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Yello again: Die Elektropop-Altstars im tz-Interview

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Von: Matthias Bieber

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Unverbiegbar, elegant, zeitlos: Dieter -Meier (l.) und Boris Blank sind Yello. Die tz traf das Duo.
Unverbiegbar, elegant, zeitlos: Dieter -Meier (l.) und Boris Blank sind Yello. Die tz traf das Duo. © Bieber

München - Schweizer Elektropop-Altstars "Yello": Boris Blank und Dieter Meier im tz-Interview über das neue Album "Toy" und zukünftige Projekte.

Naturelegant, entspannt und geistreich: Die beiden Schweizer Dieter Meier (72, Text und Gesang) und Boris Blank (64, Musik) nennen sich Yello und sind seit bald 40 Jahren Elektropop-Ereignisse. Am 30. September erscheint ihr neues, 13. Album namens Toy. Es ist frisch, und Boris Blanks Klänge blühen wie eh und je. Wir trafen das Duo im Café Reitschule. Und haben schon glücklichere Einstiege gewählt …

Sind Sie grantig, wenn ich Ihren Sound als naiv im besten Sinne bezeichnen würde?

Dieter Meier: Naiv würde heißen, dass man nicht weiß, was man tut. Dass man vor sich hinwerkelt und nicht reflektiert, was man macht. Insofern empfinde ich unsere Werke absolut nicht als naiv.

Ich meinte: Man hört „Toy“ Ihr Wissen und Können an, aber der Kenner zieht ebenso viel Freude draus wie der unbedarftere Nebenbei-Hörer.

Meier: Also das Gegenteil von naiv. Sondern sehr bewusst in dem, was wir machen. So empfinden wir das auch. Dann ist einfach nur das Wort falsch gewählt …

Boris Blank entwickelt die Musik in mühevoller Kleinarbeit, und dann kommen Sie, Herr Meier, ins Studio und hinterlegen die Sounds vergleichsweise im Turbotempo mit Text und Melodien. Fetzen Sie sich nicht permanent?

Meier: Überhaupt nicht, wir arbeiten symbiotisch. Boris liefert mir virtuelle Spielfilme in Musik. In mir entstehen sofort Figuren, Stimmungen, Szenen und Rollen. Das, was ich erfinde, gefällt Boris meistens. Er entwickelt also Szenen, die noch nicht bevölkert sind, und er liebt es, wenn ich sie mit meinem Personal fülle. Klar kritisieren wir uns ab und zu, aber fetzen? Nie.

Boris Blank: Dieter erfindet die Figuren allein. Wenn sie stehen, dann greife ich ein. Er soll sich nicht eingeengt fühlen, sonst kommt nichts dabei heraus. Das haben wir vor über 30 Jahren schnell gemerkt.

Wie funktioniert das in der Praxis?

Blank: Ich gehe grundsätzlich um fünf vor zwölf zum Mittagessen und kehre um ein Uhr zurück. Dieter hat also täglich eine Stunde Zeit, um ganz in Ruhe zu üben, verschiedene Stimmlagen, Texte auszuprobieren. Er muss sich erst einmal in den Songs zurechtfinden. Ich bin in ihnen zu stark verhaftet und will Dieter nicht beeinflussen.

Meier: Boris’ Klangbilder sind emotional so aufgeladen, dass ich regelrecht reingezogen werde. Ich fange an, dazu zu singen, forme Laute, Rhythmen, eine Fantasiesprache, taste mich heran, erhasche den ersten kleinen Reim – das entwickelt eine Eigendynamik, einen Sog. Wenn der Song dann steht, ist wieder Boris an der Reihe.

Boris: Dann folgt die für mich größte Arbeit: das Gesamtbild. Ein nicht mehr sehr kreativer Prozess. Ich trenne Frequenzen, damit keine Interferenzen entstehen. Das Klangbild muss sozusagen begehbar werden. Dazu muss ich die Stücke oft sehr laut hören, vor allem im Bassbereich. Das ganze Procedere unterschätzen viele, ist aber für die Transparenz, für die Yello so oft gelobt wird, unabdingbar.

Nach fast 40 Jahren Yello – haben Sie sich diese kindliche Freude am Tüfteln bewahrt?

Blank: Ich auf jeden Fall. Meine Tools sind meine Spielzeuge, die ich mit Sounds füttere. Sie inspirieren mich, sie führen mich durch Klangwelten, die mich überraschen und staunen lassen wie ein Kind. Ich bin immer wieder fasziniert, wie sich Farbtupfer schließlich zu einem Bild verbinden.

Sie komponieren also weniger, sondern …

Blank: … male eher Stimmungsbilder, ja.

Meier: Ich habe das große Privileg, als Gast eingeladen zu sein. Ich werde ja schon in eine musikalische Struktur gebettet. Wenn in der Musik aus einer anfänglichen Rose schlussendlich ein, sagen wir: Kamel wird – derartige Überraschungen gibt es bei meiner Arbeit nicht.

Können Sie wirklich so tief brummen wie auf den Aufnahmen?

Meier: (macht’s gleich vor). Ich konnte schon als Bub meine Stimme sehr stark verändern. Bei Yello habe ich ja nicht die eine Identität des Sängers, sondern schlüpfe in verschiedene Rollen. Was nicht heißt, dass ich eine gute Kopfstimme hätte – aber ich leide darunter nicht. Ich möchte auch nicht unbedingt klingen wie ein Kastrat.

Irgendwelche Pläne für die nächsten zehn Jahre?

Meier: Wir machen auf jeden Fall weiter, keine Frage …

Blank: Dieter kann ja nichts anderes …

Meier: … und Boris wird sein Leben lang Musik machen, bis er unseren Planeten verlässt.

Blank: Allerdings werde ich vorher beim Schweizer Musikgewerkschaftspräsidenten ein Votum einbringen, dass ich einen Sechs-Stunden-Arbeitstag will. Weil ich permanent Überstunden gemacht habe, geht es da mittlerweile um Millionenbeträge (grinst).

Meier: Boris hat die endlose Ausbeutung durch mich ganz einfach satt. Die fehlenden Millionenbeträge kassiert er dann direkt von mir …

Matthias Bieber

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