Debatte um Medien-Boykott des Olympiasiegers

Kommentar zu Harting: Unkonventionell ist unerwünscht

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Anlass der Diskussion: Robert Hartings Verhalten bei der Siegerehrung. 

Rio de Janeiro - Goldmedaillen-Gewinner Christoph Harting erntet für sein Verhalten bei der Siegerehrung viel Kritik - zu unrecht, findet unsere Autorin. Der Kommentar zum Thema: 

Christoph Harting sorgte am Samstag bei den Olympischen Spielen gleich aus mehreren Gründen für Aufsehen. Überraschender Gewinn der Goldmedaille, ungewöhnliches Verhalten bei der Siegerehrung, Verweigerung von Interviews und eigenwillige Aussagen bei der Pressekonferenz. Die Empörung war groß, vor allem in den sozialen Netzwerken. Und warum? Weil sich ein Sportler mal nicht an die gängigen Konventionen hält.

Anders ist nicht gleich respektlos 

Nicht zum ersten Mal wird darüber diskutiert, wie sich ein Sportler zu verhalten hat, während die Nationalhymne läuft. Man denke nur zurück an die Debatte um Mesut Özil, der während der Europameisterschaft in Frankreich die deutsche Hymne nicht mitsang.

Der Vorwurf an Harting ist nun ähnlich: Er habe sich respektlos verhalten. Zum Beispiel, weil er beim Abspielen der Nationalhymne nicht stillstehen konnte oder wollte. "Damit umzugehen ist eine Kunst für sich. Stillstehen war nicht so meins. Das ist sicherlich falsch angekommen", erklärte Harting später. Von mangelnder Ehrfurcht keine Spur. "Sowas kannst du dir nicht vorstellen. Ich meine, die haben die Hymne nur für mich gespielt." 

Da zeigt ein Athlet im größten Moment seiner Karriere also seine ganz eigene Reaktion, statt inbrünstig die Hymne mitzusingen oder gebannt mit der Hand auf dem Herzen zu lauschen. Na und? Das ist unkonventionell, aber deswegen nicht gleich respektlos und eines Olympiasiegers unwürdig. Hartings sportliche Leistung schmälert es jedenfalls in keinster Weise.

Es ist Hartings gutes Recht, keine Interviews zu geben  

Völlig absurd wird die Diskussion an der Stelle des verweigerten TV-Interviews. Dass ein Sportler keine Standardfragen vor der Kamera beantworten will, ist sein gutes Recht. Auch eine Goldmedaille verpflichtet ihn dazu nicht. Egal, wie lange sich die ZDF-Moderatoren, sichtlich beleidigt von Hartings Absage, darüber echauffieren mögen. 

Bei einer Veranstaltung wie den Olympischen Spielen geraten Sportler von einem Moment auf den anderen in den Fokus der Medien, die ansonsten selten oder gar nicht in der Öffentlichkeit stehen. Manche meistern diese ungewohnte Situation souverän, wie etwa die niederbayerische Schützin Barbara Engleder, anderen wiederum merkt man die Nervosität vor der Kamera eben an. Und wiederum andere wie Harting meiden die Medien eben ganz - das ist aber kein Affront, sondern schlicht und einfach Ehrlichkeit. Harting hat in diesem Jahr bis zu seinem olympischen Triumph kein einziges Interview gegeben, bloß hing da noch keine goldene Medaille um seinen Hals, deswegen störte es niemanden.

Über andere Themen sollte gesprochen werden - zum Beispiel Doping

Oft klagt die Öffentlichkeit darüber, wie langweilig und konform sich viele Sportler in den Medien geben. Nun fällt ein Athlet mal bewusst aus diesem Rahmen und präsentiert sich als Persönlichkeit mit Ecken und Kanten - aber das ist offensichtlich auch nicht erwünscht. 

Sobald ein deutscher Athlet bei der Hymne nicht stramm steht und keine Fernsehinterviews gibt, verhält er sich also unsportlich und verletzt die Olympischen Werte. Tatsächlich wurden diese Werte schon lange vor den Spielen durch den Dreck gezogen, besonders indem das IOC über 200 russische Sportler nach Rio fahren ließ. Doping und fragwürdige Politik, das sind die Themen, über die im Rahmen dieser Olympischen Spiele dringend geredet werden muss. Angesichts dessen, wozu die dopingverseuchten Spiele verkommen sind, ist die Diskussion um Christoph Harting vor allem eins: maßlos übertrieben. 

sr  

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