Vor dem Start in die Weltcup-Saison

Biathletin Hinz im Interview: Ich wusste immer: Ich will da raus!

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Vanessa Hinz.

München - Die vergangene Saison war ein Schritt zurück für Biathletin Vanessa Hinz, die aus dem Langlauf-Team kam. Wie sie wieder Anlauf nimmt, verrät Hinz im tz-Interview.

Wer sich auf der Homepage von Vanessa Hinz umsieht, trifft auf einen Spruch, der passender nicht sein könnte für ihre Situation. „Unterschätze nie einen Menschen, der einen Schritt zurück macht. Er könnte Anlauf nehmen!“, steht dort als Lieblingszitat der 24-Jährigen vom Schliersee. Nach ihrem Wechsel 2011 aus dem Langlauflager zu den Biathleten ging es stetig bergauf und bis auf Rang vier in der Verfolgung von Nove Mesto 2015. Die vergangene Saison endete mit zu viel Erwartungsdruck und den WM-Rängen 61 (Sprint) und 37 (Einzel) – ein Schritt zurück. Wie sie wieder Anlauf nimmt, verrät Hinz im tz-Interview.

Frau Hinz, wie war der letzte Lehrgang in Norwegen?

Hinz: Der Schnee, die Stimmung, alles hat gepasst, es hat echt Spaß gemacht. Ich war mit fünf Mädels und unserem Physiotherapeuten zusammen in einer Hütte, langweilig wird einem nicht.

Ein männlicher Physio?

Hinz: Ja.

Der hat es sicher auch nicht immer einfach, mit sechs Damen…

Hinz: Ach, er war zufrieden, er meinte, er steht das durch. Er hatte selbstverständlich sein eigenes Zimmer.

Sie hatten Ende der vergangenen Saison auch einiges durchzustehen.

Hinz: Ich war verunsichert, weil es nicht lief, ich aber wusste, dass ich es kann. Vor der WM hatte ich dann wieder ein gutes Gefühl, aber ich konnte es nicht umsetzen. Es war eine harte Saison, danach habe ich Abstand gebraucht und meine Schlüsse daraus gezogen.

Woran lag es?

Hinz: Ich habe mir selbst zu viel Druck gemacht, zu viel erwartet und zu viel erhofft. Als es plötzlich nicht mehr funktioniert hat, war es schwer für mich, damit umzugehen. Ich bin perfektionistisch, die Ergebnisse und wie sie zustande kamen, haben mich gewurmt. Aber jeder Fehler macht einen stärker und ich wusste immer, dass ich da wieder rauskommen will.

War es das erste Tal, das Sie in Ihrer Karriere durchschreiten mussten?

Hinz: Ich würde es als kleine Mulde bezeichnen, aber bei keinem Sportler geht es immer nur bergauf.

Im Sommer haben Sie bei den Deutschen Meisterschaften in der Verfolgung Ihren ersten Einzeltitel gewonnen. Sie sind wieder im Aufstieg, oder täuscht das?

Hinz: Der Titel bedeutet mir viel, weil ich mit den Rollerskates nie sonderlich gut zurechtgekommen bin. Außerdem habe ich kühlen Kopf bewahrt, das hat mich gefreut, auch wenn es nur ein Sommer-Wettkampf war.

19 Ihrer 20 Scheiben sind gefallen. Sind das erste Auswirkungen aus der Zusammenarbeit mit Ihrem Mentaltrainer?

Hinz: Ich habe keinen festen Mentaltrainer, mit dem ich mich regelmäßig treffe oder telefoniere. Ich habe mir nur ein bissl Hilfe von außen geholt.

Gefühlt arbeiten sehr viele Biathleten mit einem Mentaltrainer, stimmt das?

Hinz: Es gibt wenige Sportarten, in denen man so fokussiert sein muss und so schnell umschalten muss wie im Biathlon. Ich glaube, dass sich die meisten von uns da Unterstützung holen, aber ich weiß es nicht, wir reden untereinander nicht darüber, es ist kein Tabuthema, aber jeder muss das für sich selbst wissen.

Was hat Ihnen geholfen?

Hinz: Ich werde meinen Trick nicht verraten, weil das niemanden etwas angeht, aber sicher sind die Hilfestellungen sehr individuell.

Sie haben vorhin von Abstand gesprochen. Wie viel Anteil daran hatten Ihre Reisen nach Sri Lanka, Zypern und Samos?

Hinz: Zu Zypern habe ich eine spezielle Bindung, meine Familie hat dort ein Haus, ich war als Zweijährige erstmals dort. Es gibt keinen Strom und kein Telefon, herrlich. Sri Lanka war mein großer Trip im April, das mache ich immer so, ich will auch die Welt außerhalb der Biathlonstadien entdecken.

Erden Sie diese Erfahrungen?

Hinz: Man wird auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. In Sri Lanka haben die Menschen nichts und geben dir trotzdem noch etwas. Bei der Herzlichkeit kommt man ins Grübeln, man muss sich vor Augen führen, was für ein privilegiertes Leben wir haben. Durch diese Reisen entkomme ich der Blase Biathlon für einen gewissen Zeitraum und merke immer wieder, dass es noch etwas anderes gibt.

Wie sähe für Sie ein gelungener Biathlonwinter aus?

Hinz: Ich habe Ziele, aber ich werde sie im Moment nicht mehr öffentlich formulieren, das tut mir nicht gut. Darauf bin ich übrigens selbst gekommen, ganz ohne Hilfe.

Interview: Mathias Müller

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