Deutschland weltweit Schlusslicht bei den Löhnen

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Ein Bauarbeiter verfüllt eine Baugrube mit Beton. Trotz harter Arbeit müssen die Deutschen sich mit immer weniger Lohn zufrieden geben.

München - Das frustrierende Ergebnis des Lohnberichts der UNO lautet: In keinem anderen Industrieland sind die Löhne in den letzten zehn Jahren so stark gesunken wie in Deutschland. Wie der internationale Vergleich genau ausfiel:

Deutschland widersetzt sich allen Trends! Während die Löhne in fast allen Industriestaaten seit dem Jahr 2000 kräftig gestiegen sind, müssen die deutschen Arbeitnehmer mit Reallohneinbußen leben. Die Beschäftigten zahlen aus Sicht der UNO-Arbeitsorganisation ILO die Zeche für die weltweite Wirtschaftskrise. Die ILO-Studie „Global Wage Report“ beweist, was viele längst vermutet haben. Seit 2000 haben wir, inflationsbereinigt, 4,5 Prozent weniger in der Tasche.

Glücklicherweise widersetzt sich Deutschland aber auch einem weiteren Trend. Laut der UN-Studie ist gegenüber 2007 die Zahl der Arbeitslosen weltweit um knapp 30 Millionen auf rund 207 Millionen im vergangenen Jahr gestiegen. Für Deutschland hält die OECD in den kommenden Jahren sogar Vollbeschäftigung für möglich! Die OECD versteht darunter eine Arbeitslosenquote von drei bis vier Prozent. Die Sache hat aber einen Haken: „Vollbeschäftigung bedeutet auch, dass der Mangel an Arbeitskräften akut wird. Dann fehlen Menschen, die in die Sozialkassen einzahlen, aus der die wachsende Zahl der Rentner finanziert werden muss“, erklärt OECD-Vize-Generalsekretär Aart de Geus in der Zeit.

Vor allem die globale Wirtschaftskrise hatte auf die Lohnentwicklung gedrückt. Während sich 2006 und 2007 das globale Reallohnwachstum auf 2,7 und 2,8 Prozent belaufen habe, sei es infolge der Krise in den beiden folgenden Jahren auf 1,5 und 1,6 Prozent gesunken. Ohne China sei der Zuwachs auf Jahressicht von 2,1 Prozent 2006 sogar auf 0,7 Prozent 2009 gefallen, sagte Malte Lübker, einer der Studienautoren. Weil sich die Lohnentwicklung in vielen Industrieländern vom Produktivitätswachstum entkoppelt hätten, drohe eine Umverteilung der Einkommen. Die Vermögens- und Unternehmenseinkommen steigen, während die Arbeitseinkommen sinken. In Japan und Deutschland etwa seien die Löhne seit 2000 sogar gesunken. Dies sei einer der strukturellen Gründe für die Krise, da die Binnennachfrage erlahme oder die Verschuldung privater Haushalte zunehme. Damit habe sich die Krise also auch auf jene ausgewirkt, die ihren Job behalten haben, sagte ILO-Generalsekretär Juan Somavia. „Ihre Kaufkraft wurde durch die Krise beschnitten und ihre Lebensqualität vermindert.“ Nicht nur in Deutschland sanken die Löhne in der Krise sogar.

Trotzdem: Die Experten stellen Deutschland mit Blick auf die Bewältigung der Krise ein gutes Zeugnis aus. Durch „intelligente Arbeitsmarktinstrumente“ und einen „guten Dialog der Sozialpartner“ seien die Beschäftigung stabil geblieben und die Löhne nur leicht gesunken. Die Kurzarbeitsregelung sei eine „gute Investition“ gewesen, die Entlassungen verhindert und die Binnennachfrage gestützt habe.

