Kommentar

Olympia 2016 in Rio: Akzeptabel – mehr nicht

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Merkur-Sportredakteur Armin Gibis.

München - Olympia und Rio? So richtig zusammengepasst hat das nicht. Das meint Merkur-Sportredakteur Armin Gibis in seinem Kommentar zu Olympia 2016 in Rio de Janeiro.

Thomas Bach, IOC-Präsident und damit allerhöchster Olympier, hatte sich Mühe gegeben, weltweit Optimismus zu verbreiten: „Es werden großartige Spiele“, lautete die Prognose des Rechtsanwalts aus Tauberbischofsheim. Doch schon zur Halbzeit war der IOC-Vizepräsident John Coates zu einem ganz anderen Befund gelangt. Der Australier sprach von den „schwierigsten Spiele aller Zeiten“. Und damit kam er der Wahrheit schon näher.

Dabei kann man den Organisatoren nicht einmal einen großen Vorwurf machen. Denn ein so gigantisches Projekt wie Olympia lässt sich in einer nicht zuletzt von Dritte-Welt-Problemen geprägten Sechs-Millionen-Metropole unmöglich auf westliche Standards trimmen. Und so klemmte von Anfang an die Logistik. Es gab Staus, Menschenschlagen, eine Vielzahl von Pannen. Man musste viel Geduld haben in und mit Rio.

Olympische Sommerspiele von Rio: Der Karneval genießt in der Stadt weitaus größere Bedeutung

Immerhin gelang es den mit Turbulenzen vertrauten Gastgebern, letztlich einigermaßen Ordnung in das zeitweise Chaos zu bringen. Sogar unter strengster, effektiver Kontrolle befand sich die in Rio grundsätzlich gefährdete Sicherheitslage. Allerdings hatte das seinen Preis. Eine Armee von 85.000 Sicherheitskräften war allgegenwärtig, ständig kreisten Hubschrauber über der Stadt. Olympischen Frieden stellt man sich doch etwas anders vor.

Rios Einwohner, die Cariocas, schienen sich nur nach und nach mit den Spielen zu arrangieren. Viele Sitzschalen in den Stadien blieben leer, olympischer Sport – wenn nicht gerade ein Ball im Spiel war – schien der Mehrzahl der Zuschauer ein mehr oder weniger großes Rätsel zu sein. Man besichtigte die Wettbewerbe, richtig darauf einlassen konnte man sich nicht. Eher unbekannt zu sein schien auch der olympische Fairness-Gedanke. Wenn es um Medaillenchancen für Brasilianer ging, wurde die Konkurrenz bisweilen gnadenlos niedergepfiffen.

Nur selten hatte man das Gefühl, dass das Weltereignis Olympia in Rio so richtig im Mittelpunkt stehen würde. Der Karneval genießt hier sicher weitaus größere Bedeutung. Es war zu spüren: Die Brasilianer haben derzeit ganz andere Dinge im Kopf. Das Land leidet unter einer massiven Wirtschaftskrise, zudem droht gerade das von zahlreichen Skandalen heimgesuchte politische System aus den Fugen zu geraten. Das waren alles andere als günstige Begleitumstände.

Es war von Anfang an klar: Die ersten Olympischen Spiele in Südamerika würden ein heikles Experiment sein. Und nun, da es abgeschlossen ist, lässt sich sagen: Rio bot sicher keine perfekten Spiel, und auch keine großartigen. Vielmehr hat man unter selten schwierigen Bedingungen ein noch einigermaßen akzeptables Sportfest hinbekommen. Das ist zwar immerhin schon etwas. Aber eines ist auch klar: Die elf Milliarden Euro, die sich Rio den Spaß kosten ließ, wären besser in Sozialprojekte für die Favelas geflossen.

Olympia und Rio? Die Antwort kann nur lauten: So richtig zusammengepasst hat das nicht.

Wir Deutschland bei Olympia 2016 abgeschnitten hat, sehen Sie im Medaillenspiegel. Alles zu den Sommerspielen von Rio finden Sie auf unserer Themenseite zu Olympia 2016.

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