Der giftigste Ort der Welt liegt in Hessen

Deponie Gift
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Arbeiter errichten in der Untertagedeponie in Herfa-Neurode vor Fässern mit belasteten Abfällen eine Abmauerung.

Bad Hersfeld - Es sind hochgiftige Stoffe: Arsen, Dioxin, Furan, Zyanid oder Quecksilber.  2,75 Millionen Tonnen verseuchter Müll lagert in einer Untertagedeponie in Hessen. Es ist der giftigste Ort der Welt.

Wer zum giftigsten Ort der Welt will, ruckelt in einem vergitterten, abgegriffen wirkenden Lastenaufzug in die Tiefe. Nirgendwo lagern so viele hochgiftige Abfälle wie in der Untertagedeponie (UTD) Herfa-Neurode in Nordhessen. Hier liegen mittlerweile 2,75 Millionen Tonnen Müll, in dem vor allem Arsen, Dioxin, Furan, Zyanid oder Quecksilber enthalten ist. Allein die Menge Arsen würde reichen, um die gesamte Menschheit zu töten.

Der stillgelegte Teil des Kalisalzbergwerks bei Bad Hersfeld ist ein gigantischer Sammelplatz für die gefährlichsten Überreste industrieller Produktion. Die Betreiberfirma, eine Tochter des börsennotierten Bergbauunternehmens K+S, betont, dort unten in 500 bis 800 Meter Tiefe seien die Abfälle sicher - nur dort. Kritiker warnen dagegen vor Wassereinbrüchen aus angrenzenden Bergwerksbereichen.

Eine Werksansicht der Untertagedeponie in Herfa-Neurode.

“Festhalten!“, ruft Gerold Jahn, Leiter der UTD und der Verwertungsanlage in Herfa-Neurode. Die Fahrt im Transportkorb abwärts durch den Schacht dauert gerade eine Minute. Unten fahren Werksangestellte mit flachen Geländewagen durch die nicht einmal 2,50 Meter hohen, von den Abgasen bleigrau angelaufenen Gänge. Man hat das Gefühl, in einer besonders engen und endlosen Tiefgarage zu sein, die immer weiter nach unten führt. Die Luft wird durch sogenannte Frischwetter- und Abwetterschächte von der Oberfläche ein- und nach dort wieder ausgeblasen. Trotzdem ist es stickig, 600 Meter unter Tage ist es auch bei oberirdisch eisigen Bedingungen noch 25 Grad warm.

Alle Giftreste von Pharma bis Solarzellen

Jahn stoppt sein Fahrzeug am Probenraum, ein besonderer Showroom: Er gehört zum Deponiefeld 2, das bald an seine Kapazitätsgrenze stoßen wird. 70.000 Proben eingelagerter Stoffe sind hier säuberlich in langen Regalen in Glasfläschchen archiviert: “Hier findet sich alles Hochgiftige aus der Hightech-Produktion - von der Pharmaindustrie bis zur Solarzellenherstellung“, sagt Jahn und hält ein Fläschchen hoch, das er Besuchern gerne zeigt, weil darin ein grell pinkfarbenes Pulver schimmert. Es sind Überreste eines Umweltskandals: “Ein Pflanzenschutzmittel, das 1991 ins Ausland entsorgt werden sollte und schließlich aus Rumänien zurückgeholt wurde“, erläutert Jahn. Giftmüllschieber. Die UTD hat viele solcher Skandale geschluckt: Quecksilberhaltige Abfälle aus dem Chemiekombinat Bitterfeld der DDR etwa oder die mit Dioxin verseuchten “Kieselrot“-Bodenbeläge, eine Schlacke, die jahrzehntelang auf Fußball- und Tennisplätzen ausgebracht war.

“Es gibt aber auch klare Richtlinien dafür, welche Stoffe wir nicht annehmen“, sagt Jahn. Alles, was radioaktiv, explosiv, selbstentzündlich, selbstgängig brennbar, infektiös, ausgasend, flüssig oder Volumen vergrößernd ist, müsse draußen bleiben. Zudem werde bei der Anlieferung streng kontrolliert, Proben gezogen, ein Stoffabgleich mit den Begleitpapieren gemacht.

