Darf so ein Schulleiter aussehen?

Lübeck - Greller grün- gelber Irokesen-Schnitt, Piercings, schräges Outfit und Schnürstiefel - so tritt Matthias Isecke-Vogelsang Tag für Tag vor seine Schüler.

Der bunteste Schulleiter Deutschlands

20 Jahre lang war das für ihn und die kleine Gemeinde Süsel in Schleswig-Holstein Alltag. Jetzt macht er plötzlich bundesweit als “Deutschlands schrillster Schulleiter“ Schlagzeilen.

Den Medien-Hype löste sein Wechsel an die Gotthard-Kühl-Schule in Lübeck aus. Seither geben sich Zeitungs- und Radiojournalisten, Fotografen und Fernsehteams bei dem bekennenden Punk die Klinke in die Hand - völlig überraschend für den 57-Jährigen mit dem bürgerlichen Familienleben. Er ist seit 31 Jahren verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. “Ich bin doch nicht von einem anderen Stern heruntergefallen. Ich war doch schon in Süsel bekannt wie ein bunter Hund“, wundert er sich mit warmer, ruhiger Stimme.

In der 5300-Einwohner-Gemeinde hatte man den allseits respektierten Schulleiter nur ungern ziehen lassen und ihm beim Abschied Haargel und Konzertkarten für seine Lieblingsband “Tote Hosen“ geschenkt. Elternsprecher Johannes Langlo lobt: “Er hat den Kindern gezeigt, dass es nicht auf das Äußere ankommt - er war eine Autorität.“

Auch das Kultusministerium in Kiel lässt keinen Zweifel an der Qualifikation des leidenschaftlichen Pädagogen zu. “Eine Frisur ist keine Schlüsselqualifikation. Es kommt darauf an, dass ein Schulleiter ein ausgewiesener Fachmann ist und Vorbildfunktion hat. Dazu gibt es nach ausführlichen Gesprächen nur ein eindeutiges Ja“, sagt Sprecher Thomas Schunk. Der 57-Jährige habe auch an seiner neuen Schule großen Rückhalt im Kollegium sowie bei den Eltern und Schülern, so Schunk. Auch Lübecks Schulrat Gustaf Dreier freut sich über den hoch qualifizierten Schulleiter.

Der will an seiner neuen Schule in einem Problemviertel Lübecks seinen guten Ruf bestätigen. Von den rund 500 Schülern im Alter von 6 bis 17 Jahren kommen etwa 40 Prozent aus Migranten- und viele aus sozial benachteiligten Familien. Eine Herausforderung, die er mit seinem neuen Kollegenteam gern annimmt, wie Isecke-Vogelsang sagt. Dort gibt es übrigens keine Aufregung um sein Äußeres: “Die Eltern waren vorgewarnt, jeder wusste, wer da kommt“, berichtet er und stellt fest: “Ich bin hier schon Normalität“.

Eine Normalität, die zum Wohle der Kinder Schule machen sollte, findet zum Beispiel Ruth Kock. Deren 15-jährige Tochter Annabelle geht in die 9a und lernt bei dem Neuen Erdkunde und Geschichte. “Man sieht, dass er mit absoluter Leidenschaft Lehrer ist“, begeistert sich die Mutter und fügt hinzu: “Von dem Schlag hätte ich gern mehr Lehrer in den Schulen ­ er vermittelt den Kindern Neugierde und Freude aufs Lernen. Das brauchen sie, dann kommen sie auch nicht auf dumme Gedanken.“

Annabelle selbst schwärmt ebenfalls: “Er ist der beste Lehrer, den ich je hatte. Seine Frisur und Klamotten? Scheißegal. Er macht tollen spannenden Unterricht und ist an der Schule total beliebt.“

Zum Punk wurde Isecke-Vogelsang vor Jahrzehnten, um seine Eltern zu schocken. Ein Generationenkonflikt, sagt er. Punk sein wurde für ihn schnell zur Lebenseinstellung. Für ihn bedeutet es neben Freiheit und Individualität vor allem, sich für Schwächere, Benachteiligte und gerechtere Verhältnisse einzusetzen. “Ich bin nicht auf die Haarfarbe und Piercings reduzierbar, sondern stehe auch für Normen wie Solidarität“, betont er. “Das ist keine Maskerade, das würden die Kinder schnell durchschauen.“

Gemeinsam mit seiner Frau, ebenfalls eine leidenschaftliche Pädagogin, engagiert er sich seit Jahren in Süsel ehrenamtlich im Kirchenkreis, bei der Volkshochschule und beim Deutschen Roten Kreuz. Auch in Lübeck will er nun mit seinem Kollegium mit bestem Beispiel voran gehen. Die Schule dort soll Ort von erfolgreichem Lernen und Erziehen werden. Eine Schule, mit der sich der Stadtteil identifiziert, wünscht sich der dreifache Familienvater. “Ich möchte, dass es sich lohnt, hier zur Schule zu gehen.“

dpa

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