Kindesmisshandlung

Drei tote Kinder pro Woche in Deutschland

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Laut zwei Berliner Rechtsmedizinern erleiden 70 Kinder pro Woche in Deutschland schwere Verletzungen durch Misshandlungen.

Berlin -  Zwei Ärzte halten das deutsche Kinderschutzsystem für so krank, dass sie ein Protestbuch geschrieben haben. Sie gehen von drei toten Kindern pro Woche als Folge von Gewalt aus.

Tritte ins Gesicht und Schläge mit dem Gürtel: Mit dramatischen Fotos und Fallschilderungen haben zwei Berliner Rechtsmediziner auf das Ausmaß von Kindesmisshandlung in Deutschland hingewiesen. In ihrem Buch „Deutschland misshandelt seine Kinder“, das am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde, werfen sie dem deutschen Hilfesystem von Jugendämtern bis zur Justiz „regelmäßiges Versagen“ vor.

Pro Woche gebe es in Deutschland drei tote Kinder als Folge von Quälerei und Gewalt. 70 Kinder erlitten pro Woche schwere Verletzungen durch Misshandlungen. Die Täter seien meist die Eltern. Der Deutsche Kinderschutzbund bestätigte die Zahlen. Kritiker halten das Buch allerdings für zu populistisch, pauschal und praxisfern.

Dieses Kind wurde am Unterschenkel malträtiert.

Autor Michael Tsokos untersucht seit 20 Jahren Misshandlungsspuren bei Kindern. „Früher dachte ich, das sind Einzelfälle“, sagt er. „Dann wurde es Routine.“ Tsokos sieht unvorstellbare Grausamkeit, und er schildert diese Fälle im Buch: Mütter, die Kleinkinder auf heiße Herdplatten oder in Badewannen mit kochend heißem Wasser setzen.

 Väter, die ihre Kinder ins Koma prügeln. Was Tsokos vermisst, sind Reformen im Kinderschutz. „Da ist seit 20 Jahren nichts passiert“, behauptet er. „Das System ist krank“. Tsokos Wut richtet sich gegen Jugendämter, Familienhelfer, Kinderärzte, Richter, Erzieher und Lehrer - viele schauten nicht richtig hin oder handelten nicht.

Risikofamilien besser kontrollieren

Tsokos spricht von einer Mission, das zu ändern. „Eltern sind Serientäter“, sagt er. Mitautorin Saskia Guddat kritisiert, dass Jugendämter und Familienhelfer ihrer „Wächter-Funktion“ nicht gerecht würden. Die Autoren fordern unter anderem, dass Risikofamilien mehr und besser kontrolliert und gefährdete Kinder schneller im Heim oder bei Pflegefamilien untergebracht werden.

Hämatome am Hals eines misshandelten Kindes.

Kinderschützer sollten so geschult werden, dass sie Verletzungen durch Misshandlungen erkennen. Und Familienrichter sollten mit Hilfe der Gutachten aus der Rechtsmedizin mehr Eltern das Sorgerecht entziehen.

„Es ist begrüßenswert, dass dieses Buch aufrüttelt“, sagt Heinz Hilgers, Präsident des Kinderschutzbundes. Die Vorschläge der Autoren hält er jedoch weitgehend für „unbrauchbar“. Er fordert Verbesserungen auf anderer Ebene: Bundesweite Schlüssel, die eine Ausstattung der Jugendämter vorgeben und sie nicht allein der Entscheidung von Kommunen und Kreisen überlassen. Und mehr Familienhilfe zu Hause, die bei den Stärken überforderter Eltern ansetzt. Die Herausforderung sei, Risikofamilien früh zu erreichen.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Rechtsmedizin ist nicht auf der Linie ihrer beiden Kollegen. „Sicher kann fast jeder Rechtsmediziner aus seiner beruflichen Praxis Beispiele nennen, die die eine oder andere dieser Thesen stützen“, sagt ihr Vorsitzender Thomas Bajanowski. Allerdings handele es sich immer um Einzelfälle.

Eine Verallgemeinerung werde dem Problem nicht gerecht. Ein Versagen der Institutionen sieht Bajanowski nicht. Er ist dafür, weiter über Kinderschutz zu diskutieren und nach Verbesserungen zu suchen. „Aber das dann auf der Basis belastbarer Daten und einer differenzierten Analyse“, ergänzt er. Die fehle ihm im Buch.

Familienrichter fühlen sich angegriffen

Auch Straf- und Familienrichter fühlen sich zu Unrecht angegriffen. Ihnen im Umgang mit Verfahren Naivität und Blauäugigkeit vorzuwerfen, sei eher populistisch und habe mit der wirklichen Praxis nichts zu tun, widerspricht Andrea Titz, Vize-Vorsitzende des Deutschen Richterbundes.

Richter seien sich durchaus bewusst, dass es Mütter und Väter gibt, die ihren Kindern auch vorsätzlich schwere Verletzungen zufügten. Dennoch sei jeder Fall ein Einzelfall. Eltern das Sorgerecht zu entziehen, dürfe immer nur ein letztes Mittel sein.

dpa

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