Seuche breitet sich weiter aus

Ebola: Mehr Verdachtsfälle im Dezember erwartet 

Würzburg - Immer mehr Deutsche fahren nach Westafrika, um im Kampf gegen Ebola zu helfen. Einige von ihnen kehren demnächst zurück. Eine Herausforderung für das Gesundheitssystem, meint ein Experte.

Schon in wenigen Wochen könnten nach Einschätzung eines Experten deutlich mehr Ebola-Verdachtsfälle in Deutschland gemeldet werden als bisher. „Im Dezember wird es losgehen, dass sich die Zahl von Ebola-Verdachtsfällen in der Republik häufen wird. Und damit wird unser ganzes Gesundheitssystem ziemlich angespannt werden“, sagte der Chefarzt der Missionsärztlichen Klinik, August Stich, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa in Würzburg. Grund dafür sind Hunderte deutsche Helfer, die nach ihren Einsätzen in Westafrika nun wieder zurückkehren. Jeder mit erhöhter Temperatur oder anderen Symptomen müsse überprüft werden.

Die Helfer werden dafür in den 21 Tagen nach ihrer Rückkehr intensiv beobachtet und verbringen die Zeit zum Teil in häuslicher Quarantäne. Maximal 21 Tage kann es dauern, bis Ebola nach einer Ansteckung ausbricht. Anzeichen für die gefährliche Krankheit sind unter anderem Fieber, Erbrechen und Durchfall.

„Und dann stellt sich die Frage: Was machen wir mit jemandem, der in diesen drei Wochen Krankheitssymptome entwickelt, die mit ganz hoher Wahrscheinlichkeit nicht Ebola sind, aber die trotzdem abgeklärt werden müssen - unter Rahmenbedingungen, die es zulassen, dass es auch Ebola sein könnte?“, sagte Stich.

Dem Ebola-Experten zufolge sind die Hausärzte, Notfallambulanzen und Kliniken noch längst nicht alle darauf eingestellt. „Was ich jetzt erlebt habe, ist wirklich Panik, wenn jemand mit Durchfall aus Afrika zurückkommt“, sagte Stich. Er ist auch Sprecher des Ständigen Arbeitskreises der Kompetenz- und Behandlungszentren für Ebola. „Die Kosten, die Hektik, die Fehler, die dabei passieren, und die Tatsache, dass man die Leute in der Zeit nicht behandelt, weil man nichts mit Hochinfektiösem zu tun haben will, zeigen, dass da auch Gefahren entstehen, die man eben entsprechend bearbeiten muss.“

Es sei jedoch keine Lösung, die Verdachtsfälle auf eines der sieben Behandlungszentren in Deutschland zu verteilen. Dazu hätten diese auch nicht die Kapazität. „Sie sind für den Einzelfall gut gerüstet. Dafür sind sie gemacht. Und sie sind nicht gemacht als Filter- oder Screeningzentren der Nation. Das muss irgendwie anders geregelt werden.“

Es sei wichtig, dass sich „die Peripherie auf entsprechend sinnvolle Maßnahmen“ einstelle. Dafür müssten Isolationsmöglichkeiten am Ort geschaffen werden. Stich zufolge sollte eine kleine Gruppe im Umgang mit Schutzkleidung trainiert werden. Und die könne dann den Patienten Blutproben entnehmen. „Es ist wichtig, dass man klar ein Verfahren etabliert, wie diese Blutprobe untersucht wird. Ich kann ja nicht in einem normalen Labor untersuchen. Wenn das wirklich Ebola-Blut ist, gefährde ich die Laboranten.“

Er sieht die Behörden im Zugzwang. „Da muss man sich jetzt auf der Ebene der Gesundheitsbehörden der Länder, des Bundes und des Robert-Koch-Institutes einigen, wie man das am besten etabliert.“

Zahl der Ebola-Fälle steigt - knapp 5000 Tote

Ebola breitet sich in Westafrika weiter aus. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt nach Angaben vom Freitag inzwischen 13.268 Fälle, rund 200 mehr als vor wenigen Tagen. Die Zahl der Toten ist auf 4960 gestiegen. Eine hohe Dunkelziffer gilt als sicher.

In Liberia sind 6619 Menschen an der Seuche erkrankt, 2766 sind gestorben. In Sierra Leone liegt die Zahl der Betroffenen bei 4862, davon erlagen 1130 der Epidemie. Auch aus Guinea wurden weitere Kranke und Tote gemeldet. Die Entwicklung sei regional sehr unterschiedlich, teilte die WHO mit. In manchen Gegenden scheine sich die Lage zu bessern, in anderen gebe es noch einen starken Anstieg der Fälle.

