Zugunglück: Suche nach Unfallursache beginnt

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Hordorf - Nach dem verheerenden Zugunglück in Sachsen-Anhalt mit mindestens zehn Toten suchen Experten fieberhaft nach der Unfallursache.

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Zehn Tote bei Zugunglück - Signal übersehen?

Ein Triebwagen des Harz-Elbe-Expresses (HEX), der am Samstagabend etwa 40 Ausflügler von Magdeburg nach Halberstadt bringen sollte, liegt in Hordorf bei Oschersleben völlig zertrümmert auf einem Acker. Die ersten vorderen Sitzreihen des modernen Triebwagens sind bis zum vierten Fenster zermalmt. Türen ragen in die Luft, herausgerissene Sitze liegen vor dem Waggon. Am späten Samstagabend waren auf der eingleisigen Strecke ein Personenzug des Harz-Elbe-Express mit einem Güterzug frontal zusammengeprallt.

Frontalzusammenstoß: Schweres Zugunglück

Frontalzusammenstoß: Schweres Zugunglück in Sachsen-Anhalt

Die Bundespolizei spricht von zehn Toten und 23 Verletzten. Bei Tage wird das Ausmaß des Unglücks noch deutlicher als in der bitterkalten, nebligen Nacht zuvor. Gespenstisch muten die menschlichen Umrisse im Reif auf dem Acker an. Vor dem zerstörten blau-gelben Zug waren die Leichen unter Decken verhüllt worden. Ihre Körper zeichnen sich im Reif ab. Scheinwerfer der Feuerwehr, die in der Nacht zum Sonntag das Areal des Bahnhaltepunkts am Ortsrand von Hordorf ausgeleuchtet hatten, werden wieder abtransportiert.

Der Knall ist kilometerweit zu hören

Am Sonntagmorgen besucht Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer die Unfallstelle. Das Unglück “geht mir unter die Haut“, sagt der CDU-Politiker, der selbst jahrelang als Arzt in einem Krankenhaus gearbeitet hat. Einfach nur mit dem Wort “schlimm“ kommentiert Innenstaatssekretär Rüdiger Erben (SPD) das Geschehene. Er informiert sich bereits kurz nach Mitternacht über das Ausmaß und die Rettung der Verletzten vor Ort. Mit hoher Geschwindigkeit müssen beide Züge aufeinandergestoßen sein, mutmaßt er. Böhmer sagt, bei dem Zusammenprall der beiden Züge müssen “erhebliche Kräfte eingewirkt haben“. Während der Güterzug der Verkehrsbetriebe Peine-Salzgitter, der in seinen geschlossenen Kesseln Kalk geladen hatte, erst 500 Meter nach der Kollision auf der eingleisigen Strecke zum Stehen kam, wird der zweigliedrige Triebwagen durch die Wucht aus den Gleisen gerissen und zerstört. Der Knall des Zusammenstoßes wird noch im sieben Kilometer entfernten Oschersleben gehört.

Suche nach Ursache

Über die Ursache wird gerätselt. Schnell macht das Gerücht die Runde, das möglicherweise der Lokführer des Güterzuges ein Signal übersehen hat. Der Triebwagen des HEX müsse Grün gehabt haben, sagt ein gelernter Lokführer, der zufällig an dem Unglücksort vorbeikommt und auf das Signal verweist. Bestätigen will das von der Bundespolizei oder der Polizeidirektion niemand. Auch Böhmer mutmaßt, offenbar wurde eine Haltesignal überfahren. Landesinnenminister Holger Hövelmann (SPD) warnt vor voreiligen Schlüssen über die Unfallursache.

Bei vielen Menschen des 700 Einwohner zählenden Ortes in der Börde dürfte dieser schwere Unfall Erinnerungen wach werden lassen an ein folgenschweres Bahnunglück vor mehr als 43 Jahren. Am 6. Juli 1967 war in Langenweddingen, das nur gut 20 Kilometer von Hordorf entfernt liegt, auf der Bahnstrecke Magdeburg - Thale ein Doppelstockzug mit einem Tanklastwagen zusammengestoßen. Dabei explodierte der Tankwagen und im Zug starben 94 Reisende, darunter mehr als 40 Kinder, die sich auf dem Weg in ein Ferienlager befanden.

Von Annette Schneider-Solis und Norbert Claus

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