Viele Orte evakuiert

Hochwasserdrama: Lage „sehr prekär“

passau
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Die Studenten Timo (hinten) und Andre fahren am 03.06.2013 mit einem Paddelboot durch die überflutete Altstadt von Passau und erledigen Botengänge für betroffene Anwohner.

Gera - Zehntausende müssen ihre Häuser verlassen. Soldaten kämpfen gegen das Hochwasser. Vielerorts herrscht Ausnahmezustand. Und noch ist das Schlimmste nicht überstanden.

Das dramatische Hochwasser hat weite Teile Süd- und Ostdeutschlands in Katastrophenregionen verwandelt. Im bayerischen Passau wurde am Montag ein neuer Hochwasser-Rekord gemessen. In etlichen Städten und Landkreisen in Bayern, Thüringen und Sachsen galt Katastrophenalarm. Zehntausende Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums waren in den Überflutungsgebieten insgesamt 1800 Helfer des Technischen Hilfswerks (THW) im Einsatz, außerdem halfen 500 Bundespolizisten. Zudem wurden 1760 Soldaten mobilisiert.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) sicherte den Betroffenen am Montag Hilfe zu. „Die Bevölkerung kann sich darauf verlassen, dass wir alles tun, ihr die Schäden zu erleichtern“, sagte er in Chemnitz bei einem Besuch von sächsischen Hochwassergebieten. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wollte an diesem Dienstag in die betroffenen Gebiete reisen.

Das Hochwasser machte auch Straßen und Autobahnen unbefahrbar. Zudem war der Bahnverkehr beeinträchtigt. Insbesondere in Süd- und Niederbayern seien einige Strecken unterbrochen, sagte ein Sprecher der Deutschen Bahn. Die Hochwasserlage hatte sich am Wochenende extrem verschlimmert. Einen Lichtblick gibt es: Der Deutsche Wetterdienst hob am Montag seine Unwetterwarnung für weite Teile Sachsens auf. Bis zum Abend könne es aber noch leichten Regen geben.

Die deutschen Hochwassergebiete im Überblick:

BAYERN: An der Donau in Passau wurde am Montag ein neuer Hochwasser-Rekord gemessen: Das Wasser stieg 12,50 Meter hoch und überschritt damit die Marke von 12,20 Metern aus dem Jahr 1954. Ein höherer Wert ist nur aus dem Jahr 1501 überliefert. Die Passauer Altstadt und andere Teile des Zentrums der Dreiflüssestadt sind überflutet. In der Altstadt musste zum Teil der Strom abgestellt werden, jetzt drohen Probleme bei der Trinkwasserversorgung. 150 Soldaten wurden als Helfer in die Stadt abkommandiert. Auch in Rosenheim ist die Lage nach wie vor dramatisch: Nach einem Dammbruch des Auerbaches mussten rund 170 Menschen in Sicherheit gebracht werden. Außerdem drohte ein weiterer Damm in Kolbermoor bei Rosenheim zu brechen. Am Main in Unterfranken zeichnete sich dagegen eine Entspannung ab.

SACHSEN: In sieben Landkreisen und den drei Städten Dresden, Chemnitz und Zwickau galt am Montag Katastrophenalarm. Tausende Menschen mussten ihre Häuser und Wohnungen verlassen. Einige Hausbesitzer verweigerten die Evakuierung - zum Ärger von Landesinnenminister Markus Ulbig (CDU): „Das, was wir hier machen, ist kein Spaß.“ In Dresden wurde ein Pegelstand von bis zu 9 Metern erwartet - fast so viel wie bei der Jahrhundertflut im August 2002 (9,40 Meter).

In Grimma stand das Wasser der Mulde meterhoch in der Altstadt, die nur noch mit Schlauchbooten befahrbar ist. Dort ging man davon aus, dass die Hochwassermarke von 2002 erreicht wird. Auch an der Weißen Elster und den Mulden im Landkreis Leipzig hatte sich die Lage verschärft. „Die Evakuierungen werden ausgeweitet“, sagte eine Sprecherin des Krisenstabes in Grimma. Rund 6000 Menschen sollen im Landkreis betroffen sein. Die Hochwasserkatastrophe ähnele der Jahrhundertflut in Sachsen von 2002, sagte Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU). „Wir haben eine sehr, sehr prekäre Situation, die durchaus mit der von 2002 vergleichbar ist.“

Hochwasser in Deutschland: Angst vor der Jahrhundertflut

Hochwasser in Deutschland: Angst vor der Jahrhundertflut

THÜRINGEN: In Gera sowie den Kreisen Greiz und Altenburger Land, wo Katastrophenalarm herrschte, mussten sich bisher mehr als 2000 Menschen in Sicherheit bringen. Der bereits am Wochenende evakuierte Ort Serbitz stand komplett unter Wasser. In Gera befürchtete die Stadtverwaltung das Bersten einer Hochwasserschutzmauer, die nur noch 30 Zentimeter aus dem Wasser ragte. Massive Probleme meldete der Kreis Weimarer Land rund um den Zusammenfluss von Saale und Ilm bei Großheringen und flussaufwärts an der Ilm. In Jena hat sich am Montag die Hochwassersituation an der Saale dagegen leicht entspannt. In Thüringen unterstützten Soldaten seit Sonntagabend die Einsatzkräfte.

