Strenge Einlass-Kontrollen

Zu Besuch in Sotschis einziger Schwulen-Bar

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Symbolfoto: Ein als Wladimir Putin verkleideter Demonstrant protestiert mit einer Regenbogenfahne vor der Philharmonie in München gegen ein Konzert des Dirigenten Valery Gergiev.

Sotschi - Der Club Mayak ist Sotschis einzige Schwulenbar. Homosexuelle versuchen dort, zumindest für kurze Zeit zu entspannen. Die Gefahr scheint aber allgegenwärtig.

Entspannt sitzt Roman Kotschagow auf seinem weißen XXL-Sofa im Club Mayak, die überdimensionalen Bilder hinter ihm zeigen nackte und durchtrainierte Männerkörper. Das Ambiente in Sotschis einziger Schwulenbar ist gelöst, irgendwie stimmig - und dennoch liegt permanent Gefahr in der Luft. Leute wie Kotschagow sind in Sotschi gar nicht gern gesehen. Vor allem nicht während der Olympischen Spiele.

„Je weniger wir aber auf den Straßen protestieren“, sagt er deshalb, „je weniger wir einen Skandal herbeiführen, desto sicherer ist unser Leben.“ Kotschagow, vor 13 Jahren von Moskau in die Schwarzmeer-Metropole gezogen, fühlt sich sicher. Sagt er zumindest.

Die Eingangstür ist allerdings schon mal verriegelt. Doppelt und dreifach. Keine Werbung, nicht einmal ein kleines Schild gibt einen Hinweis darauf, dass in dieser kleinen, aber feinen Absteige direkt neben dem Hyatt-Hotel unter anderem Nacht für Nacht Travestieshows aufgeführt werden. Auf die winzige Kamera über der schwarzen Metalltür möchte Kotschagow nicht verzichten, auch wenn seine Türsteher „die strengste Gesichtskontrolle in ganz Sotschi“ durchführen.

Anklopfen und eintreten - nein, das ist hier nicht möglich. Zugang erhalten lediglich Stammgäste, unbekannte „Neulinge“ dürfen nur in deren Begleitung die Räumlichkeiten der pompösen Bar erkunden. Die Gefahr ist irgendwie allgegenwärtig.

„Vor 20 Jahren, als wir hier alle noch in der Sowjetunion gelebt haben, da haben sie Homosexuelle wie Schwerverbrecher behandelt und ins Gefängnis gesteckt“, sagt Kotschagow fast schon entschuldigend. Denn er, der gemeinsam mit seinem Lebensgefährten Andrei Tanitschew trotz jahrelanger Beziehung auf öffentliche Lippenbekenntnisse verzichtet, weiß um die derzeit angespannte Lage in ganz Russland, speziell aber in Sotschi.

Dabei ist die Großstadt, das behauptet zumindest Teenager Wladislaw Slawsky im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP, „noch viel homosexueller als Moskau“. Slawsky gehört zu den Stammgästen im Club Mayak. Weil er ganz und gar nicht die Meinung der Klubbesitzer teilt und sich für Paraden und sogar einen Boykott der Spiele stark macht, finden im Mayak inmitten von Raucherdunst und violettem Neonlicht teilweise hitzig geführte Debatten statt.

„Niemand wird auf diese Paraden gehen, und niemand braucht derzeit Proteste“, sagt Mitbesitzer Tanitschew. Er wird wissen, warum: Der Aufstieg Sotschis hat auch seinem Klub zu einem höheren Bekanntheitsgrad verholfen. 400 Besucher schauen in den besten Nächten vorbei. „Aus ganz Russland“, betont er stolz.

Und dennoch hält er das im vergangenen Juni eingeführte Gesetz der Putin-Regierung, das eigentlich ein international stark umstrittenes Verbot von Homosexuellen-Propaganda in Anwesenheit Minderjähriger ist, für absolut fatal. „Es ist ein idiotisches Gesetz, das Skinheads und Faschisten grünes Licht für Angriffe auf Homosexuelle gibt“, sagte Tanitschew.

Immer wieder ist es in Russland zu Übergriffen gekommen. Extrem skrupellose Täter stellten davon mitunter sogar selbstgedrehte Videos ins Internet. In Anbetracht dieser Szenarien ist das Mayak dann irgendwie doch ein Ort grenzenloser Sicherheit.

Stichwort: Anti-Homosexuellen-Gesetz

Das Anti-Homosexuellen-Gesetz in Russland wurde am 11. Juni 2013 von der Duma verabschiedet und am 30. Juni von Präsident Wladimir Putin unterzeichnet. Eigentlich ist das Gesetz ein föderales Verbot der „Propaganda von nicht-traditionellen sexuellen Beziehungen gegenüber Minderjährigen“. Damit drohen Schwulen und Lesben, die sich in der Öffentlichkeit in Anwesenheit Minderjähriger positiv über Homosexualität äußern, Geldstrafen und sogar Haft. Eine Verbesserung der Situation homosexueller Menschen in Russland ist nach jetzigem Stand unwahrscheinlich, auch wenn Putin für die Dauer der Olympischen Spiele keinerlei Diskriminierung garantiert. Zu engstirnig ist die Haltung der Politik zur Thematik - das Parlament beispielsweise sprach sich mit 436 Stimmen bei nur einer Enthaltung klar für das Gesetz aus. Aber auch in gesellschaftlichen Kreisen wird Homosexualität stark tabuisiert. Bei Demonstrationen oder Veranstaltungen der sogenannten „LGBT-Bewegung“ werden die Teilnehmer regelmäßig in Gewahrsam genommen. Eine im Februar 2013 durchgeführte Meinungsumfrage zeigte zudem, dass mehr als 80 Prozent aller Russen das damals noch in Planung befindliche Gesetz befürworteten.

sid

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