Nur 4 Verurteilungen nach sexuellen Übergriffen

tz-Interview: Alice Schwarzers Thesen zur Horror-Silvesternacht von Köln

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Frust­abbau durch „Frauenklatschen“: Alice Schwarzer hat die Hintergründe der Silvesternacht vor dem Kölner Dom recherchiert.

München - Sieben Monate nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht in Köln, Hamburg und Stuttgart ist die Bilanz der Ermittler ernüchternd. Alice Schwarzer hat ein Buch über die Hintergründe der Horror-Nacht geschrieben.

Bei knapp 900 Sexualdelikten mit mehr als 1200 Opfern wurden nur 120 Verdächtige ermittelt. Weil es kein geeignetes Fotomaterial gegeben habe und die Opfer die Täter nur schlecht beschreiben konnten, kommen viele der Verdächtigen wohl ungestraft davon, so das Fazit der Ermittler laut den Recherchen von NDR, WDR und SZ.

Emma-Herausgeberin Alice Schwarzer hat in ihrem Buch Der Schock – Die Silvesternacht von Köln (KiWi-Verlag) die Hintergründe der Horror-Nacht von Köln recherchiert. Im tz-Interview erklärt sie, warum der politische Islamismus einen Nährboden für frauenfeindliche Gewalttaten bietet.

Rund 2000 an den sexuellen Übergriffen beteiligte Männer, nur 120 Verdächtige ermittelt, nur vier Verurteilungen: Wie erklärt sich diese erschreckend niedrige Aufklärungsquote?

Alice Schwarzer: Das hat zwei Gründe. Erstens hat man die Geschehnisse zu lange nicht wahrhaben wollen. Weil die Täter überwiegend Flüchtlinge waren, und es sich ja auch „nur“ um sexuelle Belästigung gehandelt hat. Und zweitens macht es die bis dahin in Europa unbekannte Methode schwer, die Täter zu identifizieren. Sie haben ja nicht individuell gehandelt, sondern kollektiv, in der Gruppe, sodass es für die Opfer schwer war zu erkennen: Wer hat mir jetzt was getan? Das reformierte Sexual­strafrecht trägt dem jetzt Rechnung und bestraft auch die „Beteiligung an einer Personengruppe, die eine andere Person zur Begehung einer Straftat an ihr bedrängt“. Das trägt diesem bei uns neuen Phänomen von Verbrechen Rechnung. Der Widerstand der Grünen und Linken dagegen bei der Verabschiedung der Reform ist sehr, sehr realitätsfern.

Laut BKA waren unter den Tätern keine syrischen Flüchtlinge, sondern vor allem Algerier und Marokkaner. Was ist der Hintergrund dieser Täter?

Schwarzer: Diese jungen Männer sind perspektivlos und entwurzelt. Sie kommen aus Ländern, in denen die Frauenverachtung Tradition hat und die Entrechtung der Frauen im Gesetz festgeschrieben ist. Dieser traditionelle Sexismus in Ländern wie Marokko, Algerien oder Tunesien aber hat sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten noch mal gesteigert. Grund ist der politisierte Islam, von den rückwärtsgewandten, schriftgläubigen Muslimen bis hin zum „Islamischen Staat“. Dieser Islamismus lässt die Flammen der in der Kultur chronisch schwelenden Frauenverachtung jetzt ganz hochschlagen. In diesen Ländern kennt man schon länger die Gruppenüberfälle auf Frauen und nennt sie den „Höllenkreis“.

Hatten sich die Täter verabredet oder waren diese massenhaften sexuellen Übergriffe eine spontane Aktion?

Schwarzer: Das ist in der Tat eine zentrale Frage. Justizminister Maas hatte ja früh von einem „organisierten Verbrechen“ gesprochen. Ich sehe das etwas anders. Ich gehe von einer kleinen Anzahl gezielter Provokateure aus, die via Facebook und SMS diese Tausenden von gewaltbereiten jungen Männern zum „Feiern“ mobilisiert haben. Das hat sich schneeballartig verbreitet. Und die Täter haben dann vermutlich wohl eher schwarmartig reagiert. Für diese Sexisten ist der Frustabbau durch „Frauenklatschen“ Gewohnheit – so wie der Frustabbau von Rassisten durch „Ausländerklatschen“. Wir haben es jetzt also auch in Europa mit einem in diesem Ausmaß neuen Phänomen der Frauenverachtung zu tun.

