Samstag der Start in Leeds

Tour de France: "Niemand hat Recht auf TV-Präsenz!"

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Sylvia Schenk.

München - Die Tour de France 2014 startet am Samstag: Das tz-Interview mit Sylvia Schenk, ehemalige Präsidentin des Deutschen Radsportbundes und heutige Aktivistin für Transpa­rency International.

Update vom 1. Juli 2016: Auch die Tour im Jahr 2016 wird bestimmt wieder in den Bergen entschieden. Wer radelt in den Alpen und Pyrenäen am schnellsten die Straßen hoch? Hier erfahren Sie, wie Sie die Tour de France 2016 live im TV und im Live-Stream verfolgen können.

Update vom 3. Juli 2015: Die deutschen Fahrer haben bei der Tour de France 2015 gute Chancen auf einen Erfolg und werden für ihre klaren Bekenntnisse für einen sauberen Sport mit mehr Aufmerksamkeit belohnt. Damit auch Sie zuschauen können, begleiten wir das größte Radrennen der Welt im Ticker. Hier können sie alle Ereignisse der Tour de France mitverfolgen.

Am Samstag startet die Tour de France in Leeds. Als Favoriten gelten Christopher Froome und der Dopingsünder Alberto Contador. Der Deutsche Marcel Kittel kämpft um das Grüne Trikot. Das tz-Interview mit Sylvia Schenk, ehemalige Präsidentin des Deutschen Radsportbundes und heutige Aktivistin für Transpa­rency International.

Frau Schenk, Eurosport sendet insgesamt 350 Stunden, 90 davon live. Marcel Kittel forderte jüngst die Öffentlich-Rechtlichen auf, wieder in die Live-Berichterstattung einzusteigen, weil man genug bestraft worden wäre. ARD und ZDF halten sich aber zurück. Ist das richtig?

Sylvia Schenk: Ich habe nicht das Gefühl, dass das nötige Bewusstsein für die Dopingproblematik in der Szene überall angekommen ist. Aber nur draußenzubleiben, hilft nicht weiter, mir wäre eine fruchtbare Diskussion lieber. Bei der Nicht-Berichterstattung geht es nicht um eine Strafe, die automatisch abläuft, sondern man wollte ein Umdenken herbeiführen. Es hat sich etwas getan, aber nicht genug.

Ex-Giro-Sieger und Dopingsünder Danilo di Luca sagt, dass beim Giro d’Ialia nach wie vor 90 Prozent der Fahrer gedopt seien.

Schenk: Es geht ARD und ZDF auch nicht nur um die deutschen Fahrer, sondern um die Sportart als Ganzes. Für alle würde Herr Kittel nach eigener Aussage auch nicht die Hand ins Feuer legen. Der Radsport ist ausdauerbetont, das erhöht das Dopingrisiko. Zudem sind immer noch belastete Personen wie Bjarne Riis und Jörg Aldag aktiv, damit ist nie selbstkritisch umgegangen worden. Abgesehen davon dauert es lange, Glaubwürdigkeit wiederaufzubauen, wenn sie mal zerstört ist.

Marcel Kittel hat sich deshalb an einen Lügendetektor anschließen lassen.

Schenk: Das ist doch albern. Ein Lügendetektor, die eidesstaatlichen Versicherungen aller Fahrer, diese ganzen plakativen Aktionen finde ich eher niedlich. Jeder, der sich in der Kriminologie ein bisschen auskennt, weiß, dass das nichts bringt. Ein Lügendetektor hat nur einen begrenzten Wert, das sagt nichts darüber aus, was jemand am nächsten Tag macht. Da müsste sich Marcel Kittel jeden Tag an den Lügendetektor anschließen lassen.

Verstehen Sie seinen Wunsch nach TV-Präsenz?

Schenk: Grundsätzlich hat niemand das Anrecht aufgrund seiner Leistungen im Fernsehen übertragen zu werden, sonst würden wir beispielsweise auch Sabine Spitz (deutsche Mountainbikern, Anm. d. Red.) öfter sehen. Auch andere Sportler sind toll und werden nicht übertragen. Herr Kittel sollte sich intensiver mit der Materie auseinandersetzen, dann könnte er auch zielgerichtete Argumente bringen. Ich will ihm nicht zu nahe treten, ich verstehe ihn emotional, aber es müsste eine fundierte Debatte vom Radsport geführt werden. Ich glaube auch nicht, dass sofort jemand im Gefängnis landet, sollte das Anti-Dopinggesetz kommen. Ein neues Strafgesetz würde auch nicht mehr abschrecken. Wer sich von einer Zwei-Jahressperre nicht abschrecken lässt, lässt sich auch von ein paar Monaten auf Bewährung nicht abbringen.

Die Gewinner der Tour de France seit 1989

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Wer ist in der Pflicht?

Schenk: Die Prävention der Verbände und der UCI setzt bisher nur auf Kontrollen, das ist mir zu wenig. Das beweist aktuell auch der Bericht der DOSB-Steiner-Kommission. Mit den Kontrollen findest du nur die Dummen. Auch die WADA (Weltantidopingagentur, Anm. d. Red.) weiß das, eine WADA-Arbeitsgruppe untersucht seit eineinhalb Jahren die fehlende Effektivität des Dopingkontrollsystems.

Was kann man machen?

Schenk: Bei der Tour könnten mehr unabhängige Ärzte mitfahren. Das Gepäck und die Wagen der Teams sollten frei zugänglich sein. Das US-Postal-Team hat seinerzeit auf der Strecke angehalten und im eigenen Teamwagen Blutdoping durchgeführt, so etwas geht nicht, wenn die Personen und die Autos jederzeit durchsucht werden können. Der Radsport braucht noch mehr Transparenz – auf allen Ebenen und außerhalb der Kontrollen.

Die Fahrer könnten das als Zumutung empfinden.

Schenk: Im Vergleich zu Dopingkontrollen wäre es ein kleinerer Eingriff, wenn Mediziner ihr Gepäck und ihr Zimmer freigeben müssten. Da finde ich es schlimmer, wenn Morgens um sechs Uhr jemand bei mir klingelt, sich zu mir an den Frühstückstisch setzt und mit aufs Klo geht, um mir eine Urinprobe abzunehmen. Ein Blutpass ist ein erster Schritt, aber es gibt noch andere Möglichkeiten.

Alberto Contador ist ein Favorit. Wünschen Sie sich aufgrund seiner Vergangenheit einen anderen Sieger?

Schenk: Er hat seine Strafe abgesessen, und hat wie jeder andere die Chance auf Resozialisierung. Außerdem habe ich bei niemandem das absolute Vertrauen.

Die deutschen Hoffnungen sind Sprinter. Ist da auf dopingfreie Leistung zu hoffen?

Schenk: Erik Zabel war auch Sprinter. Außerdem muss ein Fahrer, der um das Grüne Trikot kämpft, gut durch die Bergstrapazen auf der Tour kommen. Wenn ein Sprinter nur die ersten Etappen mitrollt, und danach aussteigt, dann vielleicht, aber sonst ist die Versuchung immer da.

Interview: Mathias Müller

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