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Maffay: tz-Besuch im neuen Kinderheim

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Peter Maffay posiert vor den neugebauten Schlafräumen der „Kirchenburg Radeln“. Die nötige Wärme wird über eine Solartermie-Anlage gewonnen. © Steffen Leiprecht

Radeln - Die Peter-Maffay-Stiftung hat in Rumänien ein neues Ferienzentrum für traumatisierte Kinder aufgebaut. Am Wochenende wurde die „Kirchenburg Radeln“ eingeweiht.

Da kann man schon mal vorbeifahren. Ein einziges winziges Schildchen am Straßenrand zeigt den Weg nach Radeln (rumänisch: Roades), ein 300 Einwohner zählendes Örtchen an der Landstraße zwischen Kronstadt (Brasov) und Hermannstadt (Sibiu), mitten in Siebenbürgen. Drei Kilometer geht’s von hier aus über eine Schotterpiste, vorbei an Schafs- und Kuhherden, und dann ist man da, in einem Dorf wie aus einer anderen Zeit. „Ein vergessenes Dorf“, wie Peter Maffay (61) sagt. Ein Dorf, in das ein Weg hineinführt, aber kein zweiter wieder hinaus. Ein Dorf, das, gemessen etwa an seiner imposanten Kirchenburg, früher mal ein reiches gewesen sein muss, das nun jedoch seinem eigenen Verfall zuschaut. Noch.

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Er ist hier der Chef: Diplomingenieur Sebastian Szaktilla vor einem Modell des Dorfes Radeln © Steffen Leiprecht

Denn hier, mitten im rumänischen Nirgendwo, hat die Peter-Maffay-Stiftung ein neues Ferienzentrum für traumatisierte Kinder aufgebaut. Am Wochenende wurde die „Kirchenburg Radeln“ eingeweiht, ab August können je vierzehn Kinder und sechs Betreuer hier ein paar erholsame Tage verbringen. Dafür hat die Stiftung, die hier Fundatia Tabaluga heißt, im Frühjahr 2009 ein 6500 Quadratmeter großes Grundstück erworben, mitsamt eines ehemaligen Pfarrhauses der evangelischen Kirche.

Mit 500 000 Euro an Spendengeldern wurde das Pfarrhaus restauriert und ein Unterkunftsgebäude für die Kinder errichtet. Doch damit nicht genug: Weil es in Radeln weder fließendes Wasser noch eine Kanalisation gibt, hat man ein Wassereservoir mit einer Kapazität von 30 000 Litern und eine sogenannte Bodenfilterkläranlage gebaut, mit 163 000 Euro gefördert von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt.

Trotzdem gibt es hier noch viel zu tun. Peter Maffay geht es in Radeln ohenhin nicht nur um das Ferienheim, es geht ihm auch um ein Stück Vergangenheitsbewältigung. Als er 13 Jahre alt war, musste die Familie Maffay, die eigentlich Makkay heißt, Siebenbürgen verlassen, wie so viele andere deutschstämmige Familien. Lange Jahre schworen Peter und sein Vater Wilhelm (84) sich, dieses Land nie wieder zu betreten.

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: Kinder aus Radeln © Steffen Leiprecht

„Es gab nun Freunde“, erzählt Peter Maffay in Radeln, „die gesagt haben, dass diese, dass meine Vergangenheit nicht tot sein kann: ,Du machst dir da was vor, Peter.‘ Ich habe immer geantwortet: ,Kommt mir nicht so schräg daher, ich kenne mich.‘“ Doch irgendwann, aus einer Laune heraus, „habe ich getestet, wie dieses Rumänien auf mich wirkt“. Er reiste nach Siebenbürgen und stellte fest, dass die Vergangenheit in ihm brodelt – „und zwar heftig“.

