Buch: "Berlin 1936. Sechzehn Tage im August"

Zwischen Party und Maskerade: Olympia 1936 in Berlin

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Der Star im Olympiastadion: Jesse Owens.

München - Im August 1936 fanden in Deutschland erstmals Olympische Sommerspiele statt: Es war eine große Party, die jedoch weit entfernt war von einem Sommermärchen - sie war nichts mehr als Maskerade für den Krieg.

War Berlin 1936 ein Sommermärchen? Nicht so recht. „Stark wolkig und zeitweise bedeckt mit Regenfällen. Etwas kühler. 19 Grad“, meldete der Reichswetterdienst für den 1. August. Es wird eine feuchte erste Woche, in der die Wettbewerbe der Leichtathletik stattfinden, in der der farbige US-Sprinter und Weitspringer Jesse Owens zum Star der Olympischen Spiele wird. Erst am Freitag, den 7. August, lichten sich die Wolken. „Hochdruckwetter, vorwiegend heiter und freundlich mit starker Tageserwärmung, schwachwindig, trocken, 23 Grad.“ Doch höher als auf 27 Grad (11. August) steigt das Thermometer nicht, es folgt eine Gewitterphase, wenigstens ist der Schlusstag (16. August) wieder angenehm: „Schwache Luftbewegung aus wechselnden Richtungen. 25 Grad.“

Der Autor Oliver Hilmes hat für sein Buch „Berlin 1936. Sechzehn Tage im August“ (Siedler-Verlag), das seit einigen Wochen immer wieder in der Bestseller-Liste des „Spiegel“ auftaucht, auch die Wetterberichte der damaligen Zeit ausgewertet. Und überhaupt so viele Quellen: Allein 20 Seiten nehmen Anmerkungen und Literaturverzeichnis ein. Daraus ergibt sich ein Stimmungsbild, wie es zuging damals in Berlin, bei einem Ereignis, zu dem einem die Zeitzeugen allmählich ausgehen.

Auch für das Fernsehen sind die Spiele von 1936 ein Thema. Kürzlich auf Arte und in der ARD zu sehen war eine Spielfilm-Dokumentation mit zwei Schicksalen im Mittelpunkt: dem der deutschen jüdischen Hochspringerin Gretel Bergmann, die ihre Abneigung gegen das Nazi-Regime bekämpfte, weil sie starten und siegen wollte – und die dann, obwohl die Weltbeste, doch nicht nominiert wurde. Sie lebt noch immer, 102 Jahre alt, in den USA. Zudem ging es um Offizier Wolfgang Fürstner, der das Olympische Dorf erbaute und sich zwei Tage nach Ende der Spiele das Leben nahm – er war jüdischer Abstammung und spürte, dass sich die Dinge gegen ihn wenden würden. Bergmann und Fürstner kommen auch in Hilmes’ Buch vor.

Berlin 1936 war eine richtig große Sache

Wir erfahren: Berlin 1936, das war schon eine richtig große Sache. 100.000 Zuschauer passten ins Olympia-, an die 20.000 ins Schwimmstadion. Berlin, wo das Zimmer im besten Hotel, dem Adlon, 18 Reichsmark pro Nacht kostete, war voll. Mit Touristen, Partyvolk, politischen Gästen, Schriftstellern, Künstlern. Einer von ihnen: Richard Strauss. Der Komponist hatte die Hymne für die Olympischen Spiele geschrieben, eine Auftragsarbeit – das Reich wollte der Welt seine besten Köpfe präsentieren.

Und es wollte nicht dastehen wie ein Land, das demnächst die anderen zu verschlingen droht. Die antisemitische Hetzzeitschrift „Der Stürmer“ durfte gut zwei Wochen lang nicht in Berlin erscheinen, die deutsche Presse wurde zudem angewiesen, keine rassischen Gedanken in die Berichterstattung einfließen zu lassen – was vor und nach Olympia jedoch durchaus gewünscht war. Doch im August 1936 verstellte sich Deutschland. Adolf Hitler klapperte die Wettkämpfe ab, ließ lachend eine Kussattacke der amerikanischen Touristen Carla de Vries über sich ergehen, nahm freundlich den Applaus entgegen, wenn es hieß „Der Führer und Reichskanzler betritt das Stadion“ und gehorchte willig, wenn er auf einem Empfang weilend die Rufe des Volkes vernahm: „Lieber Führer, sei so nett, zeige dich am Fensterbrett.“

