"Töchter verwirrt eine Schwulen-Hochzeit"

Homophober Rat: NRW-Zeitung wirft Kolumnistin raus

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Der "Gute Rat am Sonntag" über eine Homo-Ehe sorgte für viel Wirbel.

München - Der Ratschlag einer Diplom-Psychologin in einer ostwestfälischen Zeitung hat für Aufregung gesorgt. Die empfahl einem Leser, dessen kleine Töchter nicht auf eine Schwulen-Hochzeit zu schicken.

Update Donnerstag, 21. Mai 2015, 13.30 Uhr: Wie turi2 berichtet, wird das Westfalen-Blatt die Kolumne der Psychologin Barbara Eggert nicht fortsetzen. Wie die Zeitung mitteilte, hätt der Text nicht erscheinen dürfen, er wäre nicht mit der Redaktionsleitung abgestimmt gewesen.

Lesen Sie, warum die Aufregung um die -Kolumne so groß ist

Bernhard hat seinen Bruder gerne, auch dessen Freund mag er. Die beiden seien "wunderbare Menschen", betont er, als er sich an die Diplom-Psychologin Barbara Eggert wendet. Die schreibt die Ratgeber-Kolumne "Guter Rat am Sonntag" für das "Westfalen-Blatt". Das Problem des 43-Jährigen: Die beiden Männer haben seine beiden Töchter, sechs und acht Jahre alt, gebeten, auf ihrer anstehenden Hochzeit als Blumenmädchen zu fungieren. Er habe den Mädchen jedoch beigebracht, dass die Ehe eine "ernste Entscheidung zwischen Mann und Frau sei", jedoch nicht zwischen zwei Menschen des gleichen Geschlechts. Er wolle nicht, dass seine Töchter sich "in ihrem Alter mit dem Thema der sexuellen Orientierung befassen", so der besorgte Vater, dessen Schreiben ausgerechnet am 17.5., dem Tag gegen Homophobie, gedruckt wurde.

Der Rat, den die Expertin darauf gab, löste im Internet einen Aufschrei der Empörung aus. Unter der Überschrift "Töchter schützen" gab Eggert dem besorgten Vater Recht und begründete das so: "Bei allem Respekt, es muss nicht sein, sechs- und achtjährige Kinder [zu der Schwulen-Hochzeit] einzuladen. [...] Ihre Töchter würden durcheinander gebracht und können die Situation Erwachsener nicht richtig einschätzen." Bernhard solle seinem Bruder sagen, dass seine Kinder nicht teilnehmen würden, weil er nicht möchte, dass sie "verwirrt" werden.

Der fragwürdige Artikel fand seinen Weg ins Internet, wo er in kürzester Zeit vielfach geteilt wurde. Der Shitstorm ließ nicht lange auf sich warten. Auf der Facebook-Seite der Zeitung hagelte es Kritik:  "Die Frau hat doch nicht alle Latten am Zaun", wurde die Diplom-Psychologin beschimpft. "Ihr seid ja von gestern", war da etwa zu lesen, "peinlich" sei der schwulenfeindliche Ratschlag, "wir leben im Jahr 2015!". Viele erbosten User "schämten" sich, schrieben sie der Redaktion.

"Journalistische Fehlleistung"

Deren Leiter sah sich schließlich am Dienstagnachmittag zu einer Stellungnahme genötigt: "Sehr selbstkritisch müssen wir einräumen, dass in der Kolumne so formuliert wird, dass der Text Kritik geradezu herausfordert", antwortete Ulrich Windolph. "Das ist unzweifelhaft eine gravierende journalistische Fehlleistung, die die Redaktion in vollem Umfang zu verantworten hat", gab er zu. Die Erklärung sei "aus Platzgründen" in gekürzter Fassung erschienen, so die Erklärung. "Wenn die Rede davon ist, dass die Kinder 'verwirrt werden' könnten, dann fehlt zwingend die Erklärung, woraus dies resultieren könnte - nämlich nicht aus dem Besuch einer Hochzeit zweier Männer an sich, sondern dadurch, dass den beiden Töchtern des Ratsuchenden bisher jegliche Aufklärung über Homosexualität fehlt."

Dass man die Gefühle vieler Menschen verletzt habe, bedauerte Windolph zutiefst. "Wir bitten dafür ausdrücklich um Entschuldigung und versichern, dass uns nichts ferner lag als das." Den Verdacht der Homophobie wies er von sich - doch dann machte er alles noch schlimmer!

Entschuldigung geht nach hinten los

Der Redaktionsleiter betonte nämlich, die Entscheidung der Eltern halte man für diskussionswürdig, man müsse sie allerdings akzeptieren. Toleranz für Intoleranz einfordern? Das kam bei den Lesern gar nicht gut an. Die bezeichneten die "Entschuldigung" als "lächerlich" und empfahlen der Diplom-Psychologin einen Berufswechsel. Die hatte sich selbst zu Wort gemeldet und ins selbe Horn gestoßen:

"Hier geht es nicht um meine Weltanschauung oder einen gesellschaftlichen Konflikt, sondern um ein ganz privates, nicht repräsentatives Problem eines verunsicherten Vaters", erklärte Barbara Eggert. Sie sei "der Meinung, dass man alle Menschen ernst nehmen und respektieren muss, auch die, und gerade die, die anders denken als man selbst, alles andere würde mir intolerant erscheinen." Der Rat habe sich ausschließlich auf diese bestimmte Situation bezogen und sei keine generelle Handlungsempfehlung.

Dass sie generell keine Diskriminierung Homosexueller dulde, schrieb sie jedoch nicht, und nur das wäre die richtige Antwort gewesen. Im Gegenteil: Sie ließ den Vater in seinem Irrglauben, dass die Liebe unter gleichgeschlechtlichen Partnern nicht "normal" sei. Die Gelegenheit, ihn aufzufordern, dass er seine Einstellung überdenken und seine Kinder Toleranz lehren möge, hatte sie verschenkt.

Tja, manchmal ist guter Rat eben wirklich teuer...

Haakon Nogge

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