Hetze wegen Handyvideo

13-Jährige verprügelt: Mordaufrufe auf Facebook

Tübingen - Ein Handy-Video, das zeigt, wie junge Mädchen aus Tübingen eine 13-Jährige verprügeln, ist im Internet gelandet. Dort riefen User zu grausamer Selbstjustiz gegen die mutmaßlichen Täterinnen auf.

Mehrere Mädchen im Alter zwischen 13 und 14 Jahren hatten eine 13-Jährige angegriffen und brutal auf sie eingetreten, als sie bereits am Boden lag. Offensichtlich sahen mehrere Menschen bei der Attacke zu, ohne einzuschreiten. Eine Zeugin filmte die Prügelei sogar mit ihrem Smartphone und lud das Video laut tagblatt.de anschließend bei Facebook hoch. Auch auf Youtube und anderen Portalen landete der Clip. Von den sozialen Netzwerken aus verbreitete er sich blitzschnell: Der Website des gemeinnützigen Mimikama-Vereins zur Aufklärung über Internetmissbrauch zufolge war der Clip nach 15 Stunden von zwei Facebook-Seiten aus knapp 4.000 Mal geteilt worden, über tausend User hatten ihn kommentiert.

Dabei hagelte es nicht nur wüste Beschimpfungen gegen die Schlägerinnen, sondern auch Appelle, ihnen zum Teil auf sadistischste Art und Weise Gewalt anzutun und sie sogar umzubringen. Nutzer des sozialen Netzwerks, die vor dieser menschenverachtenden Hetze warnten, wurden schnell selbst angefeindet.

Online-Morddrohungen können User ins Gefängnis bringen

Eine Sprecherin der Polizei Reutlingen bestätigte die Aufrufe zur Selbstjustiz am Freitag und sagte, dass man gegebenenfalls wegen Bedrohung ermitteln werde: "Das ist genau so wenig zu tolerieren wie die Tat selbst“. Auch eine Anzeige wegen Störung des öffentlichen Friedens durch Aufruf zu Straftaten käme nach Meinung eines Staatsanwaltes in Betracht. Wer online mit Mord drohe, erfülle die Voraussetzung für den Anfangsverdacht einer Straftat. Das könne mit einer Geldstrafe oder bis zu drei Jahren Haft geahndet werden.

Schlägerinnen sind identifiziert

Die mutmaßlichen Schlägerinnen sind der Polizei bereits bekannt, gegen sie wird wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt. Die Erstellerin des Handy-Videos könnte laut tagblatt.de dagegen wegen Beihilfe zur Tat belangt werden, obwohl sie selbst nicht zugeschlagen hatte.

Polizei: Video nicht weiter teilen

Die Reaktionen in den sozialen Netzwerken erweisen dem Opfer einen Bärendienst: Die 13-Jährige, die bei der Tat leicht verletzt worden war, sei seither zusätzlich traumatisiert, die Situation hätte sich aufgrund der Online-Hetze nur verschlechtert. Daher bittet die Polizei die Internetnutzer, das Video nicht weiter zu verbreiten. Damit sollen die Beteiligten geschützt werden.

Das Internet als Pranger: Es geht um Macht

Der Schülerin ist zweifach Leid zugefügt worden - körperlich wie seelisch. Denn weltweit können Internetnutzer mit ein paar Klicks ihre Misshandlung sehen. Das Internet ist in diesem Fall zum Pranger geworden. „Es ist ein beständiges Problem, das sich in den letzten Jahren auf jeden Fall nicht entschärft hat“, sagt der Medienexperte des Landeskriminalamtes (LKA) in Stuttgart, Stefan Middendorf, mit Blick auf das Prügelvideo. Die technischen Möglichkeiten erleichterten die digitale Schmähung, sagt Middendorf: „Dazu braucht man kein Computercrack zu sein. Heute ist jeder in der Lage, Täter zu sein, aber auch Opfer zu werden.“

Die Motive für die Veröffentlichung erläutert der Kinder- und Jugendpsychotherapeut Martin Klett: „Die Täter wollen ihre Macht über das Opfer demonstrieren - möglicherweise, weil sie selbst zuvor Erfahrungen mit Ohnmacht gemacht haben.“

Statistiken gibt es zu dem „allgegenwärtigen Phänomen“ nicht, erklärt der LKA-Experte. Grund: Cybermobbing ist kein eigener Straftatbestand. Überdies sei das Dunkelfeld sehr groß: Denn Angst und Schuldgefühle verhinderten, dass die Opfer sich offenbaren.

Statistik zu Mädchengewalt

Anders als das Cybermobbing handelt es sich bei dem Gewaltausbruch der Mädchen aber eher um eine Ausnahme. „Das ist ein Ausreißer“, meint der Münsteraner Kriminologe Klaus Boers. Insgesamt nimmt die Kriminalität von Mädchen ab. Im Südwesten hat sich bei der schweren Körperverletzung der Anteil der weiblichen Tatverdächtigen unter 21 Jahren von 13,2 (2012) auf 12,6 Prozent im vergangenen Jahr vermindert. Eine erfreuliche Entwicklung, meint Middendorf, doch: „Dem Opfer hilft die Statistik allerdings nicht.“

Das Dunkelfeld spielt auch bei der Bewertung von Mädchengewalt eine Rolle, sagt Experte Boers. Denn kriminelle Mädchen würden weniger häufig angezeigt als Jungen. Das Alter der mutmaßlichen Schlägerinnen aus Tübingen sei allerdings symptomatisch: Jungen wie Mädchen begehen im 14. Lebensjahr die meisten Gewaltdelikte. „Danach wird es jedes Jahr deutlich weniger“, sagt Boers. Mädchen hörten früher auf, schon ab dem 15. Lebensjahr. Auch Intensivtäterinnen sind deutlich seltener als bei Jungen. Unter Mädchen liegt deren Anteil zwischen 0,1 und 0,9 Prozent, bei Jungen zwischen 0,5 und 3,4 Prozent. Typisch ist die Tübinger Attacke, weil sie in einer Gruppensituation geschah. Dies war 2013 bei 53,7 Prozent der Gewaltdelikte der unter 21-Jährigen im Südwesten der Fall.

Für das Opfer ist die Attacke schwer zu verarbeiten 

Für das verprügelte Mädchen in Tübingen beginnt eine schwere Zeit. Der verletzte Teenager muss nicht nur mit den Blessuren zurecht kommen; das Mädchen wird auch damit leben lernen, dass sein Leid noch sehr lange im Internet kursiert. Zu hoffen ist, dass Eltern, Freunde und Lehrer sowie möglicherweise Psychotherapeuten der Schülerin helfen, den Angriff zu verarbeiten. Ansonsten könne es zu sozialem Rückzug bis hin zu Schulverweigerung kommen, meint der Freiburger Experte Klett.

dpa/hn

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa-tmn (Symbolbild)

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