Projekt entschlüsselt 5000 Namen

Müller, Meyer, Schmidt - das bedeuten unsere Nachnamen

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Das Rätsel unserer Nachnamen soll endlich entschlüsselt werden.

München - Wie gern würden Sie die Bedeutung Ihres Nachnamens kennen? Dieser Aufgabe hat sich nun eine Gruppe verschrieben. Die Mitglieder kommen schnell voran.

Dr. Rita Heuser leitet das Projekt.

Namen sind nur Schall und Rauch. So formulierte es schon Johann Wolfgang von Goethe. Doch ist das wahr? Haben Sie sich nicht auch schon mal gefragt, was Ihr Familienname bedeutet? Woher er kommt und was das über Ihre Vorfahren aussagt? Seit 2012 geht ein zehnköpfiges Forscherteam aus Mainz im Rahmen des Projektes "Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschland" genau diesen Fragen nach. Eine Mammutaufgabe, denn in Deutschland gibt es rund 850.000 verschiedene Nachnamen. Inzwischen sind in der Datenbank rund 4500 Namen zu finden, alle zwei Wochen kommen neue hinzu. Übrigens auch türkische, baltische oder italienische. Kürzlich wurden die hierzulande häufigsten Familiennamen präsentiert.

Projektleiterin Dr. Rita Heuser weiß selbst noch nicht genau, woher ihr eigener Familiennamen abstammt. "Denkbar ist, dass dieser Name aus dem Ort Hausen kam", erzählt sie der tz. Der Name steht aber derzeit nicht auf ihrer Prioritätenliste. Dafür hat sie gerade die Herkunft des Namens Winter geklärt. "Es könnte sich auf jemanden beziehen, der zu dieser Jahreszeit einen Dienst oder eine Abgabe entrichten musste. Oder der im Winter geboren wurde", so Heuser.

Suche nach eigener Identität

Thomas Müller.

Auf der Suche nach der eigenen Identität ist die Herkunft des eigenen Namens für viele Menschen ein wichtiger Baustein. Aus Familiennamen lassen sich schließlich nicht zuletzt Rückschlüsse auf Kultur und Geschichte und schlussendlich das Leben der Vorfahren ziehen. Interessanterweise dominieren Berufsbezeichnungen als Familiennamen im Süden, im Norden stehen eher Rufnamen wie Petersen oder Jansen in Telefonbüchern.

Dr. Heuser und ihr Team haben aber noch mehr Beobachtungen: "Müller gibt es ja viele und vor allem in ganz Deutschland - nur im äußersten Südostbayern gibt es wenige." Dort finden sich dafür häufig Zusammensetzungen wie zum Beispiel Weißmüller. Dr. Heuser: "Das lässt einen Schluss zu: Es gab in dieser Region im Mittelalter so viele Müllers, dass man zur Unterscheidung ein weiteres Merkmal benötigte. Weißmüllers haben also vielleicht Weizen gemahlen. Und ein Obermüller hatte seine Mühle womöglich am Oberlauf eines Flusses."

Schimanski häufiger Name im Ruhrgebiet

Boris Becker.

Auch Einwanderungsbewegungen sind dank der Forschung erkennbar: Im Ruhrgebiet beispielsweise finden sich viele polnische Familiennamen. Ein Beispiel: Schimanski. Das sei auf den Bergbau und die Industriealisierung im 19. Jahrhundert zurückzuführen. Qualifizierte Kräfte wanderten einst aus Polen und Schlesien ein, wo Bergbau eine längere Tradition hatte.

Und ja, auch Dr. Heuser hat einen Lieblingsnachnamen: Schneekönig. "Ich bin bei einer Recherche darüber gestolpert und habe für diesen bezaubernden Namen zunächst keine Herkunft gefunden." In einem Dialektwörterbuch fand sie aber heraus: Es ist eine thüringisch-sächsische Bezeichnung für Zaunkönig. Ihr Rückschluss: "Da dürfte der Mensch, der diesen Namen bekam, wie dieser Vogel gewesen sein: klein, aber ziemlich oho."

Nachnamen: Die Top Ten in unserer Heimat

1. Müller: Bei Ahnen der Müllers hat es sich sehr wahrscheinlich um die Betreiber, Besitzer oder Pächter einer Mühle gehandelt.

2. Schmidt: Dieser Name geht auf den Beruf des Schmiedes zurück.

Harald Schmidt.

3. Schneider: Auch hier liegen die Ursprünge im Handwerk. Der Schneider hatte aber früher nicht zwangsläufig mit Stoffen, Nadel und Faden zu tun. Es hieß lediglich, dass diese Person etwas schneidet - das konnte auch Leder oder Holz sein.

4. Fischer: Interessanterweise sind die meisten Fischers im Norden Bayerns daheim. "Wahrscheinlich musste man im Norden aufgrund der Häufigkeit des Berufes auf andere Eigenschaften der Person zurückgreifen, um seine Unverwechselbarkeit herzustellen", so Dr. Heuser.

5. Weber: Erst im 12. Jahrhundert entwickelte sich die Weberei von einer häuslichen Nebenbeschäftigung zu einem eigenen Handwerk. Und hielt damit Einzug als Familienname.

6. Meyer: Die Vorfahren der Meyers waren im Mittelalter schon etwas Bessergestelltes. Der Meier nämlich führte im Auftrag des Grundherrn die Aufsicht über die Bewirtschaftung der Güter aus. Sogar eine niedere Gerichtsbarkeit gehörte zu seinen Aufgaben.

7. Wagner: Der Wagner war im Mittelalter der Wagenbauer.

8. Becker: Der Ursprung? Das Bäckerhandwerk natürlich.

9. Schulz: Ein Dorfvorsteher hieß Schultheiß oder Schulze. In den Anfängen wurde er vom Fürsten berufen, später gewählt.

10. Hoffmann: Das mittelhochdeutsche Wort "hoveman" beschrieb früher häufig den Verwalter eines Hofgutes.

Warum haben wir überhaupt Familiennamen?

Die Entstehung der Nachnamen begann in Italien und Frankreich im 12. Jahrhundert. Langsam breitete sie sich auch in Deutschland aus. Im Wesentlichen war sie im 16. Jahrhundert abgeschlossen. Der Grund für die Entstehung: Mit dem Anwachsen der Dörfer und Städte reichten Vornamen zur Identifizierung einzelner Personen nicht aus. Für Rechtsgeschäfte wie z. B. das Ausstellen einer Urkunde musste aber zwischen Hans und Hans unterschieden werden. Die Forscher unterscheiden zwischen fünf Namensklassen: Berufsnamen (Müller, Schneider), Herkunftsnamen (Bach, Busch), Namen mit körperlichen oder charakterlichen Merkmalen (von Kühn bis Sonnenschein), Verhaltensweisen (Still, Schlemmer) und aus Vornamen generierte Familiennamen (Marcus oder auch zum Beispiel Bernd Jensen, für Bernd, Sohn des Jens). 1875 wurden im Deutschen Reich schließlich Standesämter eingeführt und die Namen festgeschrieben.

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