Dem stehe jedoch gegenüber, dass die Löhne in Deutschland bereits vor die Krise zurückgegangen seien. Als Gründe nannte Lübker die Zunahme befristeter und gering bezahlter Beschäftigungsverhältnisse – etwa Leiharbeit und Minijobs – sowie moderate Tarifabschlüsse. Daneben spiegele sich der Produktivitätszuwachs nicht in entsprechend ansteigenden Löhnen wider. Dies bedeute zwar eine Zunahme der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Für die private Nachfrage seien Lohnsteigerungen aber eine „vernünftige Politik“.

Für Beschäftigte im Niedriglohnsektor bestehe die Gefahr, den Anschluss zu verlieren, hieß es weiter. Der Aufstieg in besser bezahlte Arbeitsverhältnisse sei weiter gering, die Gefahr, “im Niedriglohnsektor gefangen zu bleiben“, dagegen hoch. Als eine Gegenmaßnahme befürwortet die ILO Mindestlöhne, die bereits in 90 Prozent aller Staaten gelten würden. Etwa die Hälfte von ihnen habe diese in der Krise sogar angehoben.

Die Lohnentwicklung in Europa

So haben sich die Löhne in den drei Branchen Öffentlicher Dienst, Handel und Chemie in den vergangenen beiden Jahren entwickelt

Öffentlicher Dienst in Prozent 2008 Öffentlicher Dienst in Prozent 2009 Handel in Prozent 2008 Handel in Prozent 2009 Chemie in Prozent 2008 Chemie in Prozent 2009
Belgien 0 6,1 2,0 4,0 0,3 5,0
Bulgarien 0 10,0 13,3 18,6 12,1 21,3
Dänemark 2,5 3,3 2,3 2,3 2,5 2,5
Deutschland 3,6 3,9 1,2 1,2 2,8 3,6
Estland 0 6,0 k. A. k. A. k. A. k. A.
Finnland 3,9 4,3 3,5 3,5 2,9 3,8
Frankreich 0,8 0,8 k. A. 3,1 k. A. 3,1
Griechenland 0 4,5 7,0 7,0 6,1 6,7
Irland 0 5,0 k. A. 4,8 k. A. 4,8
Italien 3,0 1,6 2,5 4,8 3,3 2,6
Lettland k. A. k. A. k. A. k. A. k. A. k. A.
Litauen k. A. k. A. k. A. k. A. k. A. k. A.
Luxemburg 1,5 0,9 k. A. k. A. 1,0 2,1
Malta k. A. k. A. 1,8 2,4 1,8 2,4
Niederlande 2,0 2,0 2,9 2,8 2,9 4,4
Österreich 3,6 2,7 3,7 3,1 2,6 3,9
Polen 11,3 k. A. k. A. k. A. k. A. k. A.
Portugal 2,9 2,1 3,0 3,4 1,6 2,9
Rumänien 17,6 15,9 17,6 15,9 19,9 23,1
Schweden 3,4 2,9 k. A. k. A. 2,8 3,3
Slowakei 4,0 3,0 5,6 5,3 2,7 4,2
Slowenien 0 5,4 3,5 6,9 1,2 3,9
Spanien 3,1 2,4 2,3 3,5 2,6 2,6
Tschechien k. A. k. A. k. A. k. A. 3,8 6,7
Ungarn 0 5,0 k. A. k. A. k. A. k. A.
Vereinigtes ­Königreich 2,5 2,5 3,2 k. A. 1,3 k. A.
Zypern 1,5 2,0 k. A. k. A. 2,9 3,0
Quelle: Eurofound, Studie „Pay Developments“

So entwickelten sich die Löhne seit 2000

Die Tabelle beschreibt die kumulierte Lohn- und Gehaltsentwicklung zwischen 2000 und 2009 (inflationsbereinigt)

Land Lohnentwicklung in Prozent
Norwegen 25,1
Finnland 22,0
Südkorea 18,3
Australien 15,5
Irland 15,2
Schweden 14,4
Großbritannien 14,0
Schweiz 9,3
Frankreich 8,6
Spanien 7,5
Kanada 4,7
USA 2,2
Japan – 1,8
Deutschland – 4,5
Quelle: Global Wage Report 2010/11

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