Skisprung-Star im tz-Interview

Freund: „Irgendwann fragst du dich, ob das alles noch Sinn macht“

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Abflugbereit: Severin Freund will nach der Hüft-OP in diesem Winter wieder angreifen.

München - Für Severin Freund und seine Kollegen wird es jetzt wieder ernst. Vor Beginn der Skisprung-Saison äußert sich DSV-Überflieger Severin Freund zu seinen Aussichten.

Er ist Olympiasieger und Weltmeister - trotzdem muss er sich jetzt wieder heranarbeiten. ­Severin Freund startet an diesem Donnerstag mit seinen ­Kollegen mit der Qualifikation auf der ­eisigen Schanze in ­Kuusamo / Finnland in den Winter. ­Hinter ihm liegt eine Hüft-OP und ein durch die Reha geprägter Sommer. Vor ihm, trotz seiner OP, die Rolle als ­Führungsfigur im deutschen Team. Andreas Wellinger hat einen starken Sommer hinter sich, auch Richard Freitag ist für ­Podestplätze gut. Marinus Kraus, ­Andreas Wank, Stephan Leyhe und David Siegel eher nicht.

Herr Freund, würden Sie sagen, dass Sie eine gute Körperwahrnehmung haben?

Freund: Ja, aber im Moment leidet sie noch unter den Nachwirkungen meiner Hüftoperation. Nach meiner Rücken-OP 2012 bin ich relativ nahtlos weitergesprungen, aber durch die lange Rehabilitation diesmal dauert es länger. Außerdem habe ich im vergangenen Winter zu viele Sprünge trotz der Verletzung gemacht, das Gefühl ist etwas abgestumpft.

Sind Sie das erste Mal den halben Sommer ausgefallen?

Freund: So eine lange Pause hatte ich noch nie, es war interessant, weil ungewohnt. Ich wollte möglichst schnell auf die Schanze, aber es bringt ja nichts. Als ich dann nach so einer langen Zeit endlich einen Sprung so richtig getroffen habe, wusste ich, warum ich alles auf mich nehme.

Welche Erwartungen haben Sie an Kuusamo?

Freund: Sehr geringe. Kuusamo ist eine extreme Nummer, die Schanze ist eigen und die Bedingungen wechseln. Viel hängt von den ersten zwei, drei Sprüngen ab und ob man ins Fliegen kommt. Wenn das nicht klappt, kann‘s schön danebengehen. Eine Topplatzierung ist unrealistisch, ich will mich nach und nach steigern und stabilisieren. Ich muss nicht alles so ernst nehmen.

Sie wollen aber nicht die Saison herschenken?

Freund: Nein, ich bin voll motiviert, aber wenn nicht sofort alles klappt, weiß ich, warum.

Will ein Leistungssportler nicht immer gewinnen?

Freund arbeitet an seiner Fitness.

Freund: Ich muss mich bremsen, aber die Situation ist angenehmer als letzten Winter. Da hatte ich den Anspruch zu gewinnen und habe das auch formuliert, obwohl ich gemerkt habe, dass mich etwas daran hindert. Im Nachhinein bin ich überrascht, wie lange man als Sportler vom guten Gefühl leben kann. Körperlich geht es mir mittlerweile besser, aber das Gefühl fehlt jetzt. Trotzdem will ich zurück an die Spitze, klar, sonst könnte ich aufhören und sagen: Danke, das war‘s. Das habe ich nicht vor.

Spüren Sie den Erwartungsdruck von außen?

Freund: Bisher hat noch niemand gefragt, ob ich in Kuusamo gewinne. Dass die Menschen sich weitere Erfolge wünschen, spüre ich, aber ich glaube, die meisten kennen meine Situation und können das realistisch einschätzen. Auch die Trainer sind entspannt, sie wissen, wie mein Sprung eigentlich aussieht und was fehlt.

Gab es in Ihrer Karriere einen Moment, an dem Sie erstmals öffentlichen Druck gespürt haben?

Freund: In meiner Jugend gab es den sicher nicht, da waren immer andere vor mir (lacht). Nach meinem ersten Weltcupsieg habe ich gemerkt, dass die Leute wissen wollten, ob ich das wiederholen und bestätigen kann, aber ich hatte damit kein Problem. Die eigenen und die äußeren Erwartungen sind zwei Paar Schuhe. Wenn man sich mit dem identifiziert, was von außen an dich herangetragen wird, wird es schwierig.

