Erst war von "entspanntem" Einsatz die Rede

Sex-Übergriffe zu Silvester: Harsche Kritik an der Polizei

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Die sexuellen Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht lösten Entsetzen aus.

Köln - Schockierende Vorfälle in Köln: Vor dem Hauptbahnhof werden Frauen in der Silvesternacht sexuell belästigt und ausgeraubt. Der Polizei will das zunächst nicht aufgefallen sein.

Die massiven Übergriffe auf zahlreiche Frauen in der Silvesternacht rund um den Kölner Hauptbahnhof haben bundesweit Entsetzen und Rufe nach Konsequenzen hervorgerufen. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) reagierte entsetzt auf die Vorfälle. „Das ist eine völlig neue Dimension der Gewalt. So etwas kennen wir bisher nicht“, so Plickert. Bei den am Einsatz beteiligten Polizeibeamten herrsche eine „tiefe Betroffenheit“.

Von den sexuellen Übergriffen und Diebstählen hatte die Polizei offenbar größtenteils im Laufe der Silvesternacht durch die wachsende Zahl von Anzeigen erfahren. Das sagte Wolfgang Wurm, Präsident der Bundespolizeidirektion Sankt Augustin. Die Taten selbst hätten die anwesenden Polizeibeamten nicht beobachtet, weil diese sich in einer riesigen und unübersichtlichen Menschenmenge abgespielt hätten. Festnahmen habe es keine gegeben, weil Zeugen und Opfer die Täter im Getümmel nicht wiedererkannt hätten.

Lesen Sie hier den Stand der Ermittlungen.

Kritik: Polizei wurde überrascht

Der Chef der NRW-Grünen, Sven Lehmann, übte harsche Kritik. Er forderte, es müsse aufgeklärt werden, warum die Polizei in Köln "von einer aggressiv auftretenden Menschenmenge derart überrascht wurde."

Insbesondere an der Kommunikationspolitik der Polizei Köln kam Kritik auf. Die hatte am Neujahrstag von einem "entspannten" Einsatz gesprochen.

Am 2. Januar gab sie dann bekannt, man habe eine eigene Ermittlungsgruppe für die Übergriffe am Bahnhofsvorplatz gegründet.

So rechtfertigt sich die Polizei

Die Bundespolizei, die für den Bahnhof zuständig ist, war nach Angaben Wurms mit 70 Kräften vor Ort. Die Kölner Polizei hatte im Bereich Hauptbahnhof und Dom rund 140 Beamte im Einsatz. Einige davon wurden aus anderen Teilen der Innenstadt zum Bahnhof geschickt, als dort die Lage eskalierte. „Für den Einsatz, den wir voraussehen konnten, waren wir sehr gut aufgestellt“, sagt Wurm. Wie sich der Einsatz dann tatsächlich entwickelt habe, sei eine „völlig neue Erfahrung“ und „für uns nicht absehbar“ gewesen: „Dafür hätten wir sicherlich ein wenig mehr Kräfte benötigt.“

Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) forderte am Dienstag in einer Pressemitteilung eine lückenlose Aufklärung der Vorkommnisse und eine starke Polizeipräsenz vor Ort. "Die Polizei muss personell in die Lage versetzt werden, sowohl ihrem präventiven Auftrag nachzukommen, also Straftaten zu verhindern, als auch in Gefahrensituationen schnell einzugreifen. Das wäre auch ein wichtiges Signal, dass der Rechtsstaat sich nicht zurückdrängen lässt."

Das war geschehen

Laut Polizei hatten sich am Silvesterabend auf dem Bahnhofsvorplatz unter den Tausenden Feiernden etwa 1000 Männer versammelt, die „dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum“ stammten. Die Herkunft der Täter habe man in dem Fall veröffentlicht, da es relevant für das Verständnis des Vorgangs sei, so der NRW-Landesvorsitzenden der GdP, Arnold Plickert.

Die zwischen 15- und 35-Jährigen waren demnach "stark alkoholisiert" und "völlig enthemmt". Die Beamten vor Ort hatten den Platz schließlich vorübergehend räumen lassen, weil Böller in die Menge geworfen wurden. So wollte man eine Massenpanik verhindern.

Sexuelle Übergriffe sollten von Raub ablenken

Aus dieser Menge hätten sich Gruppen von Männern gebildet, die Frauen umzingelt und bedrängt hätten. Insgesamt etwa 100 Täter sollen dabei gewesen ein, die Gruppen hätten nach Zeugenaussagen aus drei bis zu 20 Männern bestanden. Mit einer der Polizei bekannten Gruppe von Drogendealern am Kölner Bahnhofsplatz hätten sie allerdings nichts zu tun, betonte die Polizei am Dienstag.

