Mathias Müller in Pavao-Pavoazinho

Hier ist Olympia ganz weit weg: tz-Reportage aus der Favela

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tz-Reporter Mathias Müller durfte keine ­Bewohner fotografieren.

Rio de Janeiro - Hier ist Olympia ganz weit weg: tz-Reporter Mathias Müller, der von den Spielen in Brasilien berichtet, ist in die Favela Pavao-Pavoazinho gereist. Seine Reportage.

Die Favela ist in den waldigen Hügel gebaut.

Ich stehe auf dem Beton-Fußballplatz in Pavao-Pavoazinho, dem größten Platz dieser Favela. Die Graffiti erzählen die Geschichte des Ortes, auch die des ermordeten Tanzlehrers Douglas. Fotos mit Weitwinkel sind nicht erlaubt, es könnten Späher der Drogendealer drauf sein – und die wollen auf keinen Fall Fotos. Allgemein sind Fotos von Personen nicht gern gesehen, zu oft kamen Touristen und Journalisten, um Fotos von den Menschen und den Kindern zu machen. Man möchte sich das Recht auf sein eigenes Image reservieren, oder zumindest mitverdienen, wenn es veröffentlicht wird. Die Graffiti, die Kunst, darf man fotografieren. Als ich mein Handy zücke, läuft ein junger Kerl, keine 20 Jahre alt, an uns vorbei. Weiter Pullover, rote Schuhe, rotes Cap, ein Walkie-Talkie in der Hand. Er gehört zur Drogenbande. Der Drogenhandel existiert nach wie vor, im Verborgenen. Aber der Reihe nach.

Die Wände der ­Favela sind mit Schriftzügen und Graffiti ­geschmückt.

Der Start meiner Favela-Tour ist die U-Bahn-Station General Osorio im Stadtteil Ipanema, dort residieren die wohlhabenden Einwohner der 12-Millionen-Metropole. Die Quadratmeterpreise übersteigen die normalen Jahreseinkommen bei Weitem. Hier führt mich ein 2010 von der Metro gebauter Aufzug hinauf auf den Mirante da Paz, den Aussichtspunkt des Friedens. Er verbindet Arm und Reich wie sonst kein Ort in Rio. Unten Ipanema, oben die Favela. Wer nach ein paar Sekunden Fahrt aussteigt, steht mitten in den berüchtigten Favelas Cantagalo und Pavao-Pavaozinho, sie liegen zwischen Ipanema und Copacabana, auf dem Bergmassiv Cantagalo und waren früher unter dem Comando Vermelho zwei der umkämpftesten Favelas Rios.

Kurz hinter dem Eingangstor laufen wir bei Bika vorbei, sie führt ein kleines, einfaches Restaurant mit Terrasse. Ein Essen kostet zwischen 15 und 20 Reais (vier bis sechs Euro). Vormittags ist noch nicht viel los, am frühen Abend sind ihre Vorräte oft leer, das Geschäft läuft. Auch die vereinzelten Bars ein Stück weiter finden Anklang, ein Bier kostet acht Reais. Kinder und Hunde jagen durch die Treppen und engen Gassen, ein Schild weist den Weg zu einem Hostel. Alles normal, nur dass die Bergsiedlung in der offiziellen Stadtkarte nicht existiert. Geleugnet wird die Favela aber nicht mehr. Seit die Befriedungspolizei UPP 2010 hier stationiert wurde, ist es ruhiger. Die Drogenbanden sind noch da, aber Schüsse sind seltener. Es ist nicht die Lösung für alle Probleme, aber es ist ein erster Schritt, denn natürlich leben hier nicht nur Kriminelle. „Die Schätzungen liegen bei 0,5 Prozent“ sagt Isabell Erdmann, die seit 2005 in Rio lebt und Favela-Führungen anbietet. Genau weiß es niemand. Diese Minderheit hat allerdings so viel Einfluss, dass sie Teile des Pavao-Pavaozinho beherrscht – und für Tourismus sperrt.

