ZDF-Moderatorin Sandra Olbrich:

"Behinderte sind nicht nur Held oder Opfer"

Sandra Olbrich
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Sandra Olbrich moderiert das ZDF-Magazin „ Menschen - das Magazin“

Berlin - Die ZDF-Sendung „Menschen - das Magazin“ über den Alltag Behinderter moderiert künftig Sandra Olbrich. Als Betroffene kritisiert sie das Bild, das Medien über behinderte Menschen vermitteln.

Die künftige Moderatorin der ZDF-Sendung „Menschen - Das Magazin“, Sandra Olbrich (45), wünscht sich mehr Normalität im Umgang mit behinderten Menschen. „Eine Person wird erst mal danach beurteilt, was für eine Behinderung sie hat. Man fragt sich, was funktioniert da nicht?“, sagte sie im dpa-Interview. In den Medien würden Menschen mit Behinderung meist entweder als Helden des Alltags oder als Opfer dargestellt. Das habe mit der Realität von Menschen mit Behinderung eher wenig zu tun. In der Sendung, in der es um den Alltag Behinderter und um Projekte der „Aktion Mensch“ geht, will sie ein möglichst vielschichtiges Bild von Menschen zeigen.

Sie übernehmen am 6. September die Moderation von „Menschen - Das Magazin“ im ZDF von Bettina Eistel. Wie kam der Kontakt zum Sender zustande?

Sandra Olbrich: Die Redaktion ist auf mich zugekommen. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass ich mich in den vergangenen Jahren in dem Bereich Menschen mit Behinderungen, Teilhabe und Inklusion getummelt habe. Insbesondere habe ich in Hamburg eine Gruppe von Müttern mit Behinderung gegründet, die sich im Rahmen der Selbsthilfe austauscht. Da hat es auch eine Anfrage des ZDF gegeben, um darüber zu berichten.

Was ist Ihnen wichtig für die Sendung?

Olbrich: Ich bin selbst Mensch mit Behinderung, ich bin Mutter, kann meine Lebenserfahrung mit in die Waagschale werfen. Gleichzeitig geht es auch darum, eine professionelle Distanz zu wahren. Bei Themen mit Menschen, die am Rande stehen, ist für mich wichtig, dass man nicht einen Betroffenheits- oder Tränendrüsen-Blick auf die Geschichte hat, aber auch nicht ganz abseits steht. Diese Balance würde ich gerne schaffen. Wir können versuchen dazu beitragen, ein möglichst vielschichtiges Bild von Menschen in unserer Gesellschaft zu zeigen, nicht immer nur, welche Probleme es gibt.

Wie beurteilen Sie das Image behinderter Menschen?

Olbrich: Allein, dass wir darüber sprechen und immer sagen „Menschen mit Behinderung“ oder „die Behinderten“ zeigt schon, dass sie einen Stempel haben. Wir sind weit entfernt von einer Normalität, die wir dringend brauchten. Eine Person wird erstmal danach beurteilt, was für eine Behinderung sie hat. Man fragt sich, was funktioniert da nicht? Der Wunsch wäre, irgendwann über eine Staatsanwältin im Rollstuhl und mit Atemgerät zu berichten, weil sie einen ganz interessanten Fall gewonnen hat, nicht so sehr, weil sie im Rollstuhl sitzt. Dass wir davon noch weit entfernt sind, hat auch damit zu tun, dass Menschen mit Behinderung, mit Krankheiten, viel zu wenig präsent sind in den Medien. Wir haben immer noch keine „Tagesschau“-Sprecherin, die einarmig ist.

Wie werden behinderte Menschen aus Ihrer Sicht in Medien dargestellt?

Olbrich: Entweder sind es Helden des Alltags, Menschen, die Außergewöhnliches trotz ihrer Behinderung schaffen und deshalb besonders bewundert werden. Behinderte finden dann sehr viel Anerkennung und Gehör, wenn sie eine Goldmedaille gewinnen mit nur einem Fuß. Die andere Geschichte ist die Opferrolle, die mehrfachbehinderte, alleinerziehende Mutter, die von ihren Kindern gepflegt wird. Beides sind sehr quotenträchtige Blickwinkel, die aber mit der Realität von Menschen mit Behinderung, wie ich sie kenne, eher wenig zu tun haben. Ich führe ein ganz normales Leben mit einer Behinderung, die natürlich einen bestimmten Bedarf nach Unterstützung mit sich bringt.

Warum gestaltet sich die Inklusion - das gemeinsame Lernen behinderter und nicht behinderter Schüler - so schwierig?

Olbrich: Wir müssen aufhören, Menschen nach ihren Defiziten oder auch nach ihren Leistungen einzusortieren. Das macht uns jetzt bei der Umsetzung der UN-Menschenrechtskonvention für Menschen mit Behinderungen so große Schwierigkeiten, weil im Prinzip alle Lebensbereiche genormt und vorsortiert sind. Die Gesellschaft, die Schule, muss sich von Grund auf ändern. Ich glaube, dass von allen jetzt Beharrlichkeit gefragt ist.

Zur Person: Sandra Olbrich (45) hat Amerikanistik und Germanistik studiert und während des Studiums bei der Wochenzeitung „Die Zeit“ gearbeitet. Sie volontierte bei Radio Bremen und arbeitete später auch bei der „Tagesschau“. Die Journalistin hat eine Gehbehinderung nach einem Bruch der Hüfte bei der Geburt, der zu Problemen mit der Wirbelsäule führte. Sie ist Mutter von zwei Kindern, außerdem leidenschaftliche Gärtnerin.

dpa

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