Polarisierende Berglegende

Geburtstag mit Biwak: Reinhold Messner wird 70

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Extrem-Bergsteiger Reinhold Messner wird 70.

München/Bozen - Reinhold Messner hat Rekorde gebrochen wie kein anderer, ruhelos neue Grenzerfahrungen gesucht und seine Positionen stets kompromisslos vertreten. Nun wird der Südtiroler 70 Jahre alt.

Als Fünfjähriger stand er auf seinem ersten Dreitausender. Gut 35 Jahre später hatte er als erster Mensch alle 14 Achttausender der Welt bestiegen. Er schaffte mit Peter Habeler erstmals den Mount Everest ohne Sauerstoff und später im Alleingang. Reinhold Messner hat Alpingeschichte geschrieben. Fans bewundern seinen eisernen Willen, seinen grenzgängerischen Wagemut und seine grandiosen Leistungen. Kritiker werfen ihm überhöhten Ehrgeiz und Egoismus vor. Extrem. Das kennzeichnet sein Leben. Am Mittwoch (17.9.) wird er 70 Jahre alt. Feiern will er an einem anderen Tag: mit hundert Gästen und Biwak auf der Alm.

Auf hohe Berge steigt der Südtiroler immer noch. Seine Schwerpunkte liegen aber woanders. „Das Reisen ist nicht mehr im Zentrum meines Lebens.“ Seine Projekte stehen eher unter der Überschrift: Erzählen, vermitteln und darstellen - oft sich selbst und seine Abenteuer.

Er schrieb Bücher, schulte Manager, schuf ein Museumsprojekt. Seinen „15. Achttausender“ nannte er das „Messner Mountain Museum“. An fünf Orten befasst er sich mit Bergvölkern und Bergsteigen, dem Verhältnis Mensch-Berg, wie er sagt. Das sechste Museum auf 2275 Metern am Kronplatz ist fast fertig. Seit Jahren liebäugelt er zudem mit dem Film. Er wolle „den Berg als Hauptdarsteller auf die Leinwand“ bannen.

Ein neues Buch gibt es auch: Mit 70 Begriffen stellt Messner sich und sein Leben dar. „Über Leben“ ist der Titel für mehr als 300 Seiten, mit denen er sich selbst zum Geburtstag gratuliert. „Wir trafen uns zu den Mahlzeiten in der Wohnküche, so wie sich Steinzeitclans an Lagerfeuerplätzen trafen“, schreibt er über seine Kindheit im Villnößtal und zitiert traditionelle Gesellschaften, in denen Kinder sich noch frei entwickeln können - wie er und seine acht Geschwister. Es folgen Szenen von Extremtouren: Eis, Steinschlag, Sturm, Bedrohung - Grenzsituationen. Messner nennt sich selbst Grenzgänger.

Zwischen Erinnerung und Betrachtungen über das Leben philosophiert er über die „Menschennatur“, die „zuallererst zum Überleben“ verpflichte und folgert schließlich: „Das Überlebthaben ist also die Basis für mein „Über Leben“.“ Auch das: „Sogar die Entdeckung, dass die Welt dieselbe wäre, hätte es mich nie gegeben, ist keine Zumutung mehr.“

Messner schildert auch das besondere Verhältnis zu seinem Bruder Günther, mit dem er früh schwierigste Routen kletterte. 1970 durchstiegen die Brüder als erste Expeditionsteilnehmer die Rupalwand, die höchste Steilwand der Welt. Günther starb. Der Verlust prägte Messners Leben. „Die Nanga-Parbat-Tragödie bleibt wie ein Riss in meinem Leben“, schreibt er. Rechtsstreitigkeiten hatte er sowohl mit dem Expeditionsleiter Karl-Maria Herrligkoffer, dem er unterlassene Hilfeleistung vorwarf, als auch Jahrzehnte später mit den Ex-Kameraden. Prozesse brachten keinen wirklichen Frieden. Messner sagt bis heute: „Es ist und bleibt eine Rufmordgeschichte.“

Bergsteiger, Abenteurer, Bergbauer. Messner lebt mit Frau und Kindern in Meran und auf Schloss Juval und bewirtschaftet Bergbauernhöfe; in Sulden am Ortler züchtet er Yaks. Für die Grünen saß er fünf Jahre im Europaparlament. Seine Stiftung unterstützt Bergvölker. Und er hat sich als Yetiforscher betätigt: Demnach ist der Schneemensch ein Bär.

Messner und seine Generation veränderten in den 70 und 80er Jahren das Bergsteigen. Messner kritisierte von nationalem Ehrgeiz getriebene „Gipfelsiege“ - der Berg sei schließlich kein Feind - und propagierte ein Bergsteigen nur für sich selbst. Mit dem Verzicht auf Expeditionstross, Fixseile und Flaschensauerstoff prägten er und einige andere damals den Alpinstil. Messner erfand dabei mit Sologängen an Achttausendern neue Maßstäbe. Und als Medienprofi und Kommunikationstalent setzte er sich dann auch selbst in Szene.

Nach den kaum zu übertreffenden Erfolgen im Höhenbergsteigen suchte er neue Ziele. Er durchquerte die Antarktis, Grönland und die Wüste Gobi. Was treibt ihn, woher kommt dieser rastlose Drang nach Herausforderung? „Für Reinhold ist Auflehnung ein Stück weit Inhalt“, sagt der Psychoanalytiker Hansjörg Messner in dem halbdokumentarischen Film „Messner“ über seinen berühmten Bruder.

Vielleicht: Auflehnung gegen die bürgerliche Enge des heimatlichen Tals - und den strengen Vater. „Wir haben uns früh gewehrt. Und dieses Sich-Wehren und damit Widerstand aufgebaut haben, ist für mich ein Leben lang Teil meiner Existenz geblieben“, sagt Messner im Film. „Das heißt, wenn ich Widerstand empfinde, dann versuche ich diesen Widerstand zu überwinden. Eine Felswand ist ja nichts anders.“

Der 1990 gestorbene Luis Trenker sagte über Messner: „Ein großartiger Bergsteiger, ein fabelhafter Techniker, intelligent, draufgängerisch, weiß was er will, alle Hochachtung! Auf der anderen Seite: Maßlose Eitelkeit, der Presse gegenüber zu viel Reklame, keine Ehrfurcht vor der Natur, glaubt nicht an den Herrgott - und das darf einem Bergsteiger nicht fehlen, das mag ich nicht. Jetzt wissen Sie's!“

dpa

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