Wenn es eine verabredete Tat war: Warum hat sich dann solch ein abgesprochener Massenübergriff nicht wiederholt?

Schwarzer: Es wiederholt sich ja ständig! Gerade hat es in Stockholm auf einem Musikfestival dieselben kollektiven Überfälle von Männern aus muslimischen Ländern gegeben.

Macht man sich durch die Auseinandersetzung mit der Kölner Silvesternacht zum Handlanger von Pegida, AfD und Co.?

Schwarzer: Was wollen Sie damit sagen? Wollen Sie sagen, dass wir bei Verbrechen, die von Ausländern oder gar Flüchtlingen begangen werden, weg­sehen und schweigen sollen, damit niemand „ausländerfeindlich“ wird? Genau dieses Leugnen der Probleme treibt die Menschen in die Arme der Rechts­populisten. Denn es kann doch nicht sein, dass wir zweierlei Maßstäbe an Deutsche und Ausländer anlegen. Es gibt gute wie schlechte Deutsche und gute wie schlechte Ausländer. Aber es gibt auch so etwas wie kulturelle Identitäten und Traditionen. Die muslimischen Flüchtlinge kommen überwiegend aus Ländern, die sehr patriarchale Traditionen haben und noch nie von einer Frauenbewegung erschüttert wurden. Doch die traditionelle Entrechtung der Frauen ist noch steigerbar. Das zeigen uns die Islamisten, die die Frauen ganz aus dem öffentlichen Raum verbannen und sie unter der Burka unsichtbar machen. Viele der Flüchtlinge, gerade die aus Syrien, flüchten vor eben diesen Fanatikern. Dennoch sind auch die „netten“ Flüchtlinge kulturell geprägt von den traditionellen Geschlechterverhältnissen in ihren Ländern. Die müssen eben jetzt sehr rasch lernen, dass das bei uns nicht gilt: Alle Männer und Frauen sind bei uns gleichberechtigt. Und ein sexueller Angriff ist ein Verbrechen.

Interview: Klaus Rimpel

In der Hölle: Ein Opfer erzählt …

Claudia Vosen wollte mit ihrem Mann, ihrer 15-jährigen Tochter und ihrem 13-jährigen Sohn in der Silvesternacht am Kölner Rheinufer das Feuerwerk sehen. In Alice Schwarzers Buch Der Schock beschreibt sie, wie diese Nacht zum Alptraum wurde:

„Von draußen drängten massenhaft Männer in die Halle. Schreie, Rufe, Gedränge. Mein Mann wurde von uns weggerissen. Er verschwand in der Menge, die uns wie eine Masse umgab. Ich hatte um meinen Sohn vor mir einen Arm gelegt und griff mit der anderen Hand nach hinten nach meiner Tochter. Die hatte sich an meinen Rücken geklammert. Das war ein Fehler, dass sie nicht vor mir war. Sie hat lange blonde Haare …

Plötzlich hatten wir Hände am ganzen Körper. Sie fassten uns an die Brüste, griffen uns brutal zwischen die Beine, zerrten an Reißverschlüssen, Finger pulten nach Öffnungen. Zum Glück hatten meine Tochter und ich Hosen an. Die haben sich sogar gebückt, um uns besser zwischen die Beine fassen zu können. Die waren wie ein riesiger Schwarm, aus dem sich immer wieder eine Gruppe auf uns stürzte und sich dann wieder in die Menge zurückzog. Wir waren fast eine halbe Stunde in dieser Hölle. Meine Tochter schluchzte und schrie: ‚Fass mich nicht an!‘ Meinem Sohn hatten sie das Handy geklaut.“

Sex-Mob-Alarm im Freibad: Wie können sich Frauen schützen?

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