Die Qual der Wahl

ESC-Vorentscheid 2016: Alle Teilnehmer und Songs im Überblick

ESC-Vorentscheid, 2016, Unser Song für Stockholm
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Wer vertritt Deutschland beim ESC in Stockholm?

München - Nach der blamablen Nullrunde im Vorjahr will Deutschland beim Eurovision Song Contest 2016 punkten. Zehn Bands und Künstler bewerben sich um das Ticket für Stockholm. Wir stellen sie vor.

Man kann es nicht anders sagen: Was den Eurovision Song Contest angeht, hat sich Deutschland im vergangenen Jahr eine Peinlichkeit nach der anderen geliefert. Wir erinnern uns: 

ESC-Vorentscheid 2016: Die peinliche Vorgeschichte

Beim ESC-Vorentscheid 2015 ging Andreas Kümmert als klarer Sieger hervor, doch der Unterfranke bekam es urplötzlich mit der Angst zu tun und machte vor einem Millionenpublikum einen Rückzieher. An seiner Stelle fuhr die Zweitplatzierte Ann Sophie nach Wien - nur um dort mit Pauken, Trompeten und sage und schreibe Null Punkten unterzugehen. Während die "Black Smoke" Sängerin seitdem völlig in der Versenkung verschwunden ist - die ARD habe sie nach der Pleite fallen gelassen, beschwerte die 25-Jährige sich später -, sorgte Kümmert hin und wieder noch für Schlagzeilen, allerdings überwiegend mit unerfreulichen.

Da Deutschland auch die Jahre zuvor beim ESC nichts hatte reißen können (mehr als die Plätze 21 für Cascada bzw. 18 für Elaiza war nicht drin), sah sich der NDR nun nach dieser Megapleite veranlasst, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Einer der beliebtesten und erfolgreichsten Musiker des Landes sollte es richten, also beschloss der Sender eigenmächtig, Xavier Naidoo nach Stockholm zu schicken. Das Ergebnis: Ein Shitstorm ohnegleichen

Das Publikum fühlte sich übergangen, viele aber sahen in dem Sänger, der wiederholt in der Öffentlichkeit krude Verschwörungstheorien geäußert und mit homophoben sowie antisemitischen Liedtexten für Aufsehen gesorgt hatte, auch keinen geeigneten Repräsentanten seines Landes. Doch vor allem war die Entscheidung sender-intern massiv umstritten

Es folgte die Rolle rückwärts und so haben wir auch 2016 unter dem Titel "Unser Lied für Stockholm" einen ESC-Vorentscheid, bei dem zehn Bands und Künstler per Zuschauer-Voting gegeneinander antreten. Die schwedische Hauptstadt ist am 14. Mai Schauplatz des diesjährigen ESC-Finales, nachdem der 28-jährige Måns Zelmerlöw mit seinem Song "Heroes" im vergangenen Jahr den Sängerwettstreit für sich entschieden hatte.

ESC-Vorentscheid 2016: Die Kandidaten

Nach dem ganzen unrühmlichen Hickhack bleibt die Frage: Wer soll es denn jetzt für Deutschland wuppen? Welchen Namen wird Moderatorin Barbara Schöneberger am Ende der live in der ARD am 25. Februar ab 20.15 Uhr ausgestrahlten Show rufen?

Eines ist klar: Auch wenn die ganz großen Namen fehlen - so groß wie in diesem Jahr war die stilistische Vielfalt der Teilnehmer noch nie. Von Bombast-Rock und Indie-Sounds über Mönchsgesänge bis zu Schlager-Ware und Liedermacher-Mucke reicht die Bandbreite der Künstler und Bands, die eine zehnköpfige Jury sogenannter "Branchenmultiplikatoren" (neben dem ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber sind das die Label-Chefs sowie Leiter von Radio- und TV-Musikredaktionen) aus 150 Bewerbern bestimmt hat. Dabei waren laut NDR-Info die maßgeblichen Kriterien “das jeweilige Lied, dessen Erfolgschance in dem internationalen Wettbewerb und die Genrevielfalt".

