Im Unterricht

Lehrerverband für kommentierte "Mein Kampf"-Ausgabe

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Drei Jahre lang haben sich Wissenschaftler am Institut für Zeitgeschichte in München durch Hitlers Hetzschrift "Mein Kampf" gearbeitet, um den Diktator zu widerlegen.

Hamburg - Zum Ende diesen Jahres läuft die 70-jährige Schutzfrist von Hitlers Buch "Mein Kampf" ab. Der Lehrerverband ist für eine kommentierte Ausgabe. Aber es gibt auch Gegenstimmen.

Im Januar bringt das Institut für Zeitgeschichte in München eine kommentierte Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“ heraus. Dass es kein Buch wie jedes andere ist, zeigt sich schon am Umgang des deutschen Buchhandels damit.

Der Buchhandel hat unterschiedliche Wege gefunden, mit einer kommentierten Neuausgabe von Adolf Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“ umzugehen. Der Onlinehändler Amazon will Erlöse aus dem Verkauf der Edition, die das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München im Januar veröffentlicht, für gemeinnützige Zwecke spenden, wie ein Sprecher sagte. Die Handelskette Thalia will das Buch nur „auf expliziten Kundenwunsch“ bestellen, es aber nicht in den Läden auslegen. Es sei „keine gesonderte Präsentation des Buchs vorgesehen“, sagte eine Sprecherin.

Vom Konkurrenten Hugendubel hieß es nur: „Grundsätzlich können unsere Kunden alles bei uns beziehen, was nicht auf dem Index steht.“ Ob das Buch auch in den Läden ausliegen wird, ließ die geschäftsführende Gesellschafterin Nina Hugendubel offen.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels wollte keine konkrete Handlungsanweisung ausgeben. Er setzt darauf, „dass seine Mitglieder mit den kommentierten Ausgaben der Schrift besonnen umgehen“, wie eine Sprecherin des Börsenvereins sagte.

Hitlers Hetzschrift "Mein Kampf"

Nach seinem Umsturzversuch im November 1923 hat Adolf Hitler, in der Festung Landsberg inhaftiert, 1924 sein Buch „Mein Kampf“ geschrieben. Darin legte er seine politischen Ansichten und Pläne dar. Als fanatischer Antisemit war Hitler Anhänger der „Rassentheorie“, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Frankreich entstand und in rechtsnationalen Kreisen in mehreren europäischen Ländern viele Anhänger hatte. In dieser Weltsicht war die sogenannte „arische Rasse“ - deren edelste Vertreter in Hitlers Weltanschauung die germanischen Völker waren - Begründer der menschlichen Kultur. Die Juden hätten eine „verderbliche Rolle in der Geschichte der Menschheit“ gespielt.

In der Hetzschrift sind die Grundlagen für Hitlers spätere Eroberungspolitik angelegt, wie manchen Gegnern Hitlers schon früh auffiel. Das Buch wurde zunächst aber aufseiten der demokratischen Parteien nicht ernst genommen. Der erste Band erschien im Juli 1925, der zweite folgte im Dezember 1926. Bis Herbst 1944 erreichte „Mein Kampf“ in Deutschland eine Auflage von 12,4 Millionen Exemplaren, dann gab es keine Neuauflage mehr.

Deutsche Lehrerverband für eine kommentierte Ausgabe

Der Deutsche Lehrerverband spricht sich dafür aus, Adolf Hitlers "Mein Kampf" bundesweit als kommentierte Ausgabe im Schulunterricht einzusetzen. Die Kultusministerkonferenz müsse "im Interesse einer Einheitlichkeit" beim didaktischen Umgang mit der Hetzschrift dazu Position beziehen, sagte Verbandspräsident Josef Kraus dem "Handelsblatt" vom Freitag (Online-Ausgabe). Eine wissenschaftlich überarbeitete und mit Kommentaren versehene Ausgabe könne einen wichtigen Beitrag "zur Immunisierung Heranwachsender gegen politischen Extremismus sein", begründete Kraus sein Anliegen.

Die Schulen könnten "Mein Kampf" laut Kraus ohnehin nicht einfach ignorieren. Denn für Kinder und Jugendliche Verbotenes erfreue sich oft beispielsweise im Internet erst recht großer Nachfrage, wie die Indexlisten der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien zeigten. Daher sei es vorzuziehen, wenn die Propagandaschrift "durch versierte Geschichts- und Politiklehrer" vorgestellt würde, schlussfolgerte Kraus. Ausgewählte Passagen aus dem Buch sollten demnach erst in der Oberstufe, also mit Schülern ab 16 Jahren, behandelt werden.

Gegenstimmen: Charlotte Knobloch hält nichts davon

Charlotte Knobloch, Ex-Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland und derzeitige Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, lehnte dagegen "Mein Kampf" als Unterrichtsmaterial entschieden ab. Jüdische Themen und Persönlichkeiten, die Deutschland bis 1933 maßgeblich mitprägten, würden in den Schulen allenfalls "stiefmütterlich" aufgegriffen, sagte Knobloch dem "Handelsblatt". Daher sei eine Behandlung ausgerechnet der "zutiefst antijüdische Schmähschrift" unverantwortlich. Eine Erziehung von Schülern zu geschichts- und verantwortungsbewussten Menschen sei auch "sehr gut ohne die Lektüre" denkbar und wünschenswert, sagte Knobloch.

Hitler hatte nach dem gescheiterten Putsch von 1923 in München während seiner Haft mit der Arbeit an "Mein Kampf" begonnen und die Schrift nach seiner Freilassung beendet. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ging das Urheberrecht auf den Freistaat Bayern über, der seither seine Zustimmung zu einem Neudruck stets verweigerte. Die 70-jährige Schutzfrist läuft Ende 2015 aus, danach unterliegt das Buch dann keinem Urheberschutz mehr.

Im Januar 2016 will das IfZ in München eine fast 2000 Seiten starke, kommentierte Ausgabe herausbringen, an der Wissenschaftler drei Jahre lang gearbeitet haben.

Januar 2016: Kommentierte Ausgabe von "Mein Kampf" kommt in den Handel

AFP/dpa

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