SACHSEN-ANHALT: Der Burgenlandkreis und der Landkreis Anhalt-Bitterfeld riefen den Katastrophenalarm aus. An den Grenzen zu Thüringen und Sachsen trat die Weiße Elster flächendeckend über die Deiche. Im Süden des Landes mussten Hunderte ihre Wohnungen verlassen. Es werde mit weiteren Evakuierungen gerechnet, sagte der Leiter des Krisenstabes im Burgenlandkreis, Dieter Engelhardt, der Nachrichtenagentur dpa. In Halle wurde ein Pflegeheim geräumt. Straßen und Häuser wurden überflutet, teils musste der Strom abgeschaltet werden.

In anderen Bundesländern blieben die Folgen weniger dramatisch: Nordrhein-Westfalen etwa blieb vom Hochwasser weitgehend verschont. In Hessen stiegen die Pegelstände am Main nach Angaben des Hessischen Landesamts für Umwelt und Geologie jedoch weiter. In Mainz wurde am Montagmorgen ein Rhein-Pegelstand von 6,64 Metern gemessen, bis Dienstag rechnet das rheinland-pfälzische Umweltministerium mit einem Anstieg auf etwa 7,20 Meter. Das wäre dort der höchste gemessene Wert seit 1988.

Leiche von Hochwasser-Opfer im Südwesten gefunden

In Baden-Württemberg entspannte sich indessen die Lage an den Flüssen. Für einen Vermissten aus dem Kreis Reutlingen bestand laut Polizei kaum noch Hoffnung. Drei Tage nach einem Sturz in die tosende Elsach ist die Leiche eines Hochwasser-Opfers aus Bad Urach in Baden-Württemberg gefunden worden. Der Körper des 46-jährigen Bauarbeiter lag bei Metzingen im Bachbett der Erms - 13 Kilometer vom Unglücksort entfernt, teilte die Polizei am Montag mit. Der Mann hatte am Freitagabend eine Baustelle gegen das Hochwasser absichern wollen. Dabei stürzte er wohl in die Wassermassen.

Hochwasser fordert mehrere Todesopfer in Europa

Geräumte Häuser und Innenstädte unter Wasser - auch in Österreich und Tschechien hat das Hochwasser enorme Schäden angerichtet und Menschen getötet. Bei den Überschwemmungen nach starkem Dauerregen starben seit Sonntag allein in Tschechien vier Männer und eine Frau. Die Lage in den betroffenen Ländern im Überblick:

TSCHECHIEN: Landesweit mussten mehr als 6400 Menschen nach Angaben der Feuerwehr ihre Häuser verlassen, um sich in Sicherheit zu bringen. Die Regierung von Ministerpräsident Petr Necas hatte am Sonntag den Notstand für fast alle Regionen ausgerufen. Im Riesengebirge fanden Rettungskräfte in der Nacht zum Montag im Fluss Upa die Leiche eines Mannes. Östlich von Prag ertrank ein 82-jähriger Rentner in einem Bach. In der Region Pilsen fiel ein 69-Jähriger in einen Abflusskanal und ertrank, wie die Agentur CTK meldete. Bereits am Wochenende waren zwei Menschen gestorben, als ihre Datscha einstürzte. Die Zahl der Toten stieg damit seit Sonntag auf fünf.

In Prag hatte die Feuerwehr mobile Hochwasserbarrieren errichtet, um die Altstadt zu schützen. Die Stadt geht davon aus, dass die Barrieren einem Jahrhunderthochwasser standhalten können. Der U-Bahn-Verkehr im Zentrum der Millionenstadt wurde eingestellt. Schulen blieben geschlossen, ein Krankenhaus musste geräumt werden.

Hochwasser-Drama in Österreich, der Schweiz und Tschechien

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ÖSTERREICH: In vielen Landesteilen sorgte das Hochwasser am Montag für katastrophale Zustände. Wichtige Zugverbindungen waren gesperrt, Innenstädte standen unter Wasser. In Tirol entgleiste in der Nacht zu Montag am Brenner ein Zug, weil eine Schlamm- und Gerölllawine die Gleise verschüttete. Bislang gab es durch die Überflutungen mindestens einen Toten, mindestens drei Menschen wurden vermisst. Während sich die Lage in den westlichen Bundesländern Tirol, Vorarlberg und Salzburg am Vormittag leicht entspannte, wurden im Osten für Niederösterreich Donau-Pegelstände über dem Katastrophenhochwasser von 2002 vorhergesagt.

SCHWEIZ: In der Schweiz hat sich die Lage am Montag weiter entspannt. Nachdem die schweren Regenfälle Sonntagmorgen aufhörten, konnten die meisten Kantone Entwarnung geben und mit den Aufräumarbeiten beginnen. Am stärksten war die Deutschschweiz von den Wassermassen betroffen - vor allem die an Österreich grenzende östliche Region mit dem Kanton St. Gallen. Dort fiel mit örtlich mehr als 140 Litern pro Quadratmeter so viel Regen wie sonst nur alle 100 Jahre, hieß es beim Wetterdienst MeteoSchweiz. In dem Kanton ist möglicherweise ein Todesopfer zu beklagen: In der Ortschaft Kaltbrunn riss ein Bach in der Nacht zum Samstag einen 72-jährigen Mann mit, der zunächst nicht gefunden werden konnte.

dpa

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