Wir stellen die deutschen ESC-Kandidaten mit ihren jeweiligen Songs vor:

ESC-Vorentscheid 2016: Alex Diehl - Nur ein Lied

Die Online-Petition hätte es gar nicht gebraucht: Alex Diehl hat es auch so in die erlauchte Riege der Teilnehmer des ESC-Vorentscheids 2016 geschafft. "Nur ein Lied" schrieb der stämmige Liedermacher aus dem oberbayerischen Waging am See im Gedenken an die Anschläge in Paris, aber auch mit der Flüchtlingsdebatte im Hinterkopf, nach eigener Aussage in nur zehn Minuten. Das Handy-Video wurde auf Facebook und Co. millionenfach geteilt und begeistert gefeiert. Das Lied mit der eingängigen Botschaft sprach vielen Menschen, die sich nach Frieden und einem menschlichen Miteinander sehen, aus dem Herzen. 

Nach den rassistischen Ausschreitungen in Sachsen und anderen Teilen Deutschlands hat "Nur ein Lied" nichts an Aktualität und Bedeutung verloren. Und auch wenn Diehl nicht nach Stockholm fahren sollte, tut der Song weiterhin Gutes: Alle Einnahmen daraus kommen der Hilfsorganisation "Save the Children" zugute.

ESC-Vorentscheid 2016: Avantasia - Mystery Of A Blood Red Rose

Harte Töne erklingen beim ESC eher selten, doch genau für die will Tobias Sammet sorgen. Sein Name wird vielen vielleicht nichts sagen, doch der Mann aus Fulda schaffte es mit "The Mystery of Time", dem vorletzten Album seines Metal-Rock-Projektes Avantasia, auf den zweiten Platz der deutschen Albumcharts. Beim Metal-Festival in Wacken begeisterte der international erfolgreiche Schwermetall-Act schon 80.000 Menschen, mit dem ESC hatte Sammet bisher allerdings "kaum Berührungspunkte", wie er selbst zugibt. Doch die Möglichkeit, seine Musik einem ganz neuen, großen Publikum vorzustellen, will er sich nicht entgehen lassen. 

Dass der Song "Mystery Of A Blood Red Rose" nach dem opernhaften Bombast-Rock von Meat Loaf klingt, ist kein Zufall: Ursprünglich war er als Duett mit dem Kult-Musiker ("Rocky Horror Picture Show") geplant gewesen. Ob Avantasia Siegeschancen hat, ist schwer zu sagen: Harte akustische Kost ist beim ESC eher nicht angesagt, aber immerhin haben die finnischen Schock-Rocker von Lordi im Jahr 2006 damit auch schon einmal den Sieg errungen.  

ESC-Vorentscheid 2016: Ella Endlich - Adrenalin 

Der ESC hat seine Wurzeln im Schlager und genau in diesem Genre ist Ella Endlich zuhause. Als Jacqueline Zebisch wurde die 31-Jährige in Berlin geboren. Dass sie schon mit 15 Jahren in der Musikwelt Fuß fasste, verwundert nicht, wenn man weiß, dass ihr Vater nicht nur Komponist und Produzent ist, sondern auch der Lebensgefährte von TV-Show-Moderatorin Carmen Nebel. Vom Kaminsims der in München ausgebildeten Musical-Darstellerin blitzt bereits eine Goldene Schallplatte. Die bekam sie 2009 für "Küss mich, halt mich, lieb mich" - der Überraschungshit war eine zeitgenössische Version eines Lieds aus dem Märchenklassiker "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel".

Mit der eindeutig Helene-Fischer-esken Disco-Fox-Nummer "Adrenalin" will Endlich in ihrer Muttersprache Deutsch punkten. Sie rechnet sich gute Erfolgschancen aus, wenn die Leute "einfach mal ein gutes Gefühl" haben wollen und "keine bedeutungsschwangeren Lieder", wie sie sagt.

