Sat.1-Show

Kritik an „Hochzeit auf den ersten Blick“

Berlin - Vor kurzem lernten sich Singles bei RTL nackt kennen, jetzt wird bei Sat.1 beim ersten Treffen gleich geheiratet. Das Fernsehen überschlägt sich bei Kuppelshows. Kritik kommt etwa aus den Kirchen.

Bereits vor ihrer Premiere hat die Sat.1-Sendung „Hochzeit auf den ersten Blick“ Kritik auf sich gezogen. „Die Ehe ist definitiv kein Spaß für eine kurze Fernsehunterhaltung, bei der zwei Menschen sich auf Medienexperten verlassen, ohne zu wissen, ob sie sich im wahrsten Sinne des Wortes überhaupt riechen können“, sagte die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Margot Käßmann, der „Bild am Sonntag“. Die Zeit des Verkuppelns sei vorbei.

Auch von katholischer Seite kam Kritik: Die Ehe solle „nicht allein aus einer spontanen und flüchtigen Emotion heraus eingegangen werden“, zitierte das Blatt den Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp. „Herz und Verstand müssen im Einklang miteinander Ja sagen.“

In der neuen Show nach einem dänischen Vorbild, die am Sonntag von 17.55 Uhr an erstmals bei Sat.1 laufen sollte, heiraten zwei Kandidaten, ohne sich zuvor gesehen zu haben. Vor einigen Wochen noch hatte das RTL-Kuppelformat „Adam sucht Eva - Gestrandet im Paradies“ für Aufsehen gesorgt. Darin lernten sich Singles nackt am Strand kennen und erst später angezogen.

In der ersten Ausgabe von „Hochzeit auf den ersten Blick“ stand das Jawort der Singles Bea (32) und Tim (31) aus Nordrhein-Westfalen an. Experten hatten sie mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden füreinander ausgesucht. Zum Team gehörten Psychotherapeutin Sandra Köhldörfer, Heilpraktiker Uwe Linke als Wohnungsanalyst sowie die Paartherapeutin Ingrid Strobel und ein Pastor.

Rechtsgültige Ehe

Wenn die Ehe vor den Kameras geschlossen wird, sei sie rechtsgültig, unterstrich ein Sat.1-Sprecher vorab. Wer sich etwa gleich nach den Flitterwochen gegen die Ehe entschließe, müsse sich scheiden lassen wie andere Paare auch und ebenso die Konsequenzen tragen.

Sat.1 hatte auch das Meinungsforschungsinstitut Forsa bemüht: „94 Prozent der Befragten glauben an die Liebe auf den zweiten Blick.“ 1502 Frauen und Männer zwischen 18 und 69 waren befragt worden. Zwar meinten 98 Prozent, es sei für sie undenkbar, ihren Ehepartner erst auf dem Standesamt kennenzulernen, aber jeder Vierte dachte demnach, dass das Experiment gelingen könnte.

Der familienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Marcus Weinberg, sagte der „Bild am Sonntag“ zu der Sendung: „Ich halte davon nichts und hoffe, dass diese Sendung bald wieder vom Markt verschwindet.“ Die Ehe solle aus gegenseitiger Zuneigung entstehen, sie sei „Keimzelle der Gesellschaft“.

Die Zeitung zitierte jedoch auch den Heidelberger Paartherapeuten, Arzt und Autoren Arnold Retzer („Lob der Vernunftehe“): „Die Liebesehe ist eine Unmöglichkeit, und die Liebe ist auf Dauer nicht mit dem Leben vereinbar.“

Die Ex-EKD-Ratsvorsitzende Käßmann nannte die neue Vernunftehe-Show dennoch oberflächlich: „In einer Zeit, in der die Ehe zur TV-Show wird, möchte ich für Ernsthaftigkeit plädieren, auch wenn manche mich als Spaßverderberin hinstellen werden.“

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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