tz-Interview

Medaillenziel nicht mehr zu erreichen: Verliert Deutschland weiter? 

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Auch DOSB-Präsident Alfons Hörmann muss feststellen: Einige Verbände haben nicht geliefert.

Rio de Janeiro - 44 Medaillen sollte das deutsche Olympiateam aus Rio mitbringen - das war die Zielvorgabe. Doch nun zeichnet sich bereits ab: Das war zu optimistisch.

17-mal Edelmetall standen bis Montagabend für den DOSB zu Buche, also wurden die Erwartungen nach unten korrigiert. „Leider müssen wir feststellen, dass einige Verbände die Ziele schlichtweg nicht ansatzweise erreicht haben. Absolut besorgniserregend ist für mich das Ergebnis bei den Schwimmern“, sagte Verbandsboss Alfons Hörmann. Verliert Deutschland also weiterhin den Anschluss an die in Rio so erfolgreichen Nationen USA, Großbritannien, China und Russland? Hat Ex-Schwimmer Markus Deibler („In einem Land, in dem ein Olympiasieger 20 000 Euro Prämie bekommt und ein Dschungelkönig 150 000 Euro, sollte sich niemand über fehlende Medaillen wundern“) recht mit seiner Kritik?

Die tz fragte nach bei Dagmar Freitag (SPD), Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag.

Können Sie Markus Deiblers Aussage nachvollziehen und sollten Olympiasieger höher entlohnt werden?

Dagmar Freitag: Hier wird eine grundsätzliche Frage angesprochen. Ich denke auch nicht, dass es an dieser Stelle um eine Entlohnung geht. Natürlich weiß ich, dass es Staaten gibt, die astronomische Summen für einen Olympiasieg zahlen. Aber das sind Staaten, die mit unserem freiheitlichen Gesellschaftssystem wenig bis nichts zu tun haben, und daher geht mein Ansatz eher in eine andere Richtung: Ich denke, die Politik hat gemeinsam mit dem organisierten Sport die Aufgabe, bestmögliche Rahmenbedingungen für unsere Athletinnen und Athleten bereitzustellen. Dazu gehört, das derzeitige Sportfördersystem nun endlich einer sehr kritischen Prüfung zu unterziehen – aus meiner Sicht viel zu spät. Allerdings sollte dieses transparent und nicht, wie es im Moment geschieht, ausschließlich hinter verschlossenen Türen stattfinden.

Welche Rolle soll Sport in Deutschland zukünftig spielen? Soll Leistungssport weiter und umfangreicher gefördert werden? Und wenn ja, hat der Bund die nötigen Gelder? Oder ist Breiten- und/oder Gesundheitssport wichtiger?

Freitag: Sport ist und bleibt aus meiner Sicht ein wichtiger, ja unverzichtbarer Bestandteil unserer Gesellschaft. Nirgendwo finden Menschen unterschiedlichen Alters, sozialer Herkunft oder Nationalität unkomplizierter zusammen. Daher ist die Sportförderung nicht nur unter leistungssportlichen Gesichtspunkten eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, der Bund, Länder und Gemeinden nachkommen müssen. Nach den Olympischen Spielen in Rio wird es in unserem Land aufgrund der zurzeit laufenden Gespräche eine Debatte darüber geben, welchen Spitzensport wir als Gesellschaft wollen. Die noch intern und wenig transparent zwischen DOSB und dem zuständigen Bundesinnenministerium geführten Diskussionen über die Zukunft des Spitzensports in Deutschland werden ja irgendwann auf dem Tisch liegen und mit Sicherheit zu einer breiten Diskussion auch in der Öffentlichkeit führen. Und wenn, wie jetzt vielfach aus dem Sport zu hören ist, deutlich mehr Geld gefordert wird, dann ist man nicht klug beraten, diejenigen, die das Geld als Haushaltsgesetzgeber bereitstellen sollen, in der Diskussion gänzlich außen vor zu lassen. Auch von den Seiten des Parlaments wird es kritische Nachfragen geben; ein möglicherweise von Seiten des DOSB erwünschtes Durchwinken der Planungen wird es sicher nicht geben.

Ist ein Platz im Bereich vier bis sieben im Medaillenspiegel unter Berücksichtigung der aktuellen Korruptions- und Dopinglage im Sport nicht völlig zufriedenstellend? Und können wir diese Position in Zukunft halten?

Freitag: Ich habe diese Art von Zielvereinbarungen und daraus resultierenden Medaillenprognosen und -erwartungen bereits in der Vergangenheit kritisiert. Man kann durchaus Leistungsentwicklungen prognostizieren, man darf und soll sich auch Ziele setzen, aber man kann eben keine Leistung am Tag des Wettkampfs voraussagen. Das sind im Grunde Vereinbarungen zu lasten Dritter, nämlich der Athletinnen und Athleten, die die Medaillen holen sollen. Wir wollen saubere, ehrlich erzielte Leistungen, und dann muss man im Zweifel auch hinnehmen, dass es nicht immer zu einem Platz auf dem Podium reicht.

Verfolgen Sie alles, was in Rio wichtig ist, in unserem Live-Ticker.

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