Kann man im Leistungssport ohne eigene Erwartung erfolgreich sein?

Freund: Kommt auf die Definition von Erwartung an. Aber ohne jegliche Handlungsziele? Das stelle ich mir schwierig vor. Ich kenne auch keinen Kollegen, der sich überhaupt keine Ziele setzt.

In der Soziologie heißt es: Wenn Erwartungen enttäuscht werden, ändern sie sich. Ist bei Ihnen und der Vierschanzentournee nicht der Fall, oder?

Freund: Nein, da hat sich in den vergangenen Jahren nie etwas geändert, aber die immer gleich hohen Erwartungen waren auch hilfreich, ich habe gelernt, damit umzugehen. Deprimierend für mich war nur das vorletzte Jahr. Die ganze Mannschaft tat mir leid, weil ich sicher war, dass wir den nötigen Schritt nach vorne gemacht hatten, es bei der Tournee aber nicht zeigen konnten. Beim Skispringen geht nicht alles auf, nur weil man vorher viel reinsteckt.

Eigene Erwartungen zu enttäuschen tut mehr weh?

Freund: Wenn du mit dir selbst zufrieden bist, ist das deutlich mehr wert als Lob von außen.

Würden Sie sich als ehrgeizigen Menschen bezeichnen?

Freund: Definitiv, ja.

Kann Überehrgeiz zum Problem werden?

Freund: Das war bei mir sehr lange der Fall. Immer wenn ich einen Schritt nach vorne gemacht habe, wollte ich mich in der neuen Phase nicht stabilisieren, sondern sofort die nächsten Schritte gehen. Es war eine ständige Berg- und Tal-Fahrt, irgendwann hat es Klick gemacht und ich habe das System verstanden.

Wie lange hätten Sie das Auf und Ab noch mitgemacht?

Freund: Ewig nicht, irgendwann gehen dir die Optionen aus und du musst dich fragen, ob es noch Sinn macht. Aber an dem Punkt war ich zum Glück nie.

Wer Olympiasieger und Weltmeister ist, hat viele Schulterklopfer. Wer oder was erdet Sie?

Freund: Mein Charakter und mein privates Umfeld. Und es hilft, dass ich die Erfolge nicht mit 16 Jahren hatte, ich habe viel dafür gearbeitet und kann und konnte alles dadurch besser einschätzen. Misserfolg ist die größte Chance, wenn man sie nutzt.

Sie haben im September Ihre langjährige Freundin Caren geheiratet. Was wird von Severin Freund zu Hause erwartet?

Freund: Zum Glück nicht zu viel. Ich versuche, ein guter Partner zu sein, ich muss mich sonst nicht für sie verändern, sie akzeptiert mich, wie ich bin.

Zusammen haben sie Myanmar mit dem Rucksack bereist. Verändern diese Erfahrungen den Blick auf den Skisprungzirkus, die Medien und die Erwartungen?

Freund: Sehr. Durch meine Tätigkeit als Right-to-play-Botschafter war ich vergangenes Jahr auch in Thailand und habe ein burmesisches Flüchtlingscamp, besser gesagt eine Flüchtlingsstadt, besucht. Das war ziemlich heftig, hat mich aber bestärkt, weiter aktiv zu sein. Den Kindern soll das Recht zu spielen zurückgegeben werden, zudem versucht man ihnen spielerisch lebensbedrohliche Gefahren, zum Beispiel Malaria, zu erklären. Und man bildet Einheimische aus, Hilfe zur Selbsthilfe sozusagen.

Haben Sie das Gefühl, dass sich der DSV für die Zeit nach Ihrer Generation gut aufstellt?

Freund: Ja, es hat sich einiges getan, man geht vermehrt mit mobilen Schanzen in die Schulen, um neuen Nachwuchs zu finden, denn für die Spitze braucht man Breite. Wir sind nicht auf dem Niveau von Norwegen, aber die haben auch eine ganz andere Herangehensweise, die Sprungweite rückt dort später in den Fokus. Deutschlands Gesellschaft hat ein anderes Denken.

Interview: Mathias Müller

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