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Russland bei Olympia 2016: Was Sie über den Doping-Skandal wissen müssen

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Julia Stepanowa.

Rio de Janeiro - Ein staatliches Betrugssystem wird aufgedeckt, dennoch gehen bei den Olympischen Spielen in Rio über 200 russische Sportler an den Start. Das müssen Sie über den Doping-Skandal in Russland und seine Folgen wissen. 

Es ist einer der größten Skandale in der Geschichte des Olympischen Sports: Bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotchi haben reihenweise russische Athleten gedopt - unter staatlicher Kontrolle und mit Unterstützung des Geheimdienstes. Das fand Richard McLaren, Sonderermittler der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA heraus. Ein Skandal, der auch Folgen für die Olympischen Spiele in Rio hat. Dennoch gehen dort über 200 Russen an den Start - unter ihnen auch ehemalige Dopingsünder wie Julia Jefimowa.

Was veranlasste die WADA dazu, die Untersuchung in Auftrag zu geben? Was wird den Russen konkret vorgeworfen? Wer darf zu Olympia nach Rio, wer nicht, und warum? Die Thematik ist komplex, viele unterschiedliche Verbände und Organisationen sind involviert. Wir haben die wichtigsten Informationen zum Doping-Skandal in Russland und seinen Folgen zusammengefasst. 

Russland bei Olympia 2016: ARD-Doku macht WADA aufmerksam

Der Fall der russischen Dopingsünder beginnt im November 2014. Die ARD berichtet in ihrer Dokumentation "Geheimsache Doping: Wie Russland seine Sieger macht" von staatlich unterstütztem Doping und massiver Korruption im russischen Sport. Auch der Internationale Leichtathletik-Verband IAAF und dessen russischer Schatzmeister geraten durch zahlreiche Zeugenaussagen und belastende Dokumente unter Druck. Als Zeugin treten darin die Mittelstreckenläuferin Julia Stepanova und ihr Mann Witali Stepanow auf. Beide waren Teil des Systems, sie als Athletin, er als Kontrolleur. 

Die Dokumentation ruft die Welt-Anti-Dopingagentur auf den Plan. Die WADA leitet eine Untersuchung ein - zu spät, sagen Kritiker. Auch Kronzeugin Stepanova erklärt, sie habe die WADA bereits 2013 in einem ausführlichen Brief über die Vorgänge in ihrem Heimatland unterrichtet.  

Im November 2015 legt Richard Pound, der Vorsitzende der WADA-Untersuchungskommission, seinen Bericht zum Doping-Betrug in Russland vor. Er kommt darin zu dem Schluss, dass das System-Doping in der russischen Leichtathletik von hohen Stellen innerhalb der Regierung gelenkt worden sein muss. Die Kommission fordert den Ausschluss des Leichtathletik-Weltverbands und sperrt das Moskauer Anti-Doping-Labor mit sofortiger Wirkung. Eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen, wie sich später zeigen wird. 

Russland bei Olympia 2016: Russische Leichtathleten werden kollektiv gesperrt

Doch zunächst zu den russischen Leichtathleten. Kurz nach der Veröffentlichung von Pounds Bericht sperrt die IAAF den russischen Verband vorläufig. Bei den Hallen-Weltmeisterschaften in Portland im März 2016 dürfen erstmals keine russischen Athleten starten. Im Juni bestätigt das IAAF-Council dann die Sperrung des Verbands auf unbestimmte Zeit. Damit zeichnet sich bereits ab, dass auch bei den Olympischen Spielen in Rio keine Russen antreten dürfen. Wer nachweislich "ohne Verbindung zum System" oder ein "verdienter Doping-Gegner" ist, soll unter neutraler Flagge starten dürfen. Das eröffnet Stepanova eine Möglichkeit zur Teilnahme in Rio.

Knapp 70 russische Athleten wollen von dieser Möglichkeit Gebrauch machen. Stepanova erhält vom Weltverband ihr Startrecht zurück, ebenso wie die Weitspringerin Darja Klischina, die in den USA lebt. Alle anderen Gesuche werden abgelehnt. 

