Wenig kritische Berichterstattung bei Eurosport

TV-Kritik zur Tour: Ab nach Ullrich-sur-Stéroïdes

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Karsten Migels (links) und Jean-Claude Leclercq.

München - tz-Kolumnist Jörg Heinrich beobachtet für uns die Berichterstattung über die Tour de France. Ihm ist aufgefallen: Es fehlen die kritischen Töne.

Update vom 1. Juli 2016: Wird das härteste Radrennen der Welt auch in diesem Jahr wieder in den Bergen entschieden, oder lässt Favorit Chris Froome die Konkurrenz auch auf dem flachen Land hinter sich. So können Sie die Tour de France 2016 live im TV und im Live-Stream ansehen.

Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung. Und nachmittags um fünf auch – zumindest bei Eurosport, dem Gut Aiderbichl aller gedopten Radfahrer. Von Contador bis Basso: Hier im Spritzen-Streichelzoo werden sie noch gehätschelt und getätschelt. Im Fernseh-Gnadenhof bleibt die böse Welt außen vor, weil es der Radsport-Fan angeblich so will. 

Kommentator Karsten Migels und sein Schönred-Experte Jean-Claude Leclercq plaudern bei der Tour de France über praktisch alles, vom Bonduelle-Dosengemüse bis zum Crêpe à la béchamel. Fast wähnt man sich bei „Lanz kocht“, kein schöner Gedanke. Bloß kritische Töne bleiben aus. Wenn das ein Vorgeschmack auf die künftigen Olympia-Exklusivübertragungen von Eurosport ist, kann’s ja heiter werden im IOC-Dauerwerbefernsehen. Alles richtig gemacht, Herr Bach!

Wie Migels und Leclercq in ihrem Pippi-Langstrumpf-TV („Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt“) die Realität ausblenden, erinnert an alte Ostblock-Berichterstattung. Willkommen bei der Pedal-Prawda, Grüß Gott bei der Aktuellen Radsport-Kamera. Alberto Contador will heuer den Giro und die Tour gewinnen – kein kritisches Hinterfragen dieses unmenschlichen Vorhabens auf den Spuren von Marco Pantani. Die Kasachen-Apotheke Astana als Tour-Mitfavoriten – kein Problem. Die beiden Radl-Fahrer von Eurosport feiern sie alle ab, die Spritzenkräfte von heute und von einst. Die Familie hält zusammen. Jacques Anquetil, der mit 53 an Magenkrebs starb, wohl wegen Doping-Spätfolgen – Yeah! Rudi „Die radelnde Apotheke“ Altig – Superyeah! Fehlt bloß noch, dass der untote Ulle durch die Übertragungen geistert. Doch auch mit seinem Erscheinen muss täglich gerechnet werden.

Und das Verrückte ist: Es fasziniert immer noch, wenn das Peloton stundenlang durch das wunderschöne Frankreich saust, durch Dörfer wie Le-Ullrich-sur-Stéroïdes oder Madeleine-les-Églises. Wer möchte da nicht sofort einen Bauernhof in Madeleine-les-Églises kaufen und dort Bonne-Maman-Orangenmarmelade einkochen? Die Tour ist ein Sportereignis wie ein Autounfall – man kann einfach nicht wegschauen. Eurosport-Fazit: Doping ist kein Thema, alles fantastique. Genauso gut könnte man sagen: Griechenland ist eine aufstrebende Hightech-Nation, das Singapur der Ägäis.

Tour de France 2015: Das wichtigste Radsport-Rennen im Live-Ticker

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