Luftakrobat erzählt

"Ich mache Dinge, die nicht viele machen dürfen"

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Nie abgehoben: Dominik Halamek nimmt Kontakt zum Publikum auf.

Als Luftakrobat ist Dominik Halamek ständig auf der Suche nach dem Extremen. Auf einige Dinge kann er aber verzichten.

Konzentration. Stille. Gleich beginnt die Musik. Dominik Halamek steht auf der Kante eines 100 Meter hohen Gebäudes in Moskau. Es gibt kein zurück mehr. Der Bass pumpt, die Show geht los. Halamek kippt nach vorne. Der 33-Jährige tanzt die Hausfassade hinunter – eine Drehung nach rechts, betonte Armschwünge, ein paar Walzer-Schritte mit der Tanzpartnerin. Ihn hält nur ein Seil.

Er ist froh, als er unten ankommt. Acht Grad, Regen und Wind: Der Luftakrobat hat den extremsten Auftritt seines Lebens hinter sich. Unten stehen Frauen in kurzen Röcken. Halamek trägt Ski-Unterwäsche und Fließ-Pullover. „Und trotzdem war es nicht warm“, erzählt der Wolfratshauser und lacht.

Halamek sucht die Freiheit - auch in hunderten Metern Höhe

Halamek ist Luftakrobat, Tänzer und Choreograf. Sein Job ist es, in schwindelerregenden Höhen Tänze aufzuführen. Mit seinen Produktionen hat der Freiberufler die Welt bereist und kennt viele Gebäude aus einer ungewöhnlichen Perspektive. Die Faszination dabei? „Ich mache Dinge, die nicht viele Menschen in ihrem Leben machen dürfen“, sagt Halamek. Auf dem Burj Khalifa in Dubai zu sein oder auf dem Dach von der Ankamall in Ankara – „man sieht die Stadt aus einer Perspektive, ist an Orten, wo extrem wenige Menschen hinkommen.“

Seit zwölf Jahren spielt Halamek mit der Höhe. Er jagt dieses eine Gefühl, wieder und wieder: Fliegen. Er und die anderen Tänzer sind mit Seilen gesichert. Doch der 33-Jährige springt gerne mal 20 Meter von der Fassade weg. „Dieser Moment, frei in der Luft zu sein“, schwärmt er. Je höher, desto besser. „Bis 100 Meter mache ich mir darüber so gut wie keine Gedanken.“ Verrückt findet der Künstler das nicht. „Es ist schon ab wenigen Metern gefährlich. Stürzt man aus acht Metern auf den Betonboden, ist man garantiert tot.“ Luftakrobaten witzeln darüber: „Wenn auf Betonboden, dann aus über acht Metern.“ Sicher muss es für Halamek immer sein.

In luftiger Höhe spürt Luftakrobat Dominik Halamek das Gefühl von Freiheit

In einer kleinen Fabrikhalle in einem Wolfratshauser Gewerbegebiet entstehen seine Ideen. Dort lagern Kostüme, dort hat er seine Ruhe mit Blick auf die Berge. Der perfekte Ort, an dem Halamek Choreografien entwirft. „Ich bin wie ein Maler oder Schriftsteller, der in ein einsames Hotel fährt“, sagt er. „Hier habe ich freie Gedanken. Jeder Künstler, der mich besucht, versteht das.“ Auftraggeber aus aller Welt rufen ihn an. Dann beginnt die Planung: Wie hoch ist das Gebäude? Wie groß soll das Team sein? Welche Kostüme, welche Musik, passen zum Auftritt?

Die Sicherheit geht immer vor

In der kleinen Fabrikhalle muss Halamek den Ablauf bis ins kleinste Detail planen. Er versucht, alles technisch und menschlich Mögliche unter seine Kontrolle zu bringen. Fehler können jederzeit tödlich enden. Bei einer Probe, erinnert er sich, war es kurz davor. Ein Auftritt mit einer Winde. Doch das Team wird in eine falsche Position gefahren, das Seil ist dafür viel zu lang. Halamek wird stutzig bei dem Geräusch, das die Winde macht. Er schreit laut „Abbruch“. „Wenn es mir nicht rechtzeitig aufgefallen wäre, wären wir einfach runtergefallen und unten aufgeklatscht.“ Acht Meter, Betonboden.

Beim Auftritt kann der Künstler die Gefahr ausblenden. In Peking tanzte er Walzer - an den Yintai Towers in 280 Metern Höhe. Das Gefühl? „Mit Genuss hat das gar nichts mehr zu tun gehabt.“ Das war sein höchster Auftritt – und vermutlich sein skurrilster. Hoch über der Erde sieht er im Augenwinkel Blaulicht. Während er und die anderen Tänzer und Tänzerinnen die Hüften schwingen, fährt am Boden die Polizei heran. Dem Auftraggeber fehlt die Genehmigung für die Show. Halamek und sein Team steigen über ein Fenster in das Gebäude. „In China willst du einfach keine Nacht im Knast hocken.“ Zur Wiedergutmachung wurde das Team in 280 Metern Höhe zum Abendessen eingeladen. Ganz nach Halameks Geschmack.

Noch lieber hat Halamek Höhen um die 100 Meter – unter gewohnten Bedingungen. Dann kann er den Auftritt vollends genießen. Ein besonderer Moment: sich auf der Kante des Gebäudes abzukippen. „Den kann man sich selbst total schön machen, indem man ganz bewusst aufs Meer rausschaut.“ Dann wippt er auf der Kante, zögert das Abkippen heraus. Halamek, der Genießer.

"Manche bekommen nichts mit und erschrecken dann"

Dazu gehört das Zusammenspiel mit den Besuchern der Shows. „Ich suche mir immer Gesichter heraus. Man findet immer ein total begeistertes, offenes Gesicht. Das gibt mir total viel.“ Aus 100 Metern Höhe? „Die Leute glauben nicht, aus wie viel Entfernung man einzelne Gesichter und Details wahrnehmen kann.“ Auf Menschen trifft Halamek bisweilen auch mal, wenn er an einer Hotelfassade herabspaziert. „Es ist sehr lustig, was man an den Fenstern sieht. Manche bekommen es gar nicht mit, dass man bei ihnen gerade vorbeiläuft und erschrecken dann.“

Auf was er verzichten kann: „Wenn Hotelgäste das Fenster aufmachen und sich mit einem unterhalten.“ Denn da oben ist Halamek in seiner eigenen Welt, schwingt und tanz über dem Trubel, all den Menschen und dem Betonboden. Und blickt aufs Meer.

Den Autor faszinieren Geschichten über Höhe. Auf die Idee, selbst etwas in der Luft zu machen, käme er nie. Er hat Höhenangst.

Sebastian Raviol, 25, Volontär beim Starnberger Merkur

Freiweh: Eine Volontärs-Beilage

Dieser Artikel ist ein Teil der Beilage zum Thema Freiheit, die von Volontären des Münchner Merkur und der tz erstellt wurde. Sie haben sich mit der Sache auseinandergesetzt, die jeder will aber kaum einer hat und in unserer Zeit doch selbstverständlich sein sollte. Hier geht es zu einer Übersicht zu allen Artikeln der Beilage.

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