Deutsch-tschechisches Drogenproblem

Crystal Meth und die schlimmen Folgen

Dresden/Prag - Crystal ist die billigste der harten Drogen. Zumeist im tschechischen Grenzgebiet produziert, findet sie in Deutschland seit Jahren immer mehr Abnehmer. Mit schlimmen Folgen.

Sie ist relativ leicht herzustellen, billig und zumindest im deutsch-tschechischen Grenzgebiet auch jederzeit fast überall verfügbar. Und sie macht extrem schnell abhängig. Die synthetische Droge Crystal Meth - oder einfach auch nur Crystal - ist auf dem Vormarsch. „Die Herkunft der Schmuggler sowie größere Sicherstellungsmengen weit abseits der Grenze zeigen uns, dass es zwischenzeitlich kein allein sächsisches und bayerisches Problem mehr ist“, sagt Anett Häußler, Leiterin der Zollfahndungsamtes Dresden.

Schon für 15 Euro ist ein Gramm Methamphetamin - so die wissenschaftliche Bezeichnung - in Tschechien zu haben. Kaufen kann man es überall im Grenzgebiet auf sogenannten „Vietnamesen-Märkten“. Der Wirkstoffgehalt ist laut Zoll hoch, zwischen 70 und 80 Prozent. Je weiter man weg kommt von der Grenze, desto höher ist der Straßenverkaufspreis. Laut Bundeskriminalamt liegt er deutschlandweit bei 79 Euro pro Gramm. Das macht den Schmuggel auch bei Kleinstmengen lukrativ. Oftmals finanzieren Abhängige so ihre Sucht.

„Drogen und Straßenmärkte sind eine Krankheit aller tschechischen Grenzstädte“, meint Dalibor Blazek, Bürgermeister der Kleinstadt Asch (As), die sowohl an Sachsen als auch an Bayern grenzt. „Wenn ich mit den anderen Bürgermeistern an der Grenze spreche, dann haben sie die gleichen Schwierigkeiten.“

90 Prozent der Crystal-Schmuggler sind Deutsche, sagt Maik Rosenkranz, stellvertretender Leiter der Soko „Crystal“ beim Zollfahndungsamt Dresden. Viele Schmuggler sind selbst abhängig, im Schnitt 30 Jahre alt und zu zwei Dritteln männlich.

Waren es im Jahr 2011 noch gut drei Kilo Crystal, die im Grenzgebiet vom Zoll sichergestellt wurden, stieg die Menge bis 2013 auf 14,1 Kilo. In diesem Jahr fanden die Zöllner allein in Sachsen bei Kontrollen bereits 7,5 Kilo der aus Tschechien eingeschmuggelten Droge. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen. „Man spricht von zehn Tonnen, die jährlich in Tschechien hergestellt werden“, sagt Rosenkranz. Produziert werde aber nicht nur für den deutschen Markt.

„Crystal ist Teufelszeug“, warnte Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) kürzlich im Landtag. Um Schmuggel und Herstellung besser bekämpfen zu können, wünscht er sich ein Polizeiabkommen auch mit Tschechien - ähnlich dem mit Polen, das kürzlich unterzeichnet wurde und die grenzübergreifende Zusammenarbeit der Fahnder regelt.

Doch schon jetzt gibt es Kooperationen auf vielen Ebenen: „Wir arbeiten sehr intensiv mit den Kolleginnen und den Kollegen in der Tschechischen Republik zusammen“, sagt Zollamtschefin Häußler. Zwischen den Staatsanwaltschaften gibt es einen „heißen Draht“, über den sich sprachkundige Ankläger austauschen. „Die Situation schreit ja förmlich danach“, sagt Sachsens Generalstaatsanwalt Klaus Fleischmann, der die Bedrohung der Gesellschaft durch die Droge mit der durch die Pest im Mittelalter vergleicht.

Zahlen belegen das Problem: In der Kriminalstatistik 2013 nahmen Rauschgiftdelikte in Sachsen um 533 auf 9408 Fälle zu. Mehr als die Hälfte standen mit Crystal in Zusammenhang. 4948 Konsumenten wurden von der Polizei erwischt. Die Dunkelziffer kann man nur erahnen.

In Tschechien steigt die Zahl der Konsumenten ebenfalls, auch in der 13 000-Einwohner-Stadt Asch. „Wir wissen gar nicht, wie groß das Problem wirklich ist“, sagt Bürgermeister Blazek. Um Abhängige kümmern sich Streetworker des Vereins Kotec. Dennoch glaubt Blazek: „Man muss der Polizei weit härtere Instrumente in die Hand geben.“

Tatsächlich haben tschechische Richter im April eine etwas härtere Gangart eingelegt. Wer mit mehr als 1,5 Gramm Crystal erwischt wird, muss nun in der Regel mit einer Strafe rechnen. Zuvor hatte die Grenze bei 2 Gramm gelegen. Mit der Verschärfung habe Tschechien auch auf Druck aus Bayern reagiert, heißt es in Regierungskreisen.

Tschechiens nationaler Drogenbeauftragter Jindrich Voboril glaubt nicht an eine große Wirkung. „Politiker haben oft das Gefühl, dass das Drogenproblem mit Hilfe der Polizei gelöst werden kann.“ Doch das sei ein Trugschluss. „Wir brauchen viel mehr Prävention und Behandlung als Repression.“ Crystal sei wie eine Epidemie, die sich ausbreiten könne, warnt er.

In Deutschland drohe sich zu wiederholen, was man in Städten wie Prag seit Ende der 1970er Jahren kennt: Hausfrauen, Taxifahrer und Sportler greifen zu dem Aufputschmittel, das in Tschechien noch unter seinem deutschen Namen Pervitin bekannt ist. „Eine Pervitin-Epidemie würde ich keinem Land wünschen“, sagt Voboril.

Auch hierzulande wird Crystal nicht nur als Partydroge genutzt. So mancher nehme sie, um seine Leistungsfähigkeit auch im Job zu steigern, sagt Rosenkranz. „Den typischen Crystal-Konsumenten gibt es nicht.“ Das Problem ziehe sich durch alle Gesellschaftsschichten. „Und alle landen dann bei uns.“

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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