Am 21. Juli 2016 bestätigt auch der internationale Sportgerichtshof CAS den Ausschluss der 68 russischen Leichtathleten. Doch im Fall Stepanova hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) das letzte Wort - und erteilt ihr aufgrund ihrer Doping-Vergangenheit kein Startrecht. Kritiker verurteilen diese Entscheidung, schließlich wird somit ausgerechnet diejenige bestraft, die das ganze System überhaupt erst aufdeckte. Auch für künftige Whistleblower ist die Sperre von Stepanova ein falsches Signal. 

Russland bei Olympia 2016: Kollektives Doping bei den Winterspielen 2014 in Sotchi

Doch der Dopingskandal im russischen Sport beschränkt sich nicht nur auf die Leichtathletik. Denn wenige Monate nachdem das Moskauer Anti-Doping-Labor von gesperrt wurde, meldet sich dessen Leiter Gregori Rodschenkow in der New York Times zu Wort. Was er zu sagen hat, bringt die Sportwelt erneut in Aufruhr. 

Rodschenkow berichtet von einem staatlich gelenkten Dopingsystem bei den Winterspielen in Sotchi, das Verfahren klingt wie in einem Krimi. Die Athleten bekamen einen von ihm selbst gemischten Drogencocktail, der mit Alkohol versetzt war, Whiskey für die Herren, Martini für die Frauen. Während der Spiele in Sotchi wurden Hunderte belastete Proben von russischen Sportlern ausgetauscht - mitten im Doping-Kontrolllabor. Nachts wurden die Urinröhrchen durch ein Loch in der Wand in ein Hinterzimmer gesteckt. Dort öffneten Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes die Proben mit einem eigens entwickelten Verfahren und tauschten den Inhalt mit sauberem Urin aus. Später war dem Röhrchen mit bloßem Auge nicht anzusehen, das es manipuliert worden war. 

Das System funktionierte "wie eine Schweizer Uhr", berichtet Rodschenkow. Sowohl das IOC als auch die WADA hatten das Anti-Doping-System bei den Spielen in Sotchi in höchsten Tönen gelobt. Erst durch Pounds Bericht, neun Monate nach den Spielen, gerät das von Rodschenkow geführte Labor in die Kritik. Rodschenkow flieht daraufhin in die USA. Zwei seiner ehemaligen Kollegen sterben kurze Zeit später in Russland - angeblich an Herzinfarkten.  

Im Mai 2016 beauftragt die WADA den kanadischen Juristen Richard McLaren, die Vorwürfe zu überprüfen. Als Kronzeuge tritt dabei Rodschenkow auf. Nach nur knapp zweimonatiger Ermittlungsarbeit veröfffentlicht McLaren im Juli 2016 seinen Bericht. Der Tenor ist eindeutig und beweist Rodschenkows Vorwürfe: Im Doping-Kontrolllabor wurden tatsächlich Proben vertauscht, um positive Tests zu vertuschen. Und zwar unter der Leitung des russischen Sportministeriums und unter Mitarbeit des Geheimdienstes. 

Russland bei Olympia 2016: IOC lässt Russen in Rio starten

Der Bericht von McLaren impliziert vieles. Zum einen ist er ein Schlag ins Gesicht der Verfechter des sauberen Sports, zeigt er doch deutlich, wie das Anti-Doping-System in Sotchi versagte. Zum anderen liefert er weitere Beweise für Staatsdoping in Russland - auch wenn die dortigen Verantwortlichen die Vorwürfe natürlich von sich weisen. Ein paar Funktionäre werden entlassen, die Verantwortlichen um Sportminister Mutko bleiben im Amt. Ein solch organisiertes Verbrechen gegen die Regeln des Sports muss dennoch Konsequenzen haben - oder? 

