Streit um Mikrofone - Funkstille wegen Mobilfunk?

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Funk-Mikrofonen droht die Abschlatung.

Köln - Was haben Sänger, Pfarrer, Showmaster und Parteichefs bald vielleicht gemeinsam? Sie werden nicht mehr gehört. Weil Drahtlos-Mikros tausendfach nicht mehr funktionieren.

Die Zeit drängt. Bei Messen, Kongressen, Parteitagen, in Kirchen, Musicals und Opern bundesweit wächst die Nervosität, denn die Mikrofone drohen tausendfach auszufallen. Drahtlos-Mikros sind fast überall im Einsatz, werden nun aber Schritt für Schritt aus ihren Stammfrequenzen herausfallen. Technische Störungen oder komplette Funkstille wird befürchtet. Die Politik kennt das Problem. Der Bund hat den Ländern und Mikro-Nutzern Entschädigung zugesagt. Doch die Betroffenen sind über das bisherige Angebot empört. “Das geht so nicht, das ist ein ganz merkwürdiges Spiel, das der Bund da spielt“, sagt der Direktor des Deutschen Bühnenvereins, Rolf Bolwin.

“Das Angebot des Bundes ist so gestrickt, dass die meisten Mikroport-Nutzer gar kein Geld bekommen werden“, kritisiert Bolwin am Sonntag - nach Gesprächen zuvor in Bonn. Eine Entschädigung soll nur gezahlt werden, wenn die Drahtlosen nach dem 1. Januar 2006 gekauft wurden, also noch recht neu sind. Eine technische Störung muss zudem bereits eingetreten sein oder nachweislich kurz bevorstehen, damit der Bund Geld gibt. “Ein völlig unsachgemäßes Vorgehen, das an der Realität vorbeigeht. Wir können es uns nicht leisten, eine technische Störung oder einen Ausfall erst abzuwarten, das sind hohe Verluste.“

Der Hintergrund: Die Bundesnetzagentur hatte die Frequenzen aus dem 800 Megahertz-Bereich an Mobilfunkbetreiber versteigert. Dieser Bereich war dem Rundfunk zugewiesen, der die Frequenzen aber wegen der Digitalisierung nicht mehr benötigte. Auch die Drahtlos-Mikros nutzen diesen Bereich als “Sekundärnutzer“ bis 2015. Wenn Telekom, Vodafone und O2 das Spektrum nun aber für schnelleres Internet via Mobilfunk verwenden, fliegen die Mikros raus.

Ein Umrüsten oder Neukauf von Mikros, die andere Frequenzen nutzen können, ist teuer. Es kursieren Schätzungen von 700 Millionen bis gut drei Milliarden Euro. Die Bundesregierung will bis 2015 insgesamt 129 Millionen Euro bereitstellen. “Für uns steht dieses Angebot sehr fest“, sagt ein Sprecher des Finanzministeriums. Zu wenig, meinen Länder und Betroffene, von denen einige vom Berufsverband für Drahtlos-Produktionstechnologe (APWPT) vertreten werden.

Die Dimension des Problems sei wohl Vielen noch nicht klar, glaubt Matthias Fehr vom APWPT. “Ohne Mikros geht es heute nirgendwo mehr. Der Kreis der Betroffenen ist riesig, die Auswirkungen auch. Wir erwarten einen Eklat beim Besuch des Papstes in Deutschland im Herbst, der ja auch in ländliche Gebiete reist, wo die Arbeiten der Mobilfunkunternehmen beginnen.“ Bundesweit müssten rund 630 000 Mikros ersetzt werden. Es werde bereits 2011 zu einem erheblichen Schaden kommen.

Die Kirchen fürchten, dass sie fast leer ausgehen: “Unsere Gemeinden nutzen Anlagen, die oft deutlich älter sind als fünf, sechs Jahre. Ein großer Teil würde nichts bekommen“, sagt Detlef Rückert von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Ohne Mikro werde es in Gottesdienst und Gemeindehaus leider sehr still.

Die Telekom will offen zu Werke gehen und Infos liefern. “Wir haben einen regulären Prozess in Gang gesetzt, mit dem wir den Drahtlos-Nutzern ein Mal im Monat unsere fertigen Standorte mitteilen werden sowie unsere Vorausplanung von drei bis sechs Monaten“, sagt Sprecherin Marion Kessing. Die Daten gehen an Betroffene, den Städte- und Gemeindebund oder an die Landesmedienanstalten - und sollen bei einem geregelten Übergang helfen. Laut Bühnenverein nutzt das nichts, man brauche mehr Zeit und Absprachen. Ausfälle und Verluste würden nicht hingenommen: “Wir behalten uns Schadenersatzklagen gegen Mobilfunkbetreiber und Bundesnetzagentur vor.“

Von Yuriko Wahl, dpa

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