63 Fälle von Körperverletzung

Falscher Arzt vor Gericht: So konnte er alle täuschen

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Der Angeklagte Denny H. (M) wird am 14.07.2016 im Gerichtssaal von seinen Rechtsanwälten beraten.

Berlin - Ein Hochstapler steht vor Gericht: Ein 41-Jähriger behandelte fünf Jahre lang als falscher Arzt Patienten, ohne dass es auffiel. Die Geschichte eines Lügengebildes.

Im weißen Kittel wurde er geschätzt, von Kollegen bekam er „äußerst fundiertes Fachwissen“ bescheinigt. Zuletzt behandelte er eineinhalb Jahre lang Passagiere auf einem Aida-Kreuzfahrtschiff. Doch ihr Arzt war wohl nur gelernter Krankenpfleger. Nun sitzt der 41-Jährige auf der Anklagebank. Zu Prozessbeginn am Donnerstag gesteht der Mann am Landgericht Berlin: „Ich habe mich mit gefälschten Dokumenten als Arzt ausgegeben.“ Seit 2010 habe er mit gefälschter Approbationsurkunde und einer am Computer gebastelten Bestätigung eines „Dr. med.“ ein Lügengebilde aufgebaut.

Dem Angeklagten wird gefährliche Körperverletzung vorgeworfen

80 Taten werden dem Mann vorgeworfen: Betrug, Urkundenfälschung, Missbrauch von Titeln und 63 Fälle von gefährlicher Körperverletzung. Der mutmaßliche Hochstapler erschlich sich den Ermittlungen zufolge als angeblicher Anästhesist und Intensivmediziner eine Stelle bei der Deutschen Stiftung für Organtransplantation sowie eine Dozententätigkeit an der Berliner Charité. Zudem habe er in einer Praxisklinik 41 Patienten unter Narkose gesetzt und als Schiffsarzt praktiziert. Damit habe er insgesamt rund 500 000 Euro eingenommen. „Es gab nie fachliche Beschwerden“, erklären die Verteidiger.

Schon als 9-Jähriger träumte er davon, "Medizinmann zu werden"

Der Angeklagte senkt den Kopf. „Ich möchte mich entschuldigen bei den Menschen, deren Vertrauen ich ausgenutzt habe“, sagt er. „Ich wollte Menschen helfen.“ Er habe als Kind die Abenteuerromane von Karl May verschlungen und schon als Neunjähriger davon geträumt, „einmal Medizinmann zu werden“. Nach der Trennung seiner Eltern sei es ihm aber nicht gelungen, das Abitur zu machen.

In Stendal in Sachsen-Anhalt wurde er Krankenpfleger. „Mein Herz schlug für die Intensivmedizin“, sagt der Angeklagte. Ärzte hätten ihn geschätzt. „Ich wurde immer häufiger bei Diagnostik einbezogen.“ Doch es sei mehr und mehr darum gegangen, Kosten einzusparen. Er habe deshalb eine Auszeit genommen. In Burma, Kambodscha und Vietnam sei er gewesen. „Da reifte der Entschluss, mich als Arzt auszugeben.“

Er bekam ein herausragendes Zeugnis

Berlin sollte wegen der Liebe zu einer Frau seine neue Heimat werden. Die Deutsche Stiftung für Organtransplantation täuscht er kurz darauf. „Es gab zwei Fachgespräche, dann hat man mich als Koordinator eingearbeitet.“ Er habe später ein hervorragendes Zeugnis erhalten. Es treffe auch zu, dass er in einer Praxisklinik als Narkosearzt am OP-Tisch stand. Die Dosierung habe problemlos ein Gerät geregelt: „Da gibt man nur das Gewicht des Patienten ein und drückt auf Start.“

Zuletzt arbeitete er als falscher Arzt an Bord der Aida. „Aus einer Laune heraus hatte ich mich beworben“, sagt der 41-Jährige. An der Charité sei es ihm zu theoretisch geworden. „Hatten Sie kein Muffensausen angesichts der vielen Passagiere?“, fragt der Richter. Der Angeklagte zuckt mit der Schulter: „Es war immer noch ein Kollege da.“ Einer Patientin soll er eine antibiotische Infusion gegeben haben, obwohl die Frau kein Penicillin verträgt. Sie soll Kreislaufprobleme bekommen haben.

Mit einem neuen Ausweis flog der Schwindel auf

Als der 41-Jährige im Oktober 2014 bei der Ärztekammer Berlin einen neuen Ausweis beantragte und einen zweiten Vornamen eintragen lassen wollte, kamen erste Zweifel auf. Im Dezember 2015 wurde er verhaftet.

Die Reederei Aida suspendierte den vermeintlichen Arzt, nachdem Staatsanwaltschaft und Ärztekammer das Unternehmen über den Fall informiert hatten. „Wir wurden von dem Mann umfassend getäuscht“, teilte ein Sprecher Anfang Dezember mit. Man unterstütze die Berliner Behörden bei ihren Ermittlungen. Das Urteil soll im August gesprochen werden.

dpa

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