Kriminalität in Deutschland

Autobombe in Berlin: Koks-Fehde führte wohl zu Mordanschlag

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Polizisten stehen neben dem zerstörten Pkw

Berlin - Waren es Drogenhändler, Rocker oder war es gar die Russenmafia? Nach dem Mordanschlag auf einen Autofahrer deutet vieles auf eine Fehde krimineller Organisationen hin.

Die Explosion in Berlin schreckte noch Menschen in hundert Metern Entfernung aus dem Bett. Ein Sprengsatz unter dem silbernen Passat zerstörte am Dienstagmorgen den Wagen und verletzte den Fahrer so schwer, dass er kurz danach mitten auf der großen Straße an der Deutschen Oper verblutete. Die unauffällige Beseitigung eines kriminellen Konkurrenten oder Verräters sieht anders aus. Am Mittwoch wird klar: Hintergrund des Anschlags ist wohl eine Fehde innerhalb der Organisierten Kriminalität. Die Spur führt der Staatsanwaltschaft zufolge ins Drogenmilieu. Es geht um Kokainhandel.

Schießereien zwischen Kriminellen gab es in Berlin bereits öfter, auch Morde in der Öffentlichkeit. So spektakulär wie am Dienstag wird aber selten getötet. Der Vorsitzende vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK), André Schulz, spricht von einer „neuen Dimension“. Wofür sich der oder die Täter mit dem Anschlag rächen wollten, war zunächst jedoch weiter unklar.

Bomben-Opfer war einschlägig polizei-bekannt

Das 43-jährige Opfer, das der Polizei durch Drogen- und Falschgelddelikte bekannt war, saß vor einiger Zeit im Ausland im Gefängnis - wegen eines Rauschgiftdelikts. Möglicherweise hatte der 43-Jährige dort zu viel über Dinge erzählt, die aus Sicht der Banden die Polizei nichts angehen. Medien berichten auch über ein geplatztes Drogengeschäft.

Ein verbindendes Element aller Bereiche der Organisierten Kriminalität ist das Schweigen gegenüber der Polizei. Das gilt für deutsche Rockerbanden mit insgesamt 1000 Mitgliedern in Berlin ebenso wie für arabische Clans oder andere Gruppierungen.

Nach Einschätzungen des Berliner Landeskriminalamtes haben die meisten Täter in der Organisierten Kriminalität eine deutsche, polnische, türkische oder libanesische Staatsangehörigkeit. Das berichtete der zuständige LKA-Dezernatsleiter Dirk Jacob im vergangenen Jahr in einer längeren Anhörung vor Innenpolitikern.

Es gibt aber auch russische Gruppierungen und vietnamesische Banden. Die italienische Mafia spielt in Berlin anders als etwa in Nordrhein-Westfalen nur eine kleine Rolle.

Das meiste Geld wird mit Drogenhandel und Schutzgelderpressung verdient. Es geht aber auch um Waffenhandel, Zuhälterei oder Überfälle wie in Berlin auf ein Pokerturnier 2010 oder das Luxuskaufhaus KaDeWe 2014. Ihr Geld investieren die Clans unter anderem in den Kauf von Wohn- und Geschäftshäusern. Vor Gericht lassen sie Top-Verteidiger auftreten.

Was kann die Justiz gegen Banden ausrichten?

Oft sind Herkunft und Sprache ein verbindendes Element der Gangs. Das bekannteste Beispiel sind die Clans arabischer Herkunft, die oft auch als Großfamilien bezeichnet werden. Ihre Mitglieder sind häufig palästinensischer, kurdischer oder libanesischer Herkunft.

Integration von Einwanderern gibt es aber auch. Die Rockerbande Hells Angels nahm in Berlin zahlreiche türkischstämmige Mitglieder auf, um ihre Macht auszubauen. Die Neuen hatten oft nicht mal einen Motorradführerschein - dafür aber Macheten und Pistolen.

2013 führte die Berliner Kriminalpolizei 52 große Ermittlungsverfahren im Bereich der Organisierten Kriminalität. In ganz Deutschland waren es zuletzt 600 Fälle. Der Umsatz beträgt nach Schätzungen viele Milliarden Euro.

Wie machtlos die Justiz oft agiert, zeigen Zahlen. In Berlin wurden in den vergangenen Jahren jeweils zwischen einer und knapp zwei Millionen Euro aus Geschäften krimineller Banden beschlagnahmt. Ein winziger Betrag im Vergleich zu den Einnahmen.

Der Berliner SPD-Politiker Tom Schreiber, der schon lange die Macht der Organisierten Kriminalität anprangert, sagte: „Ziel muss sein, bei den kriminellen Banden jährlich einen zweistelligen Millionenbetrag abzufischen.“ Polizei und Justiz müssten dringend aufrüsten. „Die Ermittler sind seit Jahren frustriert, weil sie nicht genug Leute und politische Rückendeckung haben.“

Erste Ansätze gibt es. Seit 2015 arbeitet eine Projektgruppe „Recht der Vermögensabschöpfung“ beim Bundesjustizminister. Berlins Senat will bis Ende April ein Konzept zum verschärften Vorgehen gegen die Organisierte Kriminalität vorlegen. Selbst Berlins Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) räumte unlängst ein: „Diese Clans tanzen dem Staat auf der Nase herum - das können wir uns nicht gefallen lassen.“

dpa

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