Heringen bekam ein Hallenbad

Ein Gabelstaplerfahrer lagert in der Untertagedeponie in Herfa-Neurode sogenannte Big-Bags mit belasteten Abfaellen ein.

Die Einwohner der Gemeinde, in der die UTD angesiedelt ist, stören sich an dem Giftmüll nicht, betont Hans Ries, Bürgermeister von Heringen: “Die unterirdische Deponie ist zwar nicht das Optimale, aber sie ist deutlich ungefährlicher als alles andere, was vorherpassiert ist.“ Ries, Ex-Grüner und IG-Metall-Funktionär, gibt sich pragmatisch: “Wir sind eine Industrienation. Das bringt Belastungen mit sich.“ Von den 8.000 Einwohnern arbeite jeder vierte Erwerbstätige bei K+S. Die sei auch ein wichtiger Gewerbesteuerzahler. “Dieser Ort ist mausetot, wenn die weg sind“, sagt Ries. Im Sommer bekam Heringen ein Freibad. Am vierten Adventssonntag hat Hans Ries das Hallenbad eröffnet. Er sagt: “Das gefährlichste an der UTD ist der Transport mit dem Lkw dorthin.“

Das sieht Johannes Woth, Vorsitzender der Nachbarverwaltungsgemeinschaft von Heringen im thüringischen Berka/Werra, ganz anders. Das Kalibergwerk Werra dehne sich östlich des Standortes der Untertagedeponie weiter aus. Und von dort drohe die größte Gefahr für ein Salzbergwerk: “Auf der thüringischen Seite des Bergwerkes dringen bis zu 50.000 Kubikmeter Wasser im Jahr ein“, sagt Woth und beruft sich auf Angaben eines Thüringer Ministerialbeamten. Weil es eine unterirdische Verbindung zu den hessischen Abbaufeldern und der Deponie gebe, bestehe die Möglichkeit, dass auch in die UTD Wasser eindringen könnte. Die Abfälle müssten dann ausgelagert werden“, warnt Woth.

Geeigneter Deponieraum wird weltweit knapp

Das hält der K+S-Mann Volker Lukas für widerlegt: Für die UTD sei berechnet worden, dass die gesamte Anlage für 10.000 Jahre als sicher gelten könne. “Es gibt einen sogenannten Langzeitsicherheitsnachweis.“ Ein System von Barrieren soll garantieren, dass die in den leergefrästen Bergwerks-Salzstollen eingelagerten Abfälle nicht mehr in die Biosphäre gelangen können, also in oberirdische oder oberflächennahe Luft, Boden und Wasser. Neben einer über der UTD liegenden 300 Meter starken, gasdichten Salzschicht und darüber einer 100 Meter starken, wasserdichten Tonschicht gebe es noch künstliche Barrieren, erklärt Lukas: Salzdämme und Ziegelmauern zwischen den Abfallkammern, eine dichte Schachtverfüllung für die Zeit nach Beendigung des Betriebes und schließlich Verpackungen aus Stahlcontainern, -fässern und großen Säcken aus Spezialkunststoff.

Noch ist die Entsorgung ein kleiner Geschäftsbereich der K+S. 2009 betrug der Anteil am gesamten Umsatz der Gruppe von 3,57 Milliarden Euro lediglich 67,2 Millionen Euro. Doch geeigneter Deponieraum für hochgefährliche Abfälle wird weltweit knapper. Auf einem Kongress Ende November in Braunschweig informierten sich Vertreter aus Lateinamerika, Europa und Asien über das Entsorgungskonzept UTD. Die K+S ist vorbereitet: “In der UTD werden jährlich bis zu 40.000 Tonnen Abfälle eingelagert, pro Tag werden 62.000 Tonnen (28.000 Kubikmeter) Salz abgebaut, und das eventuell noch 40 Jahre lang“, rechnen Lukas und Jahn vor und bekommen glänzende Augen. “Das wären 400 Millionen Tonnen - das 145-fache der bislang eingelagerten Abfallmenge.“ Eine Tonne Abfall einzulagern kostet 260 Euro. Momentan.

Peter Leveringhaus (dapd)

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