Neues Format im Fernsehen

"Geplanter Anschlag auf Allianz Arena": TV-Zuschauer als Richter

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Szene des Films: Das Schwurgericht Berlin verhandelt den "Fall Lars Koch", der des 164-fachen Mordes bezichtigt wird.

München - In dem Gerichtsdrama und Fernseh-Experiment "Terror - Ihr Urteil" entscheiden Zuschauer über Recht und Unrecht  - und ausgerechnet die Münchner Allianz Arena spielt in dem ARD-Film eine schicksalshafte Rolle. 

Es ist die Woche der heiklen Themen bei der ARD: Am Mittwoch setzte man sich im TV-Drama "Die Stille danach" mit der Amoklauf-Problematik und dem schrecklichen Schicksal Hinterbliebener Angehöriger auseinander - am kommenden Montag folgt nun schon der nächste Beitrag: Beim Fernsehfilm "Terror - Ihr Urteil" werden Millionen TV-Zuschauer zu Gerichtsschöffen. 

Sie entscheiden live per Telefon- und Online-Voting nach einem Gerichtsdrama, ob ein Bundeswehr-Pilot, der einen entführten Airbus abgeschossen hat, ein 164-facher Mörder ist.

Die Allianz Arena wird zum Schicksalsort

Die Handlung des Films ist frei erfunden, doch vor dem aktuellen Hintergrund gehäufter Terroranschläge in Europa und Amerika durchaus realitätsnah: 

In dem von dem Schriftsteller Ferdinand von Schirach entwickelten Szenario entführen Terroristen einen Lufthansa-Airbus, um ihn ausgerechnet in die Allianz Arena bei München stürzen. Es bleiben wenige Kilometer. 

Deutschland spielt gegen England, 70.000 Fußballfans im ausverkauften Stadion wissen nichts von der drohenden Katastrophe. „Wenn ich jetzt nicht schieße, werden Zehntausende sterben“, schreit Luftwaffenmajor Lars Koch (Florian David Fitz) übers Mikrofon an die Leitstelle und feuert in seinem Eurofighter eine Luft-Luft-Rakete ab. Das rechte Triebwerk des Airbus A 320 wird getroffen, die Maschine fängt Feuer und stürzt auf einen Kartoffelacker. 

Alle 164 Menschen an Bord, darunter die Terroristen einer Al-Qaida-Splitter-Organisation, kommen ums Leben. Der Bundeswehrpilot handelte gegen den ausdrücklichen Befehl, nicht zu schießen. Er ist jetzt angeklagt wegen 164-fachen Mordes.

Darauf folgt der wohl reizvollste Teil eines nervenaufreibenden Fernsehabends - die Zuschauer sollen nun nämlich selbst aktiv werden und das Urteil per Telefon-und Online-Voting fällen: Schuldig oder Freispruch. 

Danach gibt es eine Live-Sonderausgabe von „Hart aber fair“ mit Moderator Frank Plasberg. Auch in Österreich, der Schweiz, Tschechien und Slowenien wird der Film am selben Abend gezeigt - und diskutiert. Die Abstimmungsergebnisse der Länder können direkt miteinander verglichen werden. 

Als „mutiges Fernsehexperiment“ bezeichnet ARD-Programmdirektor Volker Herres den brisanten Themenabend. „Der Zuschauer wird aus der Passivität des Fernsehkonsums herausgerissen. Er ist aktiv gefordert, im ganz konkreten Sinne Betroffener und Entscheider.“ Denn der Zuschauer müsse sich mit der Frage auseinandersetzen, „was ist ethisch angemessenes Handeln?“.

Lassen sich Leben aufrechnen?

Zu Beginn des Films sieht der Zuschauer einen Airbus am Himmel und hört Funkkontakt, ein Kampfjet steigt auf. Dann ein schwarzer Schnitt, das nächste Bild zeigt bereits den fiktiven Gerichtssaal. Viel Beton, Stahl, im Hintergrund der Fenster ist der Bundestag zu sehen. Der Richter (Burghart Klaußner) sieht in die Kamera und spricht zuerst direkt die TV-Zuschauer an: „Ich werde das Urteil verkünden, das Sie finden werden.“ (Beide Versionen sind vorgedreht)

In dem kammerspielartigen Gerichtsfilm mit Starbesetzung geht es, wie die Staatsanwältin (kühl-hochintelligent: Martina Gedeck) sagt, nur um die eine Frage: „Dürfen wir Unschuldige töten, um andere Unschuldige zu retten? Und ist es eine Frage der Zahl? Lassen sich Leben zumindest dann gegeneinander rechnen, wenn für den Tod eines Menschen 400 andere gerettet werden können?“ Die Staatsanwältin betont, Recht und Moral dürften nicht vermengt werden, in moralischen Fragen gebe es keine Sicherheit. Allein die Verfassung müsse Richtschnur sein, deren Prinzipien, an erster Stelle der erste Satz des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Menschen dürften nicht zu Objekten gemacht werden.

Dagegen argumentiert der Verteidiger, den Lars Eidinger ebenso menschlich wie lebensklug spielt: „Kein Prinzip der Welt kann wichtiger sein, als 70.000 Menschen zu retten.“ Es könne nicht sein, dass bei diesem Verhältnis nicht abgewogen werde dürfe. Es handle sich, so schrecklich das sei, um das kleinere Übel. US-Vizepräsident Dick Cheney habe nach den Anschlägen von 9/11 gesagt, es hätte dem Recht entsprochen, die Maschinen abzuschießen.

In Deutschland hat das Bundesverfassungsgericht anders entschieden. Ein Flugzeug, das als Waffe missbraucht wird, darf nicht abgeschossen werden, wenn neben den Tätern weitere Menschen an Bord sind.

Naturrecht versus Verantwortungsethik

In dem Fernsehfilm verstößt der Pilot dagegen: „Ich habe es nicht fertig gebracht, 70.000 Menschen sterben zu lassen.“ Florian David Fitz verkörpert den Piloten als verantwortungsbewusst Handelnden, kein Heißsporn, sondern jemand, der in einer Extremsituation sich bewusst entscheidet: Gegen die Vorgesetzten, gegen die Verfassung. Und er sagt, er würde es wieder tun. Der Schauspieler Florian David Fitz weiß um die Brisanz und Aktualität seiner Rolle - und um die tragische Wichtigkeit des entworfenen Gedankenspiels: "Uns muss bewusst sein, dass es weitere Terroranschläge geben wird", erklärt er im Gespräch mit dem Online-Magazin "goldenekamera.de". 

Die Argumentationslinien bewegen sich zwischen einem nicht mehr hinterfragbaren, ewig gültigen Naturrecht und protestantischer Verantwortungsethik, die eine gewissensgeprüfte Entscheidung im Einzelfall abverlangt. Und es geht um Rechtspositivismus, also ob jedes Gesetz befolgt werden muss, nur weil es ein Gesetz ist.

Das intensive Gerichtsdrama packt den Zuschauer, auch wenn das Thema keine leichte Kost ist: Es stellt die Maßstäbe staatlichen Handels und des Einzelnen auf den ethischen Prüfstand. Regisseur Lars Kraume hält sich zurück, er setzt allein auf das Können seiner Schauspieler und die Tiefe der Argumente - dramaturgisch aufgelockert durch manche Späßchen zwischen Richter und Verteidiger.

dpa/sl

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