Vielmehr sollen sie extra nach Köln gereist sein, um das Gedränge in der Silvesternacht sowie die ausgelassene Silvesterstimmung auszunutzen, um ihre Opfer auszurauben, weiß ARD-Reporter Jens Eberl. Der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, sprach daher im Radiosender NDR Info auch nicht von organisierter Kriminalität, sondern von Absprachen unter den Tätern.  

Es kam zu sexuellen Belästigungen, die offenbar von der Tat ablenken sollten. Dabei handelt es sich um eine besonders aggressive Form des sogenannten "Antanz-Tricks", bei dem die Täter Körperkontakt zu ihren Opfern suchen, um deren Wertsachen zu klauen, ohne dass diese es merken. Vor allem auf Handys und Geldbörsen hatten es die Täter abgesehen.

Auch eine Anzeige wegen Vergewaltigung

Doch bei den sexuellen Übergriffen blieb es nicht. Polizeipräsident Wolfgang Albers sprach in einer Bilanz am Montag von diversen Sexualdelikten in sehr massiver Form und einer Vergewaltigung. Sogar eine Zivilpolizistin fiel einem der Täter zum Opfer. Dieser habe ihr "in die Hose gefasst“, berichtete Plickert am Montag.

Bis Dienstagmittag stieg die Zahl der Anzeigen wegen Diebstahls und sexueller Belästigung laut Polizei auf etwa 90. „Wir gehen davon aus, dass noch weitere hinzukommen“, sagte er.

Erste Festnahmen nach den Übergriffen

Die Kölner Polizei hat nach den Vorfällen eine Ermittlungsgruppe eingerichtet. Am Sonntag nahmen Polizisten in der Nähe des Kölner Hauptbahnhofs fünf Männer fest.

Von ihnen wurden jedoch drei wieder freigelassen. Gegen die anderen beiden erging ein Haftbefehl wegen Taschendiebstahls.

Die Polizei zeigt jetzt Präsenz, sucht weiterhin nach Zeugen, wertet Videomaterial aus und sichtet die zahlreichen von Feiernden erstellten Handyvideos, um so zu weiteren Erkenntnissen zu gelangen.

De Maizière: Kein Generalverdacht gegen Flüchtlinge

Mit der aktuellen Flüchtlingswelle hätten die Täter nichts zu tun, betonte ein Polizeisprecher gegenüber rp-online.de. Die Täter würden über Nordafrika und Frankreich nach Deutschland reisen. 

„Der Rechtsstaat darf nicht zulassen, dass Menschen, die in unseren Städten friedlich feiern, derartigen Übergriffen ausgesetzt sind“, mahnte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU). „Dass ein so große Zahl von Personen, offensichtlich mit Migrationshintergrund, diese Übergriffe verübt haben sollen, stellt eine neue Dimension dar“, sagte er. „Dies darf aber nicht dazu führen, dass nunmehr Flüchtlinge gleich welcher Herkunft, die bei uns Schutz vor Verfolgung suchen, unter einen Generalverdacht gestellt werden.“

Die Zeit wird knapp: Karneval naht

Politiker aller Parteien äußerten ihr Entsetzen über die Vorfälle. Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker machte unmittelbar vor dem Krisentreffen am Dienstagmittag deutlich, dass sie vor allem die Polizei gefordert sieht. „Die Oberbürgermeisterin kann und wird nicht akzeptieren, dass sich hier ein rechtsfreier Raum bildet“, sagte Sprecher Timmer.

Schon Anfang Februar werden zu Weiberfastnacht und Rosenmontag Hunderttausende Besucher in Köln erwartet. Die Stadtspitze werde nicht zulassen, dass Menschen, die in die Domstadt kommen, Opfer von Übergriffen würden. Die Polizei kündigte daher an, die Einsatzkräfte bei Großveranstaltungen weiter aufzustocken, auch mit Zivilbeamten. Polizeipräsident Albers zufolge soll auch geprüft werden, ob bestimmte Bereiche stärker mit Videokameras überwacht werden. Über weitere Maßnahmen wollen Polizei und Stadt gemeinsam nachdenken.

Sexuelle Übergriffe auch in Hamburg

Auch die Polizei in Hamburg ermittelt wegen Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht, hier ist das Ausmaß allerdings weit geringer als in Köln. Die Opfer sollen jeweils von mehreren Männern mit „südländischem oder arabischem Aussehen“ an der Reeperbahn umringt und an der Brust oder im Intimbereich angefasst worden, wie die Polizei am Dienstag erklärte. Die Angaben zu den Gruppengrößen schwankten zwischen 5 oder 6 bis 20. Die Täter hätten den Frauen Handys, Papiere und Geld weggenommen. Es gehe um neun Fälle von sexueller Beleidigung, Raub und räuberischem Diebstahl.

Sex-Attacken vor Kölner Dom in der Silvesternacht

Hunderte demonstrieren gegen Sex-Übergriffe vor Kölner Dom

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dpa/tz

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