Vergewaltigung, Überfälle, Virus

Chaos vor Olympia: Rio, packt ihr das?

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Rio versinkt vor Olympia im Chaos.

München - Politik-Chaos, Zika-Virus, Sicherheitsdebatte, Massenvergewaltigung  - Rio versinkt vor Olympia 2016 im Chaos. Die tz sprach mit einem Deutschen, der an der Copacabana wohnt.

Sven Dos Santos ist gebürtiger Heidelberger, lebt aber seit 2004 in Rio an der Copacabana. Viele Jahre baute er seine Tourismus- und Immobilienagentur Agencia Heidelberg auf, nach zwölf Jahren ist er gerade dabei, seine Anteile zu verkaufen und sein neues Projekt „stays“ zu starten. Sein Büro befindet sie nach wie vor direkt an der Copacabana. Der tz schildert er die aktuelle Stimmungslage im Olympialand.

Herr Dos Santos, herrscht schon Olympiavorfreude?

Dos Santos: Die Stimmung ist nicht gut, Brasilien erlebt die schlimmste Wirtschaftskrise seit 100 Jahren. Rio hat zumindest das Glück, dass die Olympischen Spiele noch kommen, damit ist auch Arbeit verbunden. Zudem lässt uns der Zika-Virus nicht los, die Fälle haben abgenommen, aber das Thema ist präsent, weil wir nicht genau wissen, wie sich eine Infizierung in der Zukunft auswirkt. Immerhin gibt es keine gewaltsamen Proteste wie vor der Fußball-WM, das hatte politische Gründe, die Leute waren mit der Fifa nicht einverstanden.

Gab es politische Versprechen, die nicht eingehalten wurden?

Dos Santos: Die bestehende Metrolinie sollte in Richtung der Olympiastätten ausgebaut werden, passiert ist nichts, das ist peinlich. Generell wurde die Infrastruktur aber verbessert, es gibt beispielsweise viele neue, saubere Straßen. Und der See Rodrigo de Freitas, der die Stadteile Ipanema und Leblon verbindet, wurde gesäubert. Schwimmen würde ich darin nach wie vor nicht, aber bisher war das eine ­Kloake.

Für die Guanabara-Bucht, in der die Segelwettbewerbe stattfinden, gilt das nicht.

Sven Dos Santos

Dos Santos: Wir wissen das alle, und wir bekommen auch mit, dass im Ausland negativ darüber gesprochen wird. Von einer Säuberung würden alle profitieren, auch die Einheimischen. Eigentlich ist die Bucht ein wunderschöner Fleck. Im Moment sind viele Augen auf Rio gerichtet, und Dinge werden verbessert, aber die Leute haben Angst, dass nach Olympia alles einbricht. Die Arbeitslosenzahlen werden steigen, das ist ein Nährboden für Kriminalität.

Rivaldo hat gewarnt, Rio sei zu gefährlich.

Dos Santos: Während der Spiele wird alles sicher sein, das war bei der Weltmeisterschaft auch so. Die Touristen müssen sich keine Sorgen machen.

Wie hat sich die Stadt diesbezüglich in den vergangenen zehn Jahren verändert?

Dos Santos: Als ich als 24-Jähriger herkam, war alles wie im wilden Westen. Die Straße, in der ich mein Büro hatte, war vergleichbar mit der Herbertstraße auf St. Pauli. Rio hatte viele Touristen, allerdings war es sehr chaotisch, an der Copacabana regierte der Sextourismus, zum Glück haben sie das eingestampft.

Die Favelas liegen nicht weit entfernt, wie war es da?

Dos Santos: Ich hatte noch keine Kinder, war nicht verheiratet und neugierig, also habe ich mir das angeschaut. Was ich dort gesehen habe, kann man sich in einem europäischen Land nicht vorstellen. Es gab offizielle Drogenverkaufspunkte, da standen 14-, 15-jährige Jungs mit Gewehren. Die Polizei hat die Favelas nicht betreten, sonst hätte es Schießerei gegeben. Aber die schönen Seiten Rios haben immer überwogen, es ist vielleicht die schönste Stadt der Welt. Wo viel Sonne ist, ist eben auch Schatten. Glücklicherweise gibt es diese Zustände nicht mehr in den Favelas rund um die Stadtteile Copacabana und Ipanema, seitdem es die UPP, die Befriedende Polizeieinheit, gibt.

Politisch hängt viel Schatten über Michel ­Temer, dem neuen Präsidenten. Glauben Sie, dass er am 5. August die Spiele eröffnen wird?

Dos Santos: Er hat keinen Rückhalt und ein paar Leichen im Keller. Stand heute würde ich sagen: ja. Aber morgen kann es eine neue Schlagzeile geben. Die Frage ist seriös nicht zu beantworten.

Anhand der wirtschaftlichen und politischen Situation – sollte man die Spiele überhaupt in so ein Land vergeben?

Quo vadis, Rio? Die Polizei versucht, die Favelas sauber zu halten, gegen den Zika-Virus ist auch sie machtlos.

Dos Santos: Brasilien hat die Spiele verdient, und ich finde, man sollte Sport und Politik trennen, auch wenn das heute nicht mehr so einfach geht. Die Rahmenbedingungen werden auf jeden Fall passen, spätestens fünf vor zwölf kriegt der Brasilianer alles hin, das war bei der WM auch so, abgesehen vom Dach des Stadions in Sao Paulo.

Und die Stimmung?

Dos Santos: Wie gesagt, gerade gab es ein Amtsenthebungsverfahren gegen unsere ehemalige Präsidentin Dilma Rousseff, im Moment haben wir ganz andere Probleme. Aber bei der WM ist die Begeisterung auch erst ein paar Tage davor entfacht, Ähnliches vermute ich auch diesmal.

Interview: Mathias Müller

Rio versinkt im Chaos

Politik-Chaos, Zika-Virus, Sicherheitsdebatte, Massenvergewaltigung – Rio, packt ihr das? 66 Tage vor Beginn der Olympischen Spielen (5. bis 21. August) versinkt die Ausrichterstadt im Chaos. Dass Brasilien in einer schlimmen Wirtschaftskrise steckt und nach dem Amtsenthebungsverfahren gegen Ex-Präsidentin Dilma Rousseff unter dem neuen Präsidenten Michel Temer im politischen Chaos versinkt, wäre fies genug. Aber die jüngsten Ereignisse haben die Sicherheitsdiskussion neu entfacht.

Segel-Olympiasieger Fernando Echevarri und seine Crew wurden im Bohème-Viertel Santa Teresa mit Pistolen bedroht und ausgeraubt, in einer Favela vergewaltigten rund 33 Männer ein 16-jähriges Mädchen, nachdem sie sie unter Drogen gesetzt hatten, und stellten ein Video ihrer Tat ins Internet. Fußballstar Rivaldo warnte bereits zuvor vor einer Reise nach Rio. Obendrauf forderten 150 internationale Ärzte und Wissenschaftler eine Verlegung oder Verschiebung der Spiele wegen des Zika-Virus. In einem offenen Brief schrieben sie, Olympia stattfinden zu lassen, wäre „unverantwortlich“ und „unethisch“. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wies den Vorstoß energisch zurück und empfahl stattdessen einige Schutzmaßnahmen.

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