erlebnisse?

Hartmann: Da ich ja schon immer sehr merkantil veranlagt war, habe ich mit der Riegele Brauerei in Augsburg vereinbart, dass ich Ali auf ihr Gelände bringe. Jede Menge Leute waren da, und und der Ali-Clan wurde von der Polizei an der Autobahnausfahrt erwartet, die ihn zu einem Termin in der Augsburger Sporthalle lotsen sollte. Ich kannte ein höheres Tier bei der Polizei und bat ihn, dass seine Beamten Ali erst noch zum Riegele leiten sollten. Das taten die dann auch, und als er dort erschien, war natürlich die Hölle los. Nach zehn Minuten bekam aber einer aus Alis Tross mit, dass man sich sozusagen auf gefährlichem Boden befand. „Hey Champ, that’s a brewery“ rief er entsetzt und sofort zogen alle wieder ab. War ja logisch. Ali als Moslem in einer Brauerei – das ging ja gar nicht.

Wie war der Kampf?

Hartmann: Nix Besonderes. Der Dunn war ja keiner. Ich dachte ja, Ali haut ihn in der ersten Runde um, aber da haben mich die Leute vom amerikanischen Fernsehsender NBC aufgeklärt. Sie hätten für fünf Runden Werbung gebucht, und so war es dann auch. Ali hat Dunn in der fünften Runde derart eine eingeschenkt, dass es den zehn Zentimeter vom Boden hochriss und der Fall erledigt war.

Wie schwer war es für Sie, nach der Zeit mit Muhammad Ali wieder ins normale Leben zurückzufinden?

Hartmann: Es war nicht leicht, so einfach wieder an den Pilshahn in meiner Kneipe zurückzukehren. Ein guter Freund von mir, der Harro Fäßler, sagte nach ein paar Tagen zu mir: „Hey, komm wieder auf den Boden. Hier ist kein Ali mehr.“ Es waren ja zwei Wochen, in denen ich ganz intensiv mit ihm beisammen war. Er hat mir nach dem Kampf seine Handschuhe und seine Shorts geschenkt. Ich war überall dabei, auch in der Kabine, wenn er nackt rumstand.

Und?

Hartmann: Auch da war er der Größte!

Waldemar Hartmann traf Muhammad Ali bei Olympia 1996 in Atlanta

Haben Sie ihn später noch mal getroffen?

Hartmann: Ja. Das erste Mal nach zwanzig Jahren bei den Olympischen Spielen in Atlanta. Keiner wusste vorher, dass er die Flamme entzünden würde. Ali war ja schon von Parkinson gekennzeichnet, und mir sind die Tränen runtergelaufen, als ich ihn da oben stehen sah. Für mich war es sehr schlimm, meinen großen Helden so gebrochen zu sehen. Etwas später traf ich mich mit ihm im Hotel. Ich bin mir aber nicht sicher, ob er mich erkannt hat.

Was macht die ­Person Ali aus?

Hartmann: Für mich ist und bleibt er der Größte. Ich habe 1960 im Fernsehen seinen Olympiasieg in Rom gesehen, danach kamen die legendären Kämpfe gegen Sonny Liston und Floyd Patterson, die wir uns in aller Herrgottsfrüh immer live im Fernsehen vor dem Weg zur Schule angeschaut haben. Das hat schon geprägt. Und dann sein weiterer Lebenslauf: Er war ein Schwarzer, was allein schon schwer genug war im damaligen Amerika. Dann wurde er Moslem und hat auch noch den Kriegsdienst verweigert. Und trotzdem kniet bis heute jeder amerikanische Präsident vor ihm nieder. Das sagt, glaube ich, alles. Ich wünsch Dir alles Gute, Champ.

Interview: Claudius Mayer

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