Skandal der 80er verfilmt

Das Sterben der Bluter: ARD-Drama "Unter der Haut"

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Martin (Friedrich Mücke) und seine Frau Sabine (Karoline Schuch).

Berlin - Friedemann Fromms Drama „Unter der Haut“ behandelt das Aufkommen von Aids in den 80er Jahren. Hoch emotional, aber auch etwas konstruiert stellt der Film Pharmaindustrie und Politik an den Pranger.

In den 80er Jahren erschütterte Aids große Teile der Welt. Ein Drama innerhalb dieses Dramas ist der sogenannte Bluter-Skandal. Denn nicht nur Menschen, die sich beim Sex infizierten, und Drogenabhängige, die sich Fixerbestecke teilten, steckten sich mit HIV an: Es traf auch Hämophilie-Kranke, meist Bluter genannt, die sich Gerinnungshemmer aus Blutspenden spritzen mussten.

Schnell wurde klar, dass sich viele Bluter an den Konserven mit HIV und Hepatitis-C angesteckt hatten. Nicht alle Pharma-Unternehmen setzten danach die Einsichten der Wissenschaft schnellstmöglich um. Manche ließen ihre Produkte auf dem Markt, was viele Menschen - das darf man sicher behaupten - das Leben gekostet hat.

Die Firmen haben sich inzwischen unter anderem an einer Stiftung nach dem HIV-Hilfegesetz aus dem Jahr 1995 beteiligt. Über das traurige und unrühmliche Kapitel deutscher Medizingeschichte legte 2013 das ZDF unter dem Titel „Blutgeld“ einen „Fernsehfilm der Woche“ vor.

Nun zeigt die ARD am Abend nach dem alljährlichen Welt-Aids-Tag ein Drama, das hoch emotional und anklagend Fakten und Fiktion mischt: „Unter der Haut“, geschaffen von den Autoren Eva Zahn und Volker A. Zahn („Mobbing“) sowie Regisseur Friedemann Fromm („Weissensee“) - allesamt Grimme-Preisträger läuft am Mittwoch um 20.15 Uhr.

Beeindruckend besetzt ist die Produktion von Studio Hamburg und Amalia Film. Friedrich Mücke („Vaterfreuden“) spielt den frisch verheirateten Martin, Pressereferent in der Pharmaindustrie. Er ist doppelt betroffen: Er selbst ist Bluter, sein Bruder ist als Kind an der Krankheit gestorben. Im Moment, als seine Frau (Karoline Schuch, „Hannas Reise“) ihm eröffnet, dass er Vater wird, stößt der aufstrebende junge Mann auf eine geheime, interne Studie.

Sein Chef (Uwe Kockisch, „Donna Leon“) weiß offenbar um die Gefahr des Medikaments. Doch erst als er am eigenen Leib betroffen wird, ist Martin bereit, den Kampf gegen Wirtschaftsmächte aufzunehmen. An seiner Seite: die kämpferische Doktorandin Barbara (Bibiana Beglau).

Regisseur Fromm taucht „Unter der Haut“ in trübe-graues Licht, lässt oft in kalten, sterilen Räumen spielen. Leitmotivisch zieht sich Wasser - Lebenselixier und Todessymbol zugleich - durch das Geschehen, ob als Schwimmbecken, Blutkonserve oder Beuteltee.

Der Filmemacher beherrscht seine Kunst. Eindringlich unaufdringlich lässt er seine Darsteller agieren. Dabei behauptet das TV-Geschehen Korruption und Menschenverachtung aus Wirtschaftsinteresse auf Seiten der Industrie. „Leugnung, Lobbyarbeit mit schweren Geschützen, Beschwichtigungen, spätes Einlenken“, nennt Autorin Zahn im Presseheft der NDR-Produktion die gezeigten Mechanismen.

Wie sehr diese Darstellung einer näheren historisch-sachlichen Betrachtung standhält, können allerdings eher Fachleute beurteilen. Der Plot wirkt zudem teilweise konstruiert - wohl wegen der so passgenauen Verquickung von Kindheitstrauma, Liebesgeschichte und Wirtschafts- und Gesundheitspolitik-Skandal.

Hauptdarstellerin Karoline Schuch jedenfalls hat ihre Begegnung mit der Geschichte sehr berührt. „Ich bin in Jena geboren und aufgewachsen. Dieses Thema wurde in Ostdeutschland und auch nach der Wende nicht so viel verhandelt“, sagt die 34-Jährige der dpa. Sie erzählt, dass sie sich wie der Rest des Teams intensiv in die Thematik eingelesen habe. „Wir alle waren bewegt, haben keinen Dienst nach Vorschrift gemacht.“ Lernen könne man aus der Geschichte ihrer Meinung nach, als Konsument und Patient wachsam zu sein - und gegebenenfalls mit anderen gegen Pharmakonzerne vorzugehen. „Gemeinsam kann man eher Druck ausüben. Dank Internet ist das ja leichter geworden“, sagt die Schauspielerin.

dpa

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