Die Erfolge des „Negers“ Jesse Owens erduldete er – was Hitler dazu tatsächlich sagte, wurde erst sehr viel später in den Memoiren seines Lieblingsarchitekten Albert Speer offenbar: „Menschen, deren Vorfahren aus dem Dschungel stammten, seien primitiv – athletischer gebaut als die zivilisierten Weißen, meinte er achselzuckend, sie seien eine nicht zu vergleichende Konkurrenz, und folglich müsste man sie von den zukünftigen Spielen und sportlichen Wettbewerben ausschließen.“ Die Reichsleitlinie für die Berichterstattung aber lautete: „Vor allem sollen die Neger nicht in ihren Empfindlichkeiten getroffen werden.“

In den Clubs in Berlin wurden Swing und Jazz gespielt – Musik, die die Nazis eigentlich verachteten. Über die Frivolität an manchen gesellschaftlichen Treffpunkten sah man hinweg. Peinlicherweise vergnügten sich etliche Nazi-Größen in einem Etablissement, das ein rumänischer Jude betrieb (allerdings mit gefälschter nicaraguanischer Identität).

Kuriose Szenen, die überhaupt nicht deutscher Geisteshaltung entsprachen, spielten sich sogar an den Sportstätten ab. Leni Riefenstahl, die Regisseurin des offiziellen Olympiafilms, die überall Zutritt hatte und die Zuschauer mit ihrer Wichtigtuerei nervte (Reaktion von den Rängen: „Buh, alte Kuh, alte Kuh!“), schmachtete den amerikanischen Zehnkampfhelden Glenn Morris an, der nach der Siegerehrung zur Sache kommt. Die Riefenstahl: „Da nahm er mich in den Arm, riss mir die Bluse herunter und küsste mich auf die Brust, mitten im Stadion, vor hunderttausend Zuschauern.“ 1936!

Eine besondere Geschichte lieferte auch die US-Schwimmerin Eleanor Holm Jarrett. Während der Ozean-Überfahrt des amerikanischen Teams fällt sie durch Trunkenheits-Eskapaden auf und wird suspendiert. Eine Presseagentur reagiert und stellt sie umgehend als Olympia-Reporterin ein. Sie beherrscht die Schlagzeilen, sie macht sie nun auch, wird auf den Partys in Berlin herumgereicht, plaudert mit Hitler und bekommt von Göring ein Hakenkreuz als Orden überreicht. Sie fand das alles sehr spaßig. Später heiratete sie in den USA einen jüdischen Geschäftsmann.

Skandal beim Olympischen Fußballturnier

Einen Skandal erlebte das Olympische Fußballturnier. Beim 4:2 von Peru im Viertelfinale gegen Österreich kommt es zu einem Platzsturm durch südamerikanische Fans, die Österreicher fühlen sich bedroht und legen Protest ein. Eine Wiederholung des Spiels wird angeordnet, es soll unter Ausschluss der Öffentlichkeit noch einmal ausgetragen werden. Die Peruaner wittern Einflussnahme des Nationalsozialisten und reisen ab. Kolumbien gleich mit.

Zufrieden mit den Olympischen Spielen von Berlin waren die 4000 Teilnehmer, zumindest sind keine gegenteiligen Fälle dokumentiert. Das Publikum war fair und freundlich, das Olympische Dorf eine Wucht: mit Badesee, Sauna und Unterhaltungsprogramm. Da spielten die Berliner Philharmoniker auf, kamen als Stargäste der Atlantikflieger Charles Lindbergh und der Box-Weltmeister Max Schmeling zu den Sportlern. Auch auf Wunsch des IOC hatte das Kulturprogramm einen hohen Status. Es wurden sogar Gold-. Silber- und Bronzemedaillen in den Sparten Baukunst, Malerei, Bildhauerei, Musik und Dichtung vergeben, man splittete da noch auf in lyrische, dramatische, epische Dichtung oder Vokal-, Kammer- und Orchestermusik. Und im Olympiastadion war in einer Wettkampfpause ein wissenschaftlicher Vortrag des schwedischen Entdeckers Sven Hedin zu hören.

Sie waren eine große Sache, diese Olympischen Spiele 1936 in Berlin, ein gigantischer Erfolg – doch letztlich auch nur Maskerade für die Kriegsvorhaben, die Hitler längst eingeleitet hatte. Kaum war am 16. August die Schlusszeremonie der XI. Olympischen Spiele vorüber, dröhnte das Stadion unter „Heil Hitler“-Rufen und dem Gesang „Deutschland, Deutschland über alles“.

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