Im Merkur-Interview

Freeman bei Olympia: "Magisch, aber auch traumatisch"

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Zwischen Magie und Trauma: Nach ihrem Olympiasieg saß Freeman minutenlang auf der Laufbahn des Stadions von Sydney um das Erlebte zu verarbeiten. Hier gratuliert ihr eine andere Olympionikin.

München - Olympia-Ikone Cathy Freeman spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über ihren Sieg 2000 in Sydney, über Fenster in ihrem Geist und das Davonrennen.

Cathy Freeman, 43, hat olympische Geschichte geschrieben. Bei den Spielen 2000 in Sydney entzündete sie erst das Feuer, später rannte sie über 400 Meter zu Gold. Die Aborigine sorgte dafür, dass nicht nur Australien, sondern die ganze Sportwelt innehielt. Es war einer der großen magischen Momente in der Geschichte der Spiele. Im Interview erzählt die Laureus-Botschafterin, was sich seitdem verändert hat. Für sie, für ihr Volk, für die ganze Sportwelt.

Miss Freeman, gehen wir zu Beginn weit in Ihre Kindheit zurück. Sie waren eines von nur drei farbigen Mädchen auf Ihrer Schule. Wie hart war das?

Du lernst sehr viel über das Leben, wenn du als Kind immer spürst, du gehörst nicht so wirklich dazu. Man wird sich selbst bewusster. Und in meinem Fall wurde ich auch stärker, weil ich aus Mangel an Beziehungen zu anderen dazu gezwungen war, mich viel mit mir selbst auseinanderzusetzen. Du musst deinen Weg in der Welt für dich selber finden, ohne dich auf andere stützen zu können. Es war nicht einfach, und ich liebe nun Beziehungen zu Menschen vielleicht umso mehr. Aber es hat meinen Charakter auch geprägt. Aborigine zu sein, bedeutet sehr viel für mich. Ich fühle für mein Volk und versuche, ein Beispiel zu sein. Viele meiner Freunde hatten auch viel Talent, bekamen aber nie die Chance, es zeigen zu dürfen.

"Möglichkeit, aus dem Chaos in meinem Leben zu entkommen"

Wie wichtig war der Sport, war er auch ein Davonrennen vor Problemen?

Ein bisschen. Es war die Möglichkeit, aus dem Chaos in meinem Leben zu entkommen. Mein Vater verließ die Familie, als ich fünf war. Ich hatte vier Geschwister, wir hatten kaum Geld, kein Telefon, kein Auto. Seit meiner Kindheit lag meine Bestimmung darin, zu laufen. Seit ich 19 war, hatte ich keine Pause mehr gemacht, und als ich mit 27 in Sydney Gold gewann, hatte ich endlich mal das Gefühl, stehen bleiben zu können. Ich hatte mich nach so etwas gesehnt: Normalität.

Sie saßen minutenlang auf dem Boden. Was ging in Ihnen vor?

Es war der Schlüsselmoment meines Lebens. Ich hatte für diesen Moment so viele Opfer bringen müssen, und mir wurde da auch bewusst: Noch einmal würde ich das nicht mehr durchstehen. Es war ohne Zweifel ein magischer Augenblick, aber auch traumatisch. Ich hatte das Gefühl, ich könnte jetzt nur vorsichtig das Fenster zu meinem Geist öffnen, weil so viele Gefühle gleichzeitig in meinen Kopf wollten.

Sie sagten vor ein paar Jahren, Sie hätten dieses Fenster nie ganz geöffnet – bis heute nicht?

Oh, doch, ich habe das Fenster inzwischen ganz öffnen können. Zum Glück! Ich bin jetzt 43 Jahre alt, ich wurde Mutter, bin gereifter. Ich habe eine Weile nach diesem Ereignis gebraucht, um zu akzeptieren, was mein Leben bestimmt. Ich bin heute glücklicher als damals, das ist die Wahrheit. Heute bin ich jeden Tag glücklich über mein Leben. Rückblickend glaube ich, sagen zu können, dass ich die Australier und vor allem die Ureinwohner inspiriert habe, ihr eigenes Potenzial zu erkunden.

Sie wurden eine Heldin – wer ist für Sie ein Held?

Oh, mein Gott. Wenn Sie im Sport meinen – ich denke, jeder Sportler kann ein Held sein, weil er immer hilft, Menschen über seinen Sport zueinander zu bringen. Man bringt den Leuten die Kraft eines Gemeinschaftsgefühls näher. Sport an sich kann so unglaublich viel Kraft entwickeln, wissen Sie?

"Es ist immer noch ein langer Weg"

Sie waren die erste Aborigine, die bei Olympia startete. 16 Jahre nach Ihrem Gold von Sydney – wie ist es um Ihr Volk bestellt?

Ich denke, es gab Fortschritte im Zusammenleben mit den anderen Australiern. Aber es ist noch immer ein starker Kontrast zwischen der indigenen Kultur und der englisch geprägten. Es ist noch immer ein langer Weg, einer, den wir alle zusammen gehen müssen. Ich habe mich zum Beispiel auch dafür eingesetzt, dass Peking 2008 die Spiele bekommt. Weil die Menschenrechtsproblematik dort kein rein chinesisches, sondern ein weltweites Thema ist, was ich in meinem eigenen Land durch die Behandlung der Ureinwohner Australiens erfahren habe. Olympia kann Entwicklungen anstoßen. Ich denke, dass die Spiele Australien zusammenrücken ließen.

Als Laureus-Botschafterin lernten Sie einst auch Nelson Mandela kennen. Sie sagten mal, das sei eine einzigartige Begegnung gewesen. Warum?

Es ist wirklich schwer, diese außergewöhnliche Persönlichkeit in Worte zu fassen. Er konnte unglaublich schnell eine Verbindung zu Menschen aufbauen – und unglaublich schnell eine Verbindung zwischen Menschen herstellen. Ich habe so etwas in dieser Art kein zweites Mal erlebt. Er verkörperte diese ewige große Herausforderung in uns allen, ein besserer Mensch zu werden. Er hat alles versucht, dass die Welt besser wird. Fröhlicher. 

Wie Sie die Olympischen Spiele 2016 in Rio live im TV und im Stream verfolgen können, haben wir hier für Sie zusammengefasst.

Interview: Andreas Werner

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