"Man hätte mehr machen müssen, es war Geld da"

An Cantagalo und Pavao-Pavaozinho lassen sich die vier Druckpunkte, die Rio für die Fußball-WM und Olympia auferlegt bekommt hat, überprüfen. Sicherheit, Erziehung, Gesundheit, Transport – daran musste Rio arbeiten. Teilweise ist das passiert. „Aber man hätte mehr machen müssen, es war Geld da“, sagt Erdmann über den heute bankrotten Staat. Die öffentlichen Schulen sind schlecht, die Krankenhäuser der Stadt ungenügend ausgestattet, und die Infrastruktur wartet auf weiteren Ausbau. In der Favela ist eine zweite, große Versorgungsstraße, die auch der besseren Müllentsorgung dienen soll, geplant – seit Jahren. 100 Meter sind gebaut, die wichtige 100-m-Marke der Menschen liegt hier, nicht unten im Maracana bei den Sprintern. Ob die Straße fertiggestellt wird, steht in den Sternen. So lange bleibt auch der Bolzplatz am Rand des Hügels vorerst bestehen. Dass er keinen Zaun hat, ist nicht gut, aber noch Anfang der 80er-Jahre bestand er nur aus Schlamm und Erde. Erdmann: „Die Sicherheit ist nicht unser größtes Problem, wir brauchen beispielsweise eine funktionierende Wasser- und Stromversorgung und mehr Investitionen in Erziehung und Gesundheit.“ Das Abwassersystem haben die Menschen dem Favela-Bairro-Projekt, einem Urbanisierungsprogramm, zu verdanken. Die Stromversorgung hat der private Anbieter Light installiert, bis auf kleinere Ausnahmen funktioniert sie.

Die Bewohner, die nicht kriminellen 99,5 Prozent, versuchen, ihre Heimat mit kulturellen Angeboten und Sozialprojekten aufzubessern und sich von der Stigmatisierung durch die Drogenkartelle zu befreien. Capoeira-Workshops oder Boxtraining sind zwei von vielen Beispielen. Der Einsatz wird gewürdigt, das gesamte Gebiet Cantagalo, Pavao-Pavaozinho ist offiziell ein Freilichtmuseum. Mit solchen „Ponto de Memoria“ will die Regierung der Gewalt entgegenwirken. Auffällig sind die Graffiti, sie stammen aus der Feder des Künstlers Acme. Eines zeigt Douglas. Douglas Rafael da Silva Pereira. Der Tanzlehrer der Siedlung und aufstrebende TV-Star wurde am 22. April 2014 von der UPP im Zuge einer Säuberungsaktion versehentlich erschossen. Frieden sei ein Prozess, Kollateralschaden inklusive, rechtfertigten sich die Verantwortlichen. Es ist längst nicht alles gut.

Zumal viele Favela-Bewohner finanziell bis an ihre Grenzen gefordert sind. Im Norden ist es billiger, aber auch gefährlicher, wer es schafft, der bleibt in der Südzone. Das Mindest­gehalt in Brasilien wurde 2015 von 724 (203 Euro) auf 788 Reais (221 Euro) pro Monat angehoben, in Rio ist es etwas höher. Ein Einzimmerappartement in Cantagalo oder Pavao-Pavaozinho kostet im Monat rund 800 Reais Miete. Das Leben ist einfach, aber nicht billig, die Menschen spüren die im ersten Halbjahr durchschnittliche Inflation von neun Prozent (Quelle: Globalrates). Antoinette verdient sich durch Kuchen (3,50 Reais) und Empanada (vier Reais), die sie am Straßenrand verkauft, etwas dazu. Wir probieren, der Karottenkuchen ist lecker. Auf unserem Weg kommen wir bei einer Freundin Erdmanns vorbei. Sie sitzt in ihrem Wohnzimmer und schaut Olympia, ein brasilianischer Judoka kämpft um eine Medaille. Eintrittskarten können sich die Menschen hier oben nicht leisten, aber sie haben immer schon gerne Sport angeschaut, weil es realer ist als die vielen Telenovas. Unten bleiben währenddessen viele Plätze in den Stadien und Hallen leer.

Mathias Müller

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