ESC-Vorentscheid 2016: Gregorian - Masters Of Chant

Auch wenn sie in Mönchskutten auftreten: Geistigen Beistand haben Gregorian nicht nötig. Mehr als zehn Millionen Menschen weltweit haben mindestens eine CD von ihnen im Regal stehen. Die Fans stehen auf den einzig- (manche sagen auch: eigen-)artigen Mix aus mythisch anmutenden mittelalterlichen Sakralchorälen und moderner Popmusik. Darin sieht Frank Peterson auch die große Chance beim ESC-Vorentscheid 2016. Der Hamburger Erfolgsproduzent ist der Kopf hinter einem der erfolgreichsten deutschen Musik-Projekte, das 1990 unter dem Namen Enigma mit "Sadeness" einen Nummer-1-Hit in 41 Ländern feiern konnte - am Mikro stand damals niemand anders als die 80er-Pop-Ikone Sandra.

Anstatt einer Coverversion von Rammstein oder Coldplay ihr überweltliches Pathos zu verleihen, gehen Gregorian beim ESC-Vorentscheid 2016 mit der Eigenkomposition "Masters Of Chant" an den Start. Sie versprechen eine aufwändige Show "mit Feuer, Laser, das ganze Programm". Der Auftritt in Stockholm wäre für Gregorian der krönende Abschluss - nach einer letzten Tour soll im Sommer nämlich erst mal Schluss sein. Petersen ist sich jedenfalls sicher: "Wir würden nicht mit null Punkten nach Hause kommen."

ESC-Vorentscheid 2016: Jamie-Lee Kriewitz - Ghost

Sie ist erst 17, doch vielen wird sie wie auch ihr Song bekannt vorkommen. Kein Wunder: Jamie-Lee Kriewitz ist die Siegerin der vergangenen Staffel von "The Voice of Germany". In der Castingshow sorgte die quirlige Schülerin aus Hannover mit ihrer Stimme für Aufsehen, optisch stach sie durch ihre quietschbunten Klamotten im Manga-Style aus der Masse hervor.

"Ghost" ist ein melancholischer Pop-Song, der es nach seiner Veröffentlichung Anfang Dezember auf Platz elf der deutschen Charts schaffte. Das ist zwar für eine Castingshow-Siegerin nicht gerade ein überragendes Ergebnis, außerdem liegt es bereits einige Zeit zurück - dennoch gilt für nicht wenige das selbstbewusste Naturtalent Jamie-Lee schon jetzt als Favoritin des deutschen ESC-Vorentscheids 2016.

ESC-Vorentscheid 2016: JOCO - Full Moon

Joco - das sind JOsepha (Schlagzeug) und COsima Carl (Klavier), ein Schwesternpaar aus Ostfriesland, das sich dem melancholischen Pop verschrieben hat. Nach Auftritten auf Festivals und einer Clubtour wird beim ESC-Vorentscheid 2016 erstmals ein richtig großes Publikum die Gelegenheit bekommen, das Duo kennenzulernen. Auch wenn sie wohl die Außenseiter des Abends sind, werden sie bereits in Expertenkreisen hoch gehandelt. Vor allem ihr zweistimmiger Gesang begeistert, der auf ihrem in den legendären Abbey Road Studios von Paul McCarteys Produzent Steve Orchard aufgenommenen Debut-Album "Horizons" besonders zur Geltung kommt. 

Die Eigenkomposition "Full Moon" ist nach eigener Aussage "ein richtiger Sommersong mit viel Power". In der Nummer, die die beiden als "mystisch und positiv" beschreiben, geht es um die Nacht als "eine Art Hoffnungsträger", weil jeden Morgen das Sonnenlicht wiederkommt. Eine große Choreographie werden die beiden Musikerinnen mit ihren Instrumenten nicht liefern können, dafür wollen sie über das Licht, das Bühnenbild und die Kostüme ihrem Song die besondere Note geben.

ESC-Vorentscheid 2016: Keøma - Protected

Das Indie-Pop-Duo Keøma besteht aus der in Berlin lebenden Australierin Kat Frankie und dem Kölner Chris Klopfer. Aus einer Zufallsbekanntschaft nach einem Konzert im Jahr 2011 wurde eine kreative Zusammenarbeit, die auch die Tatsache nicht stört, dass die beiden in unterschiedlichen Städten wohnen und sich nur selten persönlich treffen. Der Bandname geht - wie auch viele Liedtexte der beiden - auf einen Film zurück, nämlich auf einen Western aus den 70ern.

