Olympia 2016 in Rio

Der Fall Stepanowa und seine fatale Botschaft

+
Julia Stepanowa darf in Rio nicht unter neutraler Flagge starten.

Hamburg - Die Kronzeugin Julia Stepanowa hat enorm viel riskiert, um den Dopingskandal aufzudecken. Starten darf sie in Rio de Janeiro dennoch nicht.

Julia Stepanowa schaute schüchtern und flüsterte fast in ihr Mikrofon. "Ich weiß noch nicht, ob ich bei den Olympischen Spielen sein werde, weil mir bisher niemand das Recht oder die Erlaubnis, dort zu starten, erteilt hat", sagte die vielleicht berühmteste Doping-Whistleblowerin der Sportgeschichte zuletzt nach ihrem Auftritt bei der Leichtathletik-EM in Richtung Thomas Bach. Und vielleicht ahnte die 30-Jährige Russin an diesem späten Abend des 6. Juli in Amsterdam schon, dass sie trotz all ihrer Verdienste um die Aufklärung des russischen Dopingskandals nicht in Brasilien laufen darf.

Stepanowa hat ihr Leben riskiert - starten darf sie dennoch nicht

Stepanowa, die ihr Leben riskiert hat, um den vom Staat orchestrierten Betrug in der russischen Leichtathletik aufzudecken, die mit ihrem Mann Witali und Sohn Robert an einem geheimen Ort lebt, der der internationale Sport für ihren Mut dankbar sein muss, sie darf in Rio nicht starten. Laut IOC-Ethikkommission erfüllt die 800-m-Läuferin, weil sie selbst mindestens fünf Jahre Teil des Systems gewesen sei, "nicht die ethischen Anforderungen an einen olympischen Athleten". Stepanowa muss diese Aussage wie Spott vorkommen, wenn man bedenkt, dass etwa US-Sprinter Justin Gatlin, bereits zweimal positiv auf Doping getestet, am Zuckerhut um 100-m-Gold rennt.

Für viele ist die Entscheidung des IOC, zahlreiche russische Athleten für Rio zuzulassen, Stepanowa aber zu brüskieren, eine Bankrotterklärung im Anti-Doping-Kampf. Ausgerechnet Stepanowa, "die Sportlerin, die mit ihren mutigen Enthüllungen das Dopingsystem ihrer Heimat ins Wanken brachte, darf nicht zu Olympia. Die fatale Botschaft: Wer über Doping auspackt, wird bestraft", kommentierte ARD-Experte Hajo Seppelt, der zusammen mit Stepanowa den Skandal im russischen Sport ins Rollen brachte.

Kronzeugen fehlen die Anreize

Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA befürchtet nun, dass Kronzeugen immer mehr Anreize verlieren, über betrügerische Machenschaften zu berichten. Die Botschaft, die Stepanowas Startverbot an alle Whistleblower der Zukunft aussende, "bereitet der WADA große Sorgen", sagte Generalsekretär Olivier Niggli. Stepanowa habe mit viel Mut "den größten Dopingskandal der Geschichte aufgedeckt". Doch anstatt mit einem Auftritt auf der größten Bühne des Sports gewürdigt zu werden, wird sie erneut bestraft.

"Russland glaubt immer noch nicht, dass die Geschichten über Doping wahr sind", hatte Stepanowa noch in Amsterdam gesagt, wo sie als einzige Russin mit einer Ausnahmegenehmigung starten durfte. Doch die Geschichten sind wahr, das hat eine unabhängige Kommission der WADA längst bestätigt. Die russischen Leichtathleten bleiben deshalb auch bis auf Weiteres international gesperrt. Stepanowa hatte beantragt, als neutrale Athletin an den Spielen teilnehmen zu dürfen. Aber sie erfüllt ja nicht die "ethischen Anforderungen". Die Einladung an sie und ihren Ehemann, in Rio Gäste des IOC zu sein, klingt da fast wie Spott.

Mehr zum Thema:

auch interessant

Meistgelesen

Boris Becker rechnet mit Novak Djokovic ab
Boris Becker rechnet mit Novak Djokovic ab
Boris Becker und Novak Djokovic trennen sich
Boris Becker und Novak Djokovic trennen sich
Formel-1-Weltmeister Rosberg genießt Abschiedstour
Formel-1-Weltmeister Rosberg genießt Abschiedstour
Boris Becker hat eine neue Aufgabe
Boris Becker hat eine neue Aufgabe

Kommentare