Frühlingsgefühle im Faktencheck

Frühling und Liebe gehören zusammen. Foto: Patrick Pleul
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Frühling und Liebe gehören zusammen. Foto: Patrick Pleul

Die Tage werden länger, die Röcke kürzer: Der Frühling steht vor der Tür. Viele verspüren einen Energieschub - doch worauf beruht er?

Berlin (dpa) - Wie entstehen Frühlingsgefühle? Warum beschäftigen sie uns so sehr? Und warum macht uns der Anblick luftiger und bunter Kleidung gute Laune? Das Phänomen "Frühlingsgefühle" zwischen verbreiteten Annahmen und gesicherten Fakten - eine Psychologin und ein Hormon-Experte machen den Check:

Frühlingsgefühle - gibt es sie tatsächlich?

Annahme: Sie sind nur Einbildung.

FAKTENCHECK: "Das Frühlingsgefühl existiert. Man spürt ein Gefühl der Aufbruchstimmung, ein Gefühl, Ballast abzuwerfen von der kalten dunklen Winterzeit", sagt Matthias Weber, Mediensprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE). "Die Tage werden wieder länger, die Dunkelheit verschwindet und das führt dazu, dass man mehr Tatendrang bekommt."

Was passiert genau in unserem Körper?

Annahme: Weil es wärmer wird, werden wir aktiver.

FAKTENCHECK: Die höheren Temperaturen sind nicht der Auslöser für bessere Stimmung. Vielmehr wird durch die zunehmende Lichteinwirkung über das Auge in der Zirbeldrüse im Gehirn das Schlafhormon Melatonin reduziert. Dies führt zu hormonellen Veränderungen. "Das Glückshormon Serotonin steigt, aber auch Dopamin und Noradrenalin. Man fühlt sich aktiver und wacher. Dieses neue Auferstehen der Aktivität wird vom Körper als begrüßenswertes Gefühl aufgefasst", erläutert Weber, der auch Leiter des Schwerpunktes Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen an der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität ist. Nicht nur das Auge nimmt den Frühlingsbeginn wahr. "Man riecht förmlich, dass der Frühling wieder beginnt, wenn der erdige Geruch des Bodens in den Sonnenstrahlen einem in die Nase steigt."

Die Natur erwacht - und auch der Mensch?

Annahme: Die innere Uhr sagt uns: Es wird Zeit, durchzustarten.

FAKTENCHECK: Falsch, vielmehr hat der subjektive Eindruck damit etwas zu tun. "Wenn ich ein munterer Winterspaziergänger bin, leide ich seltener unter saisonaler Depression", erklärt Gesundheitspsychologin Julia Scharnhorst. Gleichzeitig bedeutet dies: Wer in den dunklen Monaten genug Licht tankt, nimmt die Frühjahrssonne weniger intensiv wahr. Aus psychologischer Sicht seien Frühlingsgefühle auf Kontrasteffekte zurückzuführen. Aber auch menschliche Gewohnheiten, die über Jahrhunderte weitergegeben worden sind, spielten eine Rolle. "Erst mit der Erfindung von künstlichem Licht ist es möglich, sich in den dunklen Stunden überhaupt zu beschäftigen. Früher mussten die Menschen in ihren Hütten und Höhlen schlafen", erläutert sie.

Sorgen optische Reize für das hormonelle Erwachen?

Annahme: Frauen tragen kürzere Kleidung, Männer präsentieren im T-Shirt ihre Bizeps. Das lockt potenzielle Partner an.

FAKTENCHECK: Gesundheitspsychologin Scharnhorst ist skeptisch: "Das hat vielmehr etwas mit unserer Erwartungshaltung zu tun". Nach dem Motto: Draußen tut sich was, also muss sich auch in meinem Leben etwas verändern. Weber hingegen erklärt: "Durch hormonelle Einwirkungen wie die Pille, durch Winterreisen und andere künstliche Bedingungen können die natürlichen Reize heute abgeschwächt werden. Aber sicherlich sind sie immer noch vorhanden."

Was tut sich im Frühjahr so auf den Partnerbörsen?

Annahme: Frühlingszeit ist eine flirtreiche Saison auf den Plattformen der großen Anbieter.

FAKTENCHECK: Stimmt. Im Vergleich zum Herbst weist das Portal Parship.de 11 Prozent, Konkurrent Elitepartner.de sogar 17 Prozent mehr Registrierungen aus. Bei Parship seien User im Frühling viel aktiver: Im vergangenen Frühjahr seien mit 5,2 Millionen Erstnachrichten rund 12 Prozent mehr als im Herbst verschickt worden, heißt es dort. Auch an Ostern steigt demnach die Flirtlaune. Gerade nach Silvester würden mehr Menschen auf Online-Plattformen ihr Glück in der Liebe suchen - beflügelt von der Hoffnung auf Neuanfang, erklärt Scharnhorst. Auch die Erklärung zu Ostern klingt simpel: "Die Leute haben einfach mehr Zeit, jemanden zu suchen".

Warum sind Frühjahrsgefühle überhaupt ein Thema?

Annahme: Unsere inneren Veränderungen beschäftigen uns so sehr, dass wir sie allen mitteilen müssen.

FAKTENCHECK: Nein, Ursachen sind vor allem unser Zusammenleben und unsere Tendenz zur Selbstbespiegelung in der westlichen Welt, meint Scharnhorst. "Wir neigen dazu, leichte Änderungen recht unspezifisch zu interpretieren. Geht es uns heute gut, sagen wir: Oh, das müssen die Frühlingsgefühle sein. Fühlen wir uns schlecht drauf, ist es die Frühjahrsmüdigkeit." Außerdem sei es kein Zufall, dass das Wetter vor allem in Unterhaltungen ein beliebtes Thema sei. "Ritualisierte Gespräche über Themen, bei denen jeder mitsprechen kann, haben eine soziale Funktion. Durch sie lässt sich Kontakt und Ähnlichkeit zwischen Menschen herstellen."

Gibt es Frühlingsgefühle auch in anderen Kulturen und Kontinenten?

Annahme: Nein, darüber sprechen nur wir.

FAKTENCHECK: "Auch in Nordamerika sind Frühlingsgefühle als ‚Spring Fever‘ bekannt", erläutert Hormon-Experte Weber. "Aber je näher man dem Äquator kommt, desto geringer sind die Unterschiede zwischen Tag und Nacht, zwischen Sommer und Winter. Umso weniger sind dort also Frühlingsgefühle feststellbar."

Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie

Uni Frankfurt

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