"Night Drive Pop" nennen Keøma ihren Sound, der auch das melancholisch angehauchte Lied über unerfüllte Liebe prägt. Selbstbewusst glauben sie an ihren Sieg beim ESC-Vorentscheid 2016. Ob, wie bei nächtlichen Autofahrten nicht unüblich, das Publikum der Sekundenschlaf übermannt oder der hypnotische Klang von "Protected" das Duo im 5. Gang nach Stockholm brausen lässt, wird sich zeigen.

ESC-Vorentscheid 2016: Laura Pinski - Under The Sun We Are One

Er kann es nicht lassen: Mr. Song Contest persönlich, Altmeister Ralph Siegel tritt wieder beim ESC an. Diesmal zum allerletzten Mal, verspricht er (nicht zum ersten Mal). Drei Jahre hat er nach eigener Aussage darauf hingearbeitet, es wäre sein 25. Beitrag für Deutschland beim Eurovision Song Contest. Als Interpretin seines Songs "Under the sun we are one" hat sich der 70-Jährige die blutjunge Laura Pinski auserkoren. Die 19-Jährige ersang sich mit Coverversionen ihrer Lieblingslieder auf Youtube eine ordentliche Zahl von Fans, beim "Supertalent" belegte sie 2012 einen respektablen 5. Platz.

Nachdem er 1982 Deutschland mit Nicoles "Ein bisschen Frieden" den großen Sieg beim ESC in Harrogate brachte, konnte Siegel nie wirklich an diesen Erfolg anknüpfen. Vielleicht griff er in dem Jahr das Rezept von damals auf und versucht es wieder mit einem Friedenslied, das unverkennbar nach ihm klingt. Fans werden das als gutes Zeichen werten...

ESC-Vorentscheid 2016: Luxuslärm - Solange Liebe in mir wohnt

2012 belegten Luxuslärm bei Stefan Raabs "Bundesvision Song Contest" den vierten Platz, vier Jahre später versucht es das Quintett um Frontfrau Janine "Jini" Meyer bei der Gegenveranstaltung, dem Eurovision Song Contest. 

Die Band kann es nach eigener Aussage kaum erwarten, den Song "Solange Liebe in mir wohnt" aus ihrem neuen Album einem Millionenpublikum vorzustellen - ob sie auch das Voting für Stockholm gewinnen, scheint dabei fast Nebensache. Möglicherweise ahnt die Band aus Iserlohn ja bereits, dass sie mit ihrem deutschen Schlager, an dem man den letzten Rest Rock und Witz von damals vergeblich sucht, beim Publikum keinen besonderen Eindruck hinterlassen kann.

ESC-Vorentscheid 2016: Woods of Birnam - Lift Me Up

Auf der Coolness-Skala ist das Quintett Woods of Birnam ganz oben. Sänger Christian Friedel kennt man eigentlich als Schauspieler, er verkörperte unter anderen im preisgekrönten Kinofilm "Elser" den Hitler-Attentäter. Seinen ersten musikalischen Erfolg konnte er mit seiner Band aus ehemaligen Mitgliedern von Polarkreis 18 ("Allein allein") 2014 verbuchen: Til Schweigers erkor für seinen Kinoerfolg "Honig im Kopf" den Song "I’ll Call Thee Hamlet" aus dem Debüt-Album zum Titelstück.

Die Nominierung als eine von zehn Teilnehmern beim ESC-Vorentscheid 2016 hat die Indie-Pop-Band überrascht. Das bescheidene Ziel der Außenseiter: In die Top 3 kommen und nebenbei mit ihrem Auftritt als Dresdner Band "ein anderes, positives und vor allem tolerantes und weltoffenes Zeichen in die Welt schicken.“ Dafür eignet sich der lebensbejahende, tanzbare Song bestens.

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