Für eine Fernsehdokumentation überzeugte Maffay seinen Papa, mit ihm in die alte Heimat zu fahren. Wilhelm Makkay wollte nicht, doch sein Peter, der Dickschädel, ließ nicht locker, bis der Vater irgendwann sagte: „Ja, in Gottes Namen, dann lass uns halt fahren.“

Für Wilhelm Makkay wurde es eine Qual. „Das ging bis zu einer Auseinandersetzung vor laufender Kamera“, sagt Peter Maffay. „Die wir auch drinnen gelassen haben, weil dieser Ausbruch sehr aufschlussreich war. Es ging einfach nur darum, dass ich ihn gefragt habe, wie er sich fühlt. Er hat gesagt: ,beschissen.‘ Ich weiß, dass das, was er erlebt hat, Zigtausende andere erlebt haben damals. Die ganzen Deportationen, die Verhaftungen, die Folterungen. Das ist bei uns ja kein Einzelfall gewesen. Und daher war es auch verständlich, dass er so reagiert hat. Nur: Ich habe ihm gesagt, dass ich glaube, dass die kommenden Generationen Zeitzeugen wie ihn brauchen. Um mit ihrem Tun zu verhindern, dass sich das alles wiederholt.“

Bei der Eröffnungsfeier des neuen Ferienheims sitzt Wilhelm Makkay im Publikum. Es ist nach dem Filmdreh sein zweiter Besuch in Rumänien, und weil er so stolz ist auf das, was sein Sohn hier geleistet hat, tritt er spontan auf die Bühne und sagt, dass er seinen Frieden gemacht habe mit der Vergangenheit und dass er „trotz meines hohen Alters mit Freude der Zukunft entgegen“ sehe. Peter Maffay steht in diesem Moment hinter ihm, und man kann ihn förmlich sehen, den Kloß in seinem Hals.

Peter Maffay hat in Radeln schon jetzt Großes geleistet, das lässt sich auch an den Gästen ablesen, die zur Einweihung gekommen sind. Der rumänische Außenminister Teodor Baconschi ist da, Rumäniens Ministerin für Tourismus und Regionalentwicklung, Elena Udrea, und Kulturstaatsminister Bernd Neumann. Letzterer ist extra aus Berlin angereist, bestellt erst einmal schöne Grüße von der Bundeskanzlerin und sagt, an Peter Maffay gerichtet: „Über den sozialen Aspekt hinaus leisten Sie einen wichtigen Beitrag für die Überwindung der uns so belastenden Vergangenheit.“

Peter Maffays Engagement endet nämlich nicht mit dem Ferienheim. Er will auch die Kirchenburg von Radeln, eine von 150 befestigten und mit Schießscharten ausgestatteten Kirchen in Rumänien, sanieren, mit Geldern des Bundes – 48 000 Euro! Und er will das Dorf Radeln wiederbeleben. Hier, wo früher ausschließlich Siebenbürger Sachsen lebten, leben jetzt 80 Prozent Zigeuner, 15 Prozent Rumänen, ein paar ungarische und deutsche Familien. Das Dorf verfällt, weil keiner sich um die Häuser kümmert. „300 Jahre alte Häuser gehen gemeinhin nicht in 20 Jahren kaputt“, sagt Sebastian Szaktilla, der Projektleiter der Peter-Maffay-Stiftung in Radeln. „Aber wenn der Regen eindringt, kann so ein Bau auch in fünf Jahren weg sein. Radeln wäre mit einiger Sicherheit in 17 bis 20 Jahren von der Landkarte verschwunden.“

Eine Gruppe von Handwerkern aus dem Saarland werkelt nun daran, einen Hof instandzusetzen. Später soll es hier auch eine Autowerkstatt geben. Ein paar Meter weiter entsteht ein Ärztehaus, zweimal im Monat soll eine rumänische Ärztin sich um die Einwohner kümmern, eine deutsche Zahnärztin ab und zu vorbeischauen. „Dann wird hier zum ersten Mal seit Jahren wieder gebohrt“, sagt Peter Maffay.

Die BayWa Stiftung errichtet zudem in Nähe des Heimes einen Ökobauernhof auch für die einheimischen Kinder. „Sie sollen spielerisch lernen, wie Landwirtschaft funktioniert“, sagt Maria Thon, Geschäfstführerin der BayWa Stiftung. Und dann ist da noch die Sache mit der Kanalisation. Ministerin Udrea verspricht bei der Feier, „Infrastrukturmaßnahmen prioritär“ zu behandeln. Peter Maffay sagt: „Ich wäre wenn sehr froh, wenn sehr bald etwas durch diese Kanalisation fließt. Das Wort der Ministerin haben wir ja schon.“

Thierry Backes

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