Ebola-Gefahr belastet Schiffsverkehr mit Afrika

Die Ebola-Seuche beeinträchtigt auch den deutschen Seeverkehr. Auf Schiffen, die Häfen in Westafrika ansteuern, gilt besondere Vorsicht. Auch die ärztlichen Dienste in den deutschen Häfen haben sich auf die besondere Situation eingestellt.

Hamburg/Bremen (dpa) - Die Ebola-Seuche im Westafrika bringt für einige deutsche Reedereien Einschränkungen mit sich. Die Ladungsmenge sei zurückgegangen, spürbar sei zudem eine Verlagerung von Schiffen in andere Fahrtgebiete, hieß es aus Reedereikreisen. Manche Firmen schickten keine Mitarbeiter mehr in die Region, Investitionen würden verschoben, Projekte hinten angestellt. Schiffsbesatzungen müssten sich streng an die Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation WHO halten. „Das ist schon ein höherer Aufwand“, hieß es. Bei den hafenärztlichen Diensten in Hamburg und Bremen gilt verstärkte Aufmerksamkeit.

Die Reederei NSB in Buxtehude hat nach Angaben von Sprecherin Bettina Wiebe ausführliche Anweisungen für die Besatzungen der Schiffe zusammengestellt, die Häfen in Westafrika anlaufen. „Das wird auch laufend aktualisiert.“ Zum Beispiel werden Besuche an Bord und Landgänge auf das nötigste Maß reduziert. Es gibt Anweisungen zur Desinfektion. Sollte es doch einen Verdachtsfall an Bord geben, stehe Schutzausrüstung bereit. Spezielle Handlungsanweisungen seien nicht ungewöhnlich in der Seefahrt. Wiebe erinnerte an die Piraterie am Horn von Afrika.

Hapag-Lloyd unterhält zwar nur einen Liniendienst nach Westafrika, bekommt aber dennoch die Auswirkungen der Seuche zu spüren. Wie die Reederei im Internet mitteilte, verlangt sie derzeit auf dieser Route von ihren Kunden einen Zuschlag wegen längerer Wartezeiten vor der Elfenbeinküste. Um diese im Liniendienst wieder aufzuholen, müssten die Schiffe schneller fahren, was Treibstoff koste.

Der Verband der Deutschen Reeder betont jedoch, dass seine Mitglieder den Handel mit den von Ebola betroffenen Ländern nicht einstellen wollen. „Ich weiß, dass es ein bisschen Einschränkungen gibt“, sagte Verbandssprecher Christof Schwaner. Der Transport von Lebensmitteln und Rohstoffen, aber auch von Hilfsgütern müsse jedoch weitergehen. „Grundsätzlich gilt, dass das Risiko sehr gering ist, dass Ebola über die Besatzung verbreitet wird.“

Zudem kämen die Seeleute praktisch nicht mit der örtlichen Bevölkerung in Kontakt. „Die Besatzung bleibt im Hafen an Bord, das ist eigentlich immer so.“ Ihm sei kein Fall bekannt, dass Ebola über ein Schiff verbreitet worden sei, sagte Schwaner.

Im Hamburger Hafen gelten für ankommende Schiffe keine besonderen Maßnahmen, sagte der Sprecher der Gesundheitsbehörde, Rico Schmidt. Die bestehenden Regeln würden nur sorgsamer befolgt als sonst, vor allem von Reedereien. Wenn ein Schiff aus Westafrika Hamburg anlaufe, gehe der Hafenarzt vorsorglich an Bord. Bei einer Fahrzeit von weniger als 21 Tagen - der maximalen Zeit zwischen Ansteckung und Ausbruch - werde das Schiff unter vorläufige Quarantäne gestellt.

Der Hafenärztliche Dienst des Landes Bremen hat im Internet eine Reihe von Informationen zur Reaktion auf den Ebola-Ausbruch veröffentlicht. Wenn Schiffe sich für einen deutschen Hafen anmelden, müssen sie nach Angaben des Sprechers der Gesundheitsbehörde, Jens Schmidt, eine Seegesundheitserklärung abgeben. Die Kapitäne seien gebeten, gerade die Frage nach Infektionen an Bord sehr ernst zu nehmen.

dpa

Rubriklistenbild: © AFP

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