Die Sportwelt blickt gespannt nach Lausanne am Genfer See und wartet auf eine Entscheidung des dort ansässigen IOC. Sollten die Russen komplett von den Spielen ausgeschlossen werden, müsste das schnell geschehen, schließlich starten die Spiele bereits in wenigen Wochen. Aber das IOC lässt sich Zeit. Nach einer Telefonkonferenz der 15-köpfigen Exekutive verkündet Präsident Thomas Bach, übrigens ein enger Vertrauter von Russlands Präsident Putin, man wolle zunächst die Entscheidung des CAS bezüglich der russischen Leichtathleten abwarten. Das klingt schon verdächtig nach Zeitspiel. 

Nachdem der CAS wenige Tage später die Sperre der Leichtathleten bestätigt, wird es spannend. Wieder lässt das IOC ein paar Tage kommentarlos verstreichen. Und dann das: Das russische Team wird nicht komplett gesperrt. Stattdessen wälzt das IOC die Entscheidung auf die einzelnen internationalen Sportverbände ab - obwohl es laut Olympischer Charta die Möglichkeit gehabt hätte, ein Nationales Olympisches Komitee von den Spielen zu suspendieren. Stattdessen sollen nun also die Verbände prüfen, welche russischen Sportler sauber sind und welche nicht. Wie sich das in einem staatlich gelenkten System überhaupt überprüfen lässt, ist fraglich. Tatsächlich sperren nur die wenigsten Verbände russische Athleten, oftmals auch nicht alle. Die meisten Verbände lassen die russischen Sportler starten. Auffällig schnell entschied das zum Beispiel der internationale Judo-Verband IJF. Russlands Präsident Putin ist übrigens IJF-Ehrenpräsident. Willkommen in der Sportpolitik. 

Russland bei Olympia 2016: So reagierte die Sportwelt auf die IOC-Entscheidung

Sportler und Politiker reagierten mit Unverständnis auf die Entscheidung des IOC. Dagmar Freitag, die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, formulierte ihr Missfallen folgendermaßen: "Dass eine große russische Mannschaft an den Start gehen würde, muss jedem nach dem Beschluss des IOC klar gewesen sein. Das war offensichtlich so gewollt. Und dass der CAS das Startverbot für russische Athleten, die in der Vergangenheit wegen Dopings gesperrt waren, als rechtswidrig beurteilen und aufheben würde, haben zweifellos auch Nicht-Juristen gewusst." Lars Mortsiefer, Vorstand der deutschen Anti-Doping-Agentur NADA, übte ebenfalls Kritik: "Wir halten die IOC-Entscheidung nach wie vor für ein falsches Signal für den sauberen und fairen Sport. Insbesondere die Art und Weise, wie nun die Startberechtigungen in aller Eile verteilt wurden, ist für uns unverständlich."

Doch niemand formulierte seine Kritik derart offen wie Diskuswerfer Robert Harting es tat. Angesprochen auf IOC-Präsident Bach sagte Harting: „Er ist für mich Teil des Dopings-Systems, nicht des Anti-Doping-Systems. Ich schäme mich für ihn.“ Für diese deutlichen Worte wurde der Athlet promt von mehreren Funktionären gerügt.  

Russland bei Olympia 2016: Kompletter Ausschluss bei den Paralympics

Umso erstaunlicher ist dagegen die Entscheidung des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC): Das hat die russischen Behindertensportler aufgrund der Doping-Vorwürfe im McLaren-Bericht komplett von den Paralympischen Spielen 2016 ausgeschlossen. Die Entscheidung fand in der Sportwelt große Zustimmung - außer natürlich in Russland, wo Sportminister Mutko sagte, er verstehe gar nicht, auf welcher Basis diese Entscheidung getroffen worden sei. Mutko kündigte bereits an, vor dem CAS gegen die Sperre zu klagen. Das IOC äußerte verhalten, die ICP sei oberstes Gremium aller Sportarten, während das IOC mit 28 Weltverbänden arbeiten müsse. Tatsache ist dennoch: Das IOC hätte die russischen Athleten ebenso kollektiv sperren können. 

sr

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