Nichts ist privat

Caster Semenya kann Fragen zu ihrem Geschlecht nicht davonlaufen

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Immer im Mittelpunkt: Caster Semenya lief in dieser Saison schon so schnell wie seit acht Jahren keine Frau mehr.

Rio de Janeiro - Caster Semenya ist in Rio de Janeiro nicht aufzuhalten, sie dominiert die 800 Meter. Doch den Fragen zu ihrem Geschlecht kann sie nicht davonlaufen.

Caster Semenya war nicht aufzuhalten. Weder in ihrem Vorlauf, in dem sie Erste wurde, noch danach in der Mixed Zone. Die Pressesprecherin des südafrikanischen Leichtathletik-Teams nahm die 800-Meter-Läuferin vorsichtshalber am Arm. Im Eilschritt marschierten die beiden wortlos an den wartenden Journalisten vorbei. Es wirkte fast wie eine Flucht.

Man kann es der Südafrikanerin nicht verdenken. Sie weiß, das höchstwahrscheinlich wieder die bohrenden Fragen kommen werden. Und sie weiß auch, wie schmerzhaft es sein kann, wenn selbst die privatesten Dinge durchleuchtet und weltweit diskutiert werden.

Caster Semenya musste dies Erfahrung bereits als 18-Jährige machen. 2009 war das bei der WM in Berlin. Im 800-Meter-Endlauf war die bis dahin weitgehend unbekannte Südafrikanerin allen Konkurrentinnen davongelaufen, das Gold holte sie mit gewaltigem Vorsprung. Schon im Ziel musste Caster Semenya die ersten Pfiffe hören. Es folgte einer der bizarrsten Skandale der Leichtathletik-Geschichte. Im Kern ging es um die Frage: Ist diese junge Mittelstrecklerin überhaupt eine Frau?

Öffentliche Diskussion um das Geschlecht

Fortan wurde Wochen und Monate öffentlich über das Geschlecht von Caster Semenya diskutiert. Ein unwürdiges Schauspiel. Es folgten Geschlechtstests, Spekulationen über angeblich fehlende Eierstöcke und innenliegende Hoden. Testosteronwerte wurden erörtert. Offenbar gab es Anzeichen dafür, dass Caster Semenya weder Mann noch Frau ist. Sie wurde vom überforderten Weltverband IAAF gesperrt. Der IAAF-Generalsekretär Pierre Weiss teilte damals mit: „Es ist klar, dass sie eine Frau ist, aber vielleicht nicht zu 100 Prozent.“ Gleichzeit empörte sich Südafrika über die schamlose Behandlung der jungen Sportlerin, Menschenrechtsaktivisten meldeten sich anklagend zu Wort.

Nach einem Jahr durfte Semenya wieder starten. Es hieß, sie habe eine Hormonkur gemacht; der Pegel ihres Testosteronwerts, an dem sich die geschlechtliche Einordnung orientiert, war offenbar wieder in den Normalbereich gesunken. Semenya gewann zwar 2012 Olympia-Silber, aber an ihre Traumzeiten kam sie fortan nicht mehr heran. Es wurde wieder etwas stiller um die Frau mit der dunklen Stimme und den maskulinen Zügen.

Doch im vergangenen Jahr entschied der Sportgerichtshof CAS, dass auch im Falle von Frauen, die zu viel körpereigene Sexualhormone, also Testosteron, produzieren, keine entsprechenden Tests mehr vorgenommen werden dürfen. Semenya muss also keine hormonsenkenden Mittel mehr einnehmen.

So schnell war seit acht Jahren keine Frau mehr

In dieser Saison lief sie prompt wieder an die Weltspitze. Ihre Jahresweltbestzeit liegt bei 1:55,33 Minuten – so schnell ist über 800 Meter seit acht Jahren keine Frau mehr gelaufen. Ihre aktuelle Form ist derart überragend, dass viele Experten ihr zutrauen, in Rio den ältesten Weltrekord der Leichtathletik zu brechen: Also die 1:53,28 Minuten, die Jarmila Kratochvilova anno 1983 in München im Alleingang lief. Die Tschechin galt einst wegen ihrer üppigen, unübersehbar maskulin wirkenden Muskelpakete als überaus dubios. In den ersten Hochzeiten des Dopings richtete sich der Verdacht allerdings auf Anabolika-Konsum.

Die früheren Kontroversen, davon ist auszugehen, werden Caster Semenya in Rio einholen. Wieder wird es um die heikle Frage gehen, ob sie aufgrund ihres immer noch nicht eindeutig definierten Geschlechts einen unfairen Vorteil hat.

Inzwischen ist sie 25, im Dezember hat Semenya ihre langjährige Lebensgefährtin Violet Raseboya geheiratet. Aus dem verängstigten Teenager von Berlin ist eine gereifte Frau geworden. Ihr Trainer Jean Verster erzählte: „Caster ist sehr klar und unverblümt. ,Wir ziehen unser Ding durch und pfeifen auf den Rest.’ Das sind ihre Worte.“

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