Käßmann sieht Grenzbereiche bei Sterbehilfe

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Margot Käßmann eckt mit ihren Äußerungen zur Sterbehilfe an.

Berlin/Hannover - Die neue Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), Margot Käßmann, lehnt aktive Sterbehilfe weiterhin ab, hat aber Verständnis für Grenzbereiche.

Sie lehne die Suizid-Beihilfe durch Schweizer Vereine wie Dignitas ab, sagte sie der in Berlin erscheinenden Welt am Sonntag. Als Beispiele für Grenzbereiche nannte sie bestimmte Maßnahmen der Palliativmedizin, die bei Schwerstkranken lebensverkürzend sein können. Wichtig sei die Schmerzlinderung, hinter der unter Umständen zweitrangig werde, ob man in zwei oder vier Wochen sterbe. Im Vordergrund stehe für sie die sorgende Aufmerksamkeit für Sterbende, wie sie in Hospizen praktiziert werde.

Einen neuen Ton schlug Käßmann gegenüber einem Gesetz der früheren Bundesregierung an: der Regelung zu verbindlichen Patientenverfügungen. Bislang lehnte die EKD dieses Gesetz tendenziell ab. Käßmann, die selbst eine Krebserkrankung überstanden hat, sagte nun, sie persönlich könne mit dem Gesetz gut umgehen. Es halte die Balance zwischen dem Schutz der Selbstbestimmung und dem Schutz des Lebens. Sie halte es für akzeptabel, wenn sich Menschen gegen lebensverlängernde Maßnahmen wie etwa Magensonden wenden und für den Fall eines Wachkomas einen bestimmten Zeithorizont setzen, an dem dann die Maschinen abgeschaltet werden sollen.

Die Deutsche Hospiz Stiftung nannte Käßmanns Äußerungen “zweideutig“. Die Patientenschutzorganisation der Schwerstkranken und Sterbenden wendet sich mit aller Entschiedenheit gegen den organisierten assistierten Suizid, wie es ihn etwa in der Schweiz gebe. In Deutschland sei die Begleitung des Suizids straflos. “Suizid zu verüben ist eine individuelle Entscheidung“, sagte Eugen Brysch vom Vorstand der Stiftung. Suizid dürfe aber niemals zu einem gesellschaftlichen Angebot werden. Brysch kritisierte, Käßmann habe sich missverständlich für einen selbstbestimmten Tod ausgesprochen. Sie wende sich dann zwar gegen aktive Sterbehilfe - aber nicht gegen organisierten assistierten Suizid. Käßmann habe zudem fälschlich behauptet, Palliativmedizin könne sehr oft auch dazu führen, dass der Tod vorzeitig eintrete. Die Realität in der Hospiz- und Palliativpflege sehe anders aus: Dort führe die Anwendung von hochprofessioneller Symptomkontrolle nicht zum Massenphänomen des frühen Todes. Palliative Sedierung sei eine therapeutische Maßnahme in Abstimmung mit den Betroffenen, der Pflege und der Seelsorge. Sie finde in der Praxis sehr selten statt. In Deutschland lägen diese Fälle unter der Promillegrenze. Ein Massenphänomen sei jedoch in Deutschland, dass 400 000 Sterbende keine Palliativpflege erhielten.

dpa

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