Katzenjammer in Berlin

Hamburg geht ins Rennen um Olympia 2024

Frankfurt/Main - Die Hansestadt soll 2024 die Olympischen Spiele zurück nach Deutschland holen - 52 Jahre nach dem letzten Ringe-Fest auf deutschem Boden.

Das Präsidium des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) sprach am Montagabend in Frankfurt eine entsprechende Empfehlung an seine Mitglieder aus und entschied sich damit wenig überraschend gegen Berlin. Hanseatische Verlässlichkeit zählte für die Bosse des deutschen Sports letztlich mehr als der Bonus der Weltstadt Berlin.

„Hamburg bietet ein faszinierendes und kompaktes Olympiakonzept. Hamburg ist eine Stadt, die genau zur Agenda 2020 des Internationalen Olympischen Komitees passt“, sagte DOSB-Präsident Alfons Hörmann bei der Bekanntgabe der Entscheidung in Frankfurt. Er appellierte: „Diese Olympiabewerbung ist ein Projekt von ganz Deutschland. Packen wir es an! Wenn wir nicht überzeugt wären, uns in einem harten internationalen Wettbewerb durchsetzen zu können, hätten wir diesen Weg nicht beschritten.“

Scholz: „Eine sehr, sehr große Ehre“

Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz empfand es „als eine sehr, sehr große Ehre“ für seine Stadt. Sein für den Sport zuständiger Innensenator Michael Neumann wusste bei allem Jubel auch um die Schwere der Aufgabe: „Das ist eine große Ehre für die Stadt. Es ist noch lange nicht der Zieleinlauf, es ist der Startschuss. Wir werden uns jetzt in den internationalen Marathon aufmachen.“

Auch die Hamburger Sportprominenz freute sich. „Das ist ein Feiertag für Hamburg, aber auch eine Verpflichtung. Wir müssen jetzt abliefern“, sagte der ehemalige Wimbledonsieger Michael Stich. Der Wahlhamburger und Box-Champion Wladimir Klitschko meinte: „Großartige Neuigkeiten, die mich im Trainingscamp erreichen. Die absolut richtige Entscheidung.“

Drei Argumente hätten laut Alfons Hörmann den Ausschlag für Hamburg gegeben: „Zunächst die Stimmungslage in der Stadt, das klare Votum der Fachverbände und die heutige Expertenrunde, die uns weitere wichtige und wertvolle Hinweise gegeben hat.“ Sowohl die Spitzenverbände als auch die DOSB-Präsidiumsmitglieder haben Hamburg bevorzugt. Von 33 Verbänden, die an einer geheimen Abstimmung teilgenommen hatten, sprachen sich laut Hörmann 18 für Hamburg und nur elf für Berlin aus, vier Verbände votierten für beide Städte. Zudem habe des Präsidium „eine mehrheitliche Entscheidung“ getroffen, sagte Hörmann.

DOSB muss noch zustimmen

Die Außerordentliche Mitgliederversammlung des DOSB muss am Samstag in der Frankfurter Paulskirche der Empfehlung des Präsidiums noch zustimmen. Dieser Schritt gilt als sicher, und er wird erst der zweite sein für Hamburg am Anfang eines langen, mit hohen Hürden gespickten Weges bis hin zu einer Eröffnungsfeier in einem noch zu errichtenden Olympiastadion auf der Elbinsel Kleiner Grasbrook.

Vor der Abgabe der Unterlagen der bis zu 50 Millionen Euro teuren Bewerbung beim IOC am 8. Januar 2016 müssen sich mindestens 50 Prozent der Bürger in der Hansestadt in einer Befragung im September für die Sommerspiele aussprechen. Bis dahin sollen auch seriöse Angaben über die Kosten der 16-tägigen Mammut-Veranstaltung gemacht werden, die gerade in der Hansestadt gewaltige Bauvorhaben nötig macht.

In der letzten Stimmungsumfrage des DOSB hatten sich 64 Prozent der Hamburger für Sommerspiele vor der eigenen Haustür ausgesprochen und nur 55 Prozent der Berliner. Vor allem weil Hörmann und Co. ein erneutes Bewerbungs-Desaster unter allen Umständen vermeiden wollten, entschieden sie sich gegen das international bekanntere Berlin und für die erheblich sicherere Variante Hamburg.

Doch auch bei einem positiven Bürgervotum liegen Spiele in Hamburg, die vierten in Deutschland nach München (1972), Berlin und Garmisch-Partenkirchen (beide 1936), noch im dichten hanseatischen Nebel verborgen. Zum einen ist die internationale Konkurrenz groß. Boston ist wegen der mächtigen IOC-Unterstützer aus den USA der Favorit. Zum anderen gilt als sicher, dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) den Zuschlag für die EM 2024 erhalten wird. Zwei Großereignisse innerhalb weniger Wochen in einem Land - nicht wenige Skeptiker halten dies für ein Ausschlusskriterium für eine deutsche Bewerbung.

NOlympia Hamburg: „Volksentscheid ist ein großes Risiko“

Das Aktionsbündnis NOlympia sieht Hamburg trotz der Empfehlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) noch lange nicht als offizielle Bewerberstadt. „Der Volksentscheid ist kein Selbstgänger, sondern ein großes Risiko“, sagte Dirk Seifert von der Hamburger NOlympia-Bewegung dem SID: „Das ist noch nicht lange nicht durch.“

„Was in München passiert ist, war nicht zufällig“, meinte Seifert weiter: „Man muss bei Beträgen von über 10 Millionen Euro abwarten, ob die Stimmung noch weiter nach oben geht oder deutlich nach unten. Das wird keine leichte Aufgabe für den DOSB und den Hamburger Senat.“

Auch Seifert sieht Boston als klaren Favoriten. „Die Spiele 2024 werden mit hoher Wahrscheinlichkeit in den USA stattfinden“, meinte er und fand es „schade, dass sich diejenigen, die über 2028 nachgedacht haben, nicht durchgesetzt haben. Bis dahin hätte man ein neues Modell für Olympia kreieren können.“

Auch Olympia-Gegner und -Skeptiker gibt es zuhauf, und sie lauern nicht nur in Reihen des Aktionsbündnisses NOlympia. Zu teuer, nur zum finanziellen Wohle des IOC und zu Lasten anderer wichtiger Sozialprojekte, schlechte Erfahrungen mit der Elbphilharmonie - die olympische Idee begeistert bei weitem nicht alle.

Nicht umsonst rührt der für den Sport zuständige Innenminister Thomas de Maiziere schon kräftig die olympische Werbetrommel: „Ich finde, dass wir Deutsche glänzend darin sind, immer Gegenargumente zu finden. Mit der Bewerbung um Olympische Sommerspiele können wir beweisen, dass wir auch zum Gegenteil in der Lage sind.“

sid

Rubriklistenbild: © dpa

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