Viel Gedöns um wenig Live-Berichterstattung

TV-Kritik zu Olympia 2016: Zentrale Sportart "Delling-Gucken"

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Gerhard Delling im Rio-Studio der ARD.

München - Es gibt Olympia – und es gibt Fernseh-Olympia. Die ersten Tage von Rio haben gezeigt, dass es sich dabei um zwei völlig unterschiedliche Veranstaltungen handelt. Die TV-Kritik:

Bei Olympia gibt’s Action pur, und alles ist live. Beim Fernseh-Olympia ist nicht einmal die Hälfte live (wir haben mitgestoppt!), und alle 15 Minuten quasseln Delling und Bommes dazwischen. Die Öffis zeigen Schnipsel-Sport – und die TV-Buchhaltung der tz hat die Zahlen zu einem typischen ARD-Sendetag mit 16 Stunden aus Rio, mit der zentralen Sportart ­„Delling-Gucken“:

Delling und Bommes: Innerhalb der 16 Stunden kommen die ARD-Sportskanonen insgesamt 57-mal ins Bild, und erzählen Zeug. Rein rechnerisch ist alle 15 Minuten Schluss mit Sport, und es wird schon wieder Zeit für Delle, der „den langen Tag zurechtfrickelt“. 42,5 Minuten eines ARD-Olympia-Tages bestehen ausschließlich aus Delling, und weitere 22,5 Minuten aus Bommes. Macht über eine Stunde eitles Plappern – was könnte man da alles für schönen Sport zeigen!

Gedöns: Weitere 72 Minuten sendet das Erste, um es mit Alt-Kanzler Schröder zu sagen, „das ganze Gedöns“ aus Rio, also Interviews, YouTube-Schnipsel und vor allem Franzi van „Überall-msick“, die neben Delling den zweiten Schwerpunkt des Olympiaprogramms bildet – zumindest, so lange sie in der Schwimmhalle nicht den Kältetod stirbt. Denn auch das hat ihr diensthabender Moderator Ralf Scholt gedönst: „Franzi friert.“

Aufzeichnungen: Live ist live, aber Aufzeichnungen sind auch schön. 4:53 Stunden zeigte das Erste an unserem Sendetag Konserven­Olympia – also Events, deren Ergebnis der aufgeweckte Internetnutzer längst kennt. Weil der Ablauf der Öffis so flexibel ist wie ein Fünfjahresplan der sowjetischen KPdSU, kommt es beim Jonglieren mit den ganzen Aufzeichnungen zu skurrilen Szenen. Am Montag gegen 22.50 Uhr schied Timo Boll beim Tischtennis sensationell aus. Liveticker, Splitscreen, schnelles Umschalten, als es für Boll eng wird? Nix da, das wäre viel zu clever. Der Zuschauer kann ruhig bis Dienstag aufs Ergebnis warten. Erst um 1.15 Uhr ist Boll dann auch beim Beamten-Olympia, pardon, in der ARD offiziell ausgeschieden.

Live: Kommt auch vor. Neben 28 Aufzeichnungen bietet der Olympiatag 21 Livestrecken – die mit 7:24 Stunden immerhin den größten Teil des Programms ausmachen. Trotzdem: Weniger als die Hälfte (46 Prozent) eines ARD-Olympiatages ist live – eine Medaille hat sich das Erste dafür nicht verdient.

Carsten Sostmeier: Fast eine Stunde durfte der sonst so virtuose ARD-Pferdeflüsterer am Montag verbal galoppieren – und war diesmal neben der Spur. Dem Huf-Poeten gingen die Gäule durch, und er griff in zügelloser Weise die erst 27-Jährige Deutsche Julia Krajewski an, die ihm offenbar seine Karotten geklaut hat: „Diese Frau hat schon nen braunen Strich in der Hose, wenn sie losreitet“, zeterte Sostmeier, und höhnte nach Julias Ausscheiden: „Die Dame schämt sich selbst.“ Dazu noch ein paar Altherren-Sprüche über die „Blondine“ – Sostmeier tierisch daneben. Wenigstens gab’s Dienstag beim Sorry-Sagen keine Verweigerung. Nach einem Anpfiff von ARD-Teamchef Gerd Gottlob versicherte Sostmeier: „Ich entschuldige mich aus tiefstem Herzen. Es liegt mir fern, Sportler beleidigen zu wollen.“

Jörg Heinrich

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