Oberster Rechnungshof stellt schlechtes Zeugnis aus

BR in der Krise: Millionen-Defizit, Unwirtschaftlichkeit

+
Der ­Bericht des ORH ist eine Watschn für den BR.

München - Der finanzielle Lage des Bayerischen Rundfunks sieht laut dem Bericht des Bayerischen Obersten Rechnungshofs alles andere als rosig aus. In der tz nimmt der BR Stellung.

An Details mangelt es nicht. Auf 116 Seiten hat der Bayerische Oberste Rechnungshof gestern die finanzielle Situation des Bayerischen Rundfunks dargelegt. Der gebührenfinanzierte Sender wurde von der unabhängigen Behörde zur staatlichen Finanzkontrolle auf Herz und Nieren geprüft. Das Fazit sieht alles andere als rosig aus: Zu lange habe der BR von seiner Substanz gelebt. Die Kosten müssten dringend reduziert, drastische Einsparmaßnahmen realisiert werden. Seit dem Jahr 2010 hat der öffentlich-rechtliche Sender ein Defizit von 101 Millionen Euro angehäuft! Die Lektüre des ausführlichen Abschlussberichts dürfte BR-Intendant Ulrich Wilhelm, der sich bisher in Schweigen hüllt, kein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Der Oberste Rechnungshof attestiert dem BR in vielen Bereichen „Unwirtschaftlichkeit und Fehlplanung“.

In der tz nimmt der BR Stellung.

Warum steht der Bayerische Rundfunk mit 101 Millionen Euro in den roten ­Zahlen?

Es sind vor allem die hohen Personalkosten und Rückstellungen für Pensionen ehemaliger Mitarbeiter, die ein Loch ins Budget reißen. Dieser Posten mache allein 30 Prozent des Gesamtetats aus. Verwaltungsdirektor Dr. Albrecht Frenzel betont aber: „Der BR bestreitet seinen laufenden Aufwand ­ohne jegliche Kredite.“

Mit welchen Sparmaßnahmen will der BR dem besorgniserregenden Kurs entgegensteuern?

Bis 2025 sollen 45 Prozent der Mitarbeiter im Fernsehproduktionsbetrieb abgebaut werden. Von dieser Maßnahme sind 450 Planstellen betroffen.

Wird es auch Einsparungen im Programm geben?

Bisher habe sich der BR um Kürzungen im Verwaltungs- und Technikbereich bemüht. Der Sender geht aber auch davon aus, dass die notwendigen Sparmaßnahmen Folgen fürs Programm haben werden. Ziel ist es jedoch, so programmschonend wie möglich vorzugehen.

Der ORH hat festgestellt, dass die festangestellten Mitarbeiter des BR durchschnittlich nur zu 63 Prozent ausgelastet sind. Wie kann das sein?

„Zwischen ORH und BR bestehen Auffassungsunterschiede, wie der Auslastungsgrad zu berechnen ist“, heißt es vom Sender. Insbesondere gehe es um die Fragen, wie Schulungs- und Wartungsstunden zu berücksichtigen seien, mit welchem Anteil Urlaub und Krankheit angesetzt würden und wie die Sollstunden ­exakt definiert würden.

Der BR unterhält einen eigenen kostspieligen Fundus für Kostüme und Möbel, anstatt sich auf die bestehende Kooperation mit der Ausstattungsfirma FTA GmbH zu beschränken. Warum?

„Gerade im Bereich Fundus wurden bereits Reduktionsprozesse eingeleitet, um die Effizienz zu erhöhen“, so der BR.

Warum wird die beliebte Heimatserie „Dahoam is Dahoam“ in Dachau und nicht in den Bavaria Filmstudios (wie vom ORH empfohlen) gedreht?

„2007 musste sehr kurzfristig ein Gelände zur Produktion von Dahoam is Dahoam gesucht werden. Dabei gab es die Möglichkeit, nach Dachau zu gehen oder komplett fremd, zum Beispiel bei der Bavaria, zu produzieren. In der Bewertung hat sich die Produktion von Dahoam is Dahoam in Dachau mit Beistellung von BR-Produktionskapazitäten als die wirtschaftlichste herausgestellt. Es macht Sinn, die aufgebauten Dekos etc. dort, solange der Mietvertrag besteht und die Serie gewünscht wird, zu nutzen“, erklärt der BR.

Der Oberste Rechnungshof rechnet zwischen 2017 und 2020 mit einem Fehlbetrag von 328 Millionen Euro. Wie will der BR dem entgegensteuern?

Frenzel: „Der Betrag von 328 Millionen Euro ist ein Prognosewert, der noch nicht die neuerlichen Einsparungen berücksichtigt. Mit dem Wirtschaftsplan 2016 wird der Finanzbedarf um rund 120 Millionen Euro gesenkt werden.“ Darüberhinaus stimme der BR dem ORH zu, dass 2017 ein weiteres Sparpaket nötig sein wird.

Was sagen die Politiker zur alarmierenden Einschätzung des Bayerischen Obersten Rechnungshofes?

Der ORH-Bericht ist nach Ansicht der SPD-Medienpolitikerinnen Inge Aures und Natascha Kohnen ein „Schuss vor den Bug“ des BR: „Wir gehen davon aus, dass die Geschäftsführung die Forderungen des Rechnungshofs beherzigt und die Sparanstrengungen auf dem Weg in die Zukunft nachhaltig umsetzt“, heißt es in einer Mitteilung.

Der Fraktionsvorsitzende der Landtags-Grünen, Ludwig Hartmann, wurde deutlicher: Beim BR werde „ins Blaue hinein gewirtschaftet – ohne zentrale Vorgaben, ohne klares Kostenmanagement, vor allem aber ohne Kenntnis der eigenen wirtschaftlichen Situation“. Die CSU wollte sich zunächst nicht äußern. aki

aki

Astrid Kistner

Astrid Kistner

E-Mail:Astrid.Kistner@tz.de

Mehr zum Thema:

auch interessant

Meistgelesen

Einser-Abiturient steht bei Günther Jauch auf dem Schlauch
Einser-Abiturient steht bei Günther Jauch auf dem Schlauch
TV-Kritik zum Münster-Tatort: Krimi statt Klamauk
TV-Kritik zum Münster-Tatort: Krimi statt Klamauk
Erstmals enthüllt: Die Geheimnisse hinter C&A
Erstmals enthüllt: Die Geheimnisse hinter C&A
Aus für zwei beliebte TV-Sender Ende des Monats
Aus für zwei beliebte TV-Sender Ende des Monats

Kommentare