Soziologe warnt vor irrationaler Reaktion

Sex-Übergriffe in Köln: Reker empört mit "Verhaltensregeln"

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Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker spricht in Köln vor der Presse.

Köln - Nach den Übergriffen auf Frauen vor dem Kölner Hauptbahnhof an Silvester ist zu den Tätern wenig bekannt. Die Stadt will Konsequenzen ziehen. Reker provoziert mit "Verhaltensregeln für Frauen". 

Nach den Übergriffen auf Frauen in Köln warnt der Risikosoziologe Ortwin Renn vor extremen Reaktionen und dem Schüren von Angst. „Man sollte weder zu einer starken Verharmlosung neigen - etwa Flüchtlinge zu Engeln hochstilisieren“, sagte Renn von der Universität Stuttgart der Deutschen Presse-Agentur. „Und umgekehrt ist es genauso falsch, aufgrund von Einzelfällen auf die Gesamtheit zu schließen.“

Soziologe warnt vor extremen Reaktionen

Renn sagte, Millionen ausländischer Mitbürger hätten Silvester friedlich gefeiert. „Da wir aber über die Ausnahmen berichten, bekommt dieser Vorfall einen höheren Stellenwert als ihm eigentlich zusteht.“

Auf der verfügbaren Datengrundlage könne er keine größere Kriminalitätsneigung bei arabischstämmigen Menschen oder Muslimen feststellen. „Wir Statistiker sagen immer: Gutheit und Schlechtheit der Menschen ist über alle Nationen und Bevölkerungsschichten hinweg ungefähr gleich häufig.“

Reker wird für "Verhaltensregeln für Frauen im Karneval" kritisiert 

„Es gibt keinen Hinweis, dass es sich hier um Menschen handelt, die hier in Köln Unterkunft als Flüchtlinge bezogen haben“, sagte Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) am Dienstag bei einer Pressekonferenz. Entsprechende Vermutungen halte sie für „absolut unzulässig“. Kölns Polizeipräsident Wolfgang Albers sagte: „Wir haben derzeit keine Erkenntnisse über Täter.“

Wie RP Online Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker zitiert, soll es in Köln "Verhaltensregeln" für junge Frauen und Mädchen geben, "damit ihnen solche Dinge nicht widerfahren". Zu den Regeln gehöre es zum Beispiel, zu Fremden eine Armlänge Distanz zu halten.

Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker spricht in Köln vor der Presse.

Über diese Zitate ärgern sich mehrere Menschen auf Twitter und Facebook. Christopher Lauer etwa kommentiert: "Verhaltensregeln für Frauen. Muss man erst mal drauf kommen." 
Eine Userin schreibt ebenfalls auf Twitter: "Wie? Köln hat jetzt Verhaltensregeln für Frauen? Ist das die "Selbst schuld, wenn.."-Nummer?" Die User sind wütend, dass Rekers Satz suggeriert, die Frauen müssten ihr Verhalten ändern. Dies könne nicht die Lösung des Problems und Angstgefühls sein. 

ZDF-"Neo Magazin Royale"-Moderator Jan Böhmermann twittert: "Nur fürs Verständnis, ich frage für eine Freundin: Gilt Henriette Rekers 'Eine Armlänge Abstand'-Trick für normale oder bewaffnete Fremde?" Er fordert seine Fans auf, ein Reker-Foto in Photoshop zu bearbeiten und der Oberbürgermeisterin spaßeshalber einen Fahrrad-Abstandhalter an den Arm zu setzen. Die User verwenden den Hashtag #einearmlaenge.

Hunderte demonstrieren vorm Kölner Dom gegen sexuelle Gewalt

Die Reaktionen - etwa bei Twitter unter dem Kennzeichen #einearmlaenge - pendelten zwischen Spott und scharfer Kritik. Ein Nutzer des Kurznachrichtendienstes schrieb etwa: „Ich könnte platzen! Bekommen Frauen jetzt eine Mitschuld, wenn sie sich nicht an die Verhaltensregeln halten?“ Ein anderer kommentierte ironisch: „Banken sollten vielleicht besser #einearmlaenge Abstand von Bankräubern halten.“

Nach Angaben der Polizei kamen am Dienstagabend etwa 250 bis 300 Frauen und Männer zu einer Kundgebung vor dem Dom. Sie forderten mehr Respekt und einen besseren Schutz von Frauen vor Gewalt ein. Zur Teilnahme an der Kundgebung war über soziale Netzwerke aufgerufen worden.

Hunderte demonstrieren gegen Sex-Übergriffe vor Kölner Dom 

"Keine 1000 Täter"

Dutzende Frauen sollen in der Silvesternacht auf dem Bahnhofsvorplatz aus einer Gruppe von etwa 1000 Männern heraus angegriffen worden sein. Die Polizei hatte von Sexualdelikten in massiver Form und von einer Vergewaltigung gesprochen. „Es gibt keine tausend Täter“, stellte Kölns Polizeipräsident Albers klar. Es habe eine Ansammlung von Menschen gegeben, aus der heraus Straftaten begangen worden seien. Zum jetzigen Zeitpunkt könne er noch keine Zahl von Tätern oder Tatverdächtigen nennen.

Polizeipräsident regiert auf Kritik am Einsatz

Frauen protestieren am Kölner Dom gegen Sexismus. 

Albers wies Kritik am Einsatz der Polizei zurück. Es seien ausreichend Kräfte auf dem Bahnhofsvorplatz gewesen. „Wir waren an dem Abend ordentlich aufgestellt.“ Die Beamten hätten zwar schon in der Silvesternacht von Übergriffen Kenntnis bekommen. Der volle Umfang - insbesondere der sexuellen Übergriffe - sei allerdings erst am nächsten Tag klargeworden. „Es hat auf der Leitstelle in der Nacht drei konkrete Notrufe zu dem Sachverhalt gegeben.“ Bislang gebe es 90 Strafanzeigen. Er rechne damit, dass es mehr werden, sagte Albers.

Der Einsatz habe damit begonnen, dass sich gut 1000 Männer auf dem Vorplatz und den Treppen zum Kölner Dom aufgehalten und Pyrotechnik gezündet beziehungsweise damit von oben auf Passanten geschossen hätten. Die Beamten hätten erst ab 1 Uhr, als der Platz vor dem Hauptbahnhof längst geräumt gewesen sei, erste Hinweise auf schwere Straftaten erhalten, sagte der Leitende Polizeidirektor, Michael Temme. Das gesamte Ausmaß der Übergriffe sei auch zu diesem Zeitpunkt noch unklar gewesen.

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"Erste Polizei-Auskunft war falsch"

Albers kritisierte jedoch die erste polizeiliche Einschätzung der Lage am Neujahrsmorgen. „Diese erste Auskunft war falsch.“ In einer Pressemitteilung hatte die Polizei die Einsatzlage in der Silvesternacht als entspannt beschrieben.

Köln verstärkt Sicherheitsvorkehrungen vor Karneval

Als Konsequenz aus den Übergriffen will die Stadt Köln ihre Sicherheitsvorkehrungen für Großveranstaltungen verschärfen. Stadt und Polizei hätten Maßnahmen entwickelt, „die dazu führen sollen, dass es solche Vorfälle hier nie wieder gibt“, sagte Reker. Frauen und Mädchen müssten ohne jedes Unsicherheitsgefühl in der Domstadt Karneval feiern können. „Wir wollen hier keine unkontrollierbaren Orte in Köln.“ Es müsse eine Stadt bleiben, „in der jeder auch feiern kann“.

Albers kündigte mit Blick auf Karneval an: „Nun werden wir deutlich die Präsenz erhöhen.“ Die Polizei werde sowohl uniformierte als auch zivile Kräfte einsetzen und mobile Videoanlagen einrichten.

Journalisten-Verband warnt vor Spekulationen über Täter

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat die Medien gegen den Vorwurf verteidigt, einseitig Partei für Flüchtlinge zu ergreifen. „Journalisten müssen informieren, aber nicht spekulieren“, teilte der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall am Dienstag mit. Es gebe bisher keine polizeilichen Hinweise darauf, dass es sich bei den Tätern um Flüchtlinge handele. „Eine nicht durch solide Recherchen gedeckte Verdachtsberichterstattung ist nicht nur unvereinbar mit den Prinzipien des professionellen Journalismus, sondern auch innenpolitisch brandgefährlich.“

Sex-Attacken vor Kölner Dom in der Silvesternacht

dpa/sah

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