DOSB-Präsi schließt nichts aus

Hörmann: Pechstein könnte Fahne tragen 

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Alfons Hörmann denkt über Claudia Pechstein als Fahnenträgerin nach.

Köln - Alfons Hörmann will Olympia-Gastgeber Sotschi trotz aller Kritik „eine faire Chance“ geben - und er scheint für eine Überraschung gut zu sein.

Im Interview schließt der 53-Jährige vor seinen ersten Olympischen Spielen als DOSB-Präsident ausdrücklich nicht aus, dass Claudia Pechstein bei der Eröffnungsfeier am 7. Februar die deutsche Fahne tragen wird. Dies käme einer Rehabilitierung der streitbaren, einst für zwei Jahre gesperrten Eisschnellläuferin von höchster sportpolitischer Stelle gleich.

„Ganz ehrlich, ich bin mir selbst über dieses Thema noch nicht ganz im Klaren und möchte meine Bewertung bewusst mit dem Führungsteam gemeinsam erarbeiten“, sagte Hörmann, betonte aber: „Ich schließe aus heutiger Sicht ganz bewusst und explizit nichts aus. Wir werden am 5. Februar eine sachgerechte Entscheidung treffen und diese am 6. Februar verkünden.“ Die Entscheidung über den Fahnenträger obliegt allein dem DOSB-Präsidium.

Lob für Pechstein

Der neue Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes steht der fünfmaligen Olympiasiegerin Pechstein grundsätzlich positiv gegenüber. Er habe „Verständnis für sie, sie steckt in einer wirklich schwierigen Situation. Ihr Fall ist einer der komplexesten der Sportgeschichte. Da gibt es kein einfaches Ja oder Nein, kein Schwarz oder Weiß“, sagte Hörmann: „Wir wollen alles tun, um ihr die zehnte olympische Medaille zu ermöglichen.“

Pechstein (41) war 2009 wegen auffälliger Blutwerte aufgrund des indirekten Doping-Nachweises durch den Eislauf-Weltverband ISU für zwei Jahre gesperrt worden. Sie kämpft bis heute verbissen um ihre Rehabilitierung und scheute auch nicht vor harter Kritik am DOSB zurück. Vor allem Hörmanns Amtsvorgänger Thomas Bach, mittlerweile erster deutscher Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), war sie mehrfach frontal angegangen. Eine Nominierung Pechsteins als Fahnenträgerin könnte Bach als Affront werten, ebenso wie der Eislauf-Weltverband ISU, gegen die Pechstein eine millionenschwere Schadenersatzklage eingereicht hat.

Hörmann lobt Pechstein derweil in höchsten Tönen, vielleicht auch, um die streitbare Berlinerin und ihre mittlerweile wieder stattliche Anhängerschaft für den Fall zu besänftigen, dass beispielsweise Mitfavoritin Andrea Henkel (Biathlon) die Fahne tragen darf. Er habe mit Freude vernommen, sagte der neue DOSB-Boss, dass Pechstein auch nach den Spielen in Sotschi ihre Karriere fortsetzen wolle. Er finde es „faszinierend, wenn Athleten so lange und erfolgreich aktiv sind“. Es sei bemerkenwert, dass Pechstein „sogar auch heute noch eine Siegläuferin“ sei.

Hörmann hatte sich zuletzt für eine Wiederaufnahme der Berlinerin in die Sportförderung der Bundespolizei eingesetzt, zudem hatte der DOSB Pechsteins umstrittenen Lebensgefährten Matthias Große für Sotschi nominiert und dafür auch Kritik kassiert. Und Hörmann war auch persönlich auf Pechstein und ihr Lager zugegangen. Die „ersten losen Gespräche“ zum Thema Bundespolizei seien vor einem Treffen mit Pechstein am 13. Januar geführt worden. „Aus meinem Grundverständnis ist es an der Zeit, das Thema noch mal offen und klar zu bereden und sachgerecht zu bewerten“, sagte Hörmann. Ihm sei das Gespräch mit Pechstein, das er gemeinsam mit DOSB-Generaldirektor Michael Vesper geführt hat, „ein Anliegen“ gewesen, um „mögliche Vorurteile abzubauen und Klarheit zu schaffen“.

Hörmann gibt Pechstein also eine Chance - und dasselbe hat er auch mit Sotschi vor. Er werde „unvoreingenommen, aber mit kritischem Blick“ nach Sotschi reisen. „Fakt ist, dass vieles, was in Sotschi stattfindet, aus westlicher Sicht schwer verständlich und einiges mit unseren Wertvorstellungen nicht vereinbar ist. Aber man muss jedem Gastgeber die faire Chance geben, die Sache erst einmal zu Ende zu bringen“, sagte Hörmann. Spätestens nach den Paralympics, die er ebenfalls besuchen wird, werde „die Stunde der professionellen und offenen Analyse kommen“.

Politische Kritik seiner Sportler würde er in Sotschi kritisch beobachten, aber unter Umständen auch gutheißen. „Ermutigen im Sinne von “Macht das jetzt!'„, würde er die Athleten `sicher nicht“. Jeder Sportler solle, „wenn er das innere Empfinden hat, Stellung beziehen“. Er solle sich aber „auch und vor allem auf den Leistungssport“ konzentrieren, damit er sich seinen Lebenstraum von einer guten Olympiaplatzierung verwirklichen könne.

„Wenn er in gebotener Form kritisiert, ohne gegen die Olympische Charta zu verstoßen, ist das völlig okay. Es darf aber auch niemand von außen zu einer Positionierung gedrängt werden“